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Ein Liebesbrief an Frage-Antwort-Foren

Gutefrage.net und Co. sind die Schatztruhe des Netzes.
Von Madeleine Buck
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    Illustration: Daniela Rudolf

Das Internet hat Antworten auf alle Fragen. Für jene unbeantworteten Mysterien des Lebens, die nicht durch etwas Recherche selbst herauszufinden sind, gibt es unzählige Frage-Foren. Hier treffen User aufeinander, die sich gegenseitig helfen wollen. Und manche tun dies mit einer unglaublichen Geduld  – bei Fragen, die sich nicht einmal RTL II ausdenken könnte („Warum laufen Krokodile immer so schwul? Die laufen immer so als wenn die sich gerade die Nägel lackiert hätten oder so!?“). Nach intensivem Aufenthalt auf diesen Plattformen, stundenlangem Herumstöbern durch gute, sowie, sagen wir, interessante Fragen und Antworten, Lachen und überraschenden Erkenntnissen wird es nun Zeit für eine Ode an jene Frage-Antwort-Foren.

 

Sie sind die Schatztruhe des Internets. Hier gibt es Modeberatung, Ernährungstipps, Technik-Support, Life-Hacks und auch eine kleine „Dr. Sommer“-Abteilung, an die man sich bei Liebesfragen wenden kann – und das gratis. Aber auch wer das alles nicht braucht, sollte sich durch die Fragen klicken. Zum einen, weil das gute Unterhaltung ist („Kann man auf der Sonne gehen?“). Zum anderen, weil es zeigt, dass der Mensch auch im Internet ein guter sein kann.

 

Manchmal lassen uns die Fragen auf den Plattformen dabei an der Zurechnungsfähigkeit des Fragestellers zweifeln („Sind Hühner Tiere oder Vögel?“). Obwohl wir inständig hoffen, dass es sich dabei um einen Scherz handelt, gibt es dennoch immer wieder Menschen, die sich dem Schicksal des Betroffenen annehmen und ernsthaft versuchen zu helfen. Deswegen an dieser Stelle: Chapeau an alle unbezwingbaren, vor Weisheit sprühenden Antwortgeber! Chapeau an diejenigen, die auf die Frage „Vibriert meine Katze?“ nicht direkt mit dem Tierschutz drohen, sondern erklären, dass Brustvibrierwürmer ein weit verbreitetes Phänomen sind, und man sich keine Sorgen machen muss. Chapeau an die Beziehungsratgeber, die versuchen, einem Teenager beim ersten Mal zu helfen und dabei ganze Romane mit Tipps verfassen. Und Chapeau an die Antwortgeber, die Christen versichern, es sei okay, ins Solarium zu gehen – solange man während des Sonnens ein Kreuz auf die Stirn liegen hat.

 

Egal wie unnötig eine Frage scheint, eine Antwort kommt fast immer.

 

Noch ein Beispiel: Ein User fragt die Community, ob Vegetarier Fruchtfleisch essen dürfen. Er würde, nachdem er eine Dokumentation über Tierschlachtung gesehen hat, nun Vegetarier werden. Diese essen ja bekanntermaßen kein Fleisch. Ob er deshalb auch auf Fruchtfleisch verzichten müsse? Ob ernst gemeint oder nicht, einige User lassen es nicht nehmen, dem Veggie-Newbie zu erklären, was man als Vegetarier essen darf und was überhaupt Fruchtfleisch ist.

 

Vielleicht, beginnt man zu überlegen, handelt sich hier um ein Kind, das es einfach nicht besser weiß? Bei einem Blick auf den Account des Fragestellers stellt sich allerdings heraus: Der junge Mann ist 22 Jahre alt und berufstätig. Ob dies nun eine Fake-Frage eines Spaßvogels oder einfach ein undurchdachter Moment war, wird auch durch das Profil nicht deutlich. Dennoch machen sich die meisten User nicht lustig über die dubiose Frage. Ein Zeichen des humanitären Mitgefühls? Mitleid? Wer weiß. So oder so ist es schön zu sehen, dass es zwar durchaus Fragen gibt, die im ersten Moment nicht sehr durchdacht scheinen („Wie schaffen es Bodybuilder, total unbehaart zu sein?“), man aber dennoch nicht gleich an den Pranger gestellt wird.

Es gibt ja immer wieder Augenblicke, in denen plötzlich die eigene Intelligenz einen kurzzeitigen Aussetzer hat. Momente, die uns alle mal erwischen. Man steht auf dem Schlauch, weiß sich nicht weiterzuhelfen und haut dann einfach einmal Fragen wie „Wartet der Strom hinter der Steckdose?“ raus. Liest man als Unbetroffner so etwas, ist der erste Gedanke meist: „Dein Ernst jetzt?“ Denkt man aber genauer drüber nach, fällt einem auf, dass man selbst keine gescheite Antwort hat. Und da kommen wieder die Foren ins Spiel. Denn egal wie unnötig eine Frage scheint („Heißen Teigwaren Teigwaren, weil sie vorher Teig waren?“), eine Antwort kommt fast immer. Über deren Qualität lässt sich zwar streiten, aber es ist doch beruhigend zu wissen, dass wir nicht allein gelassen werden mit dieser großen, klaffenden Wissenslücke.

 

Es ist schon verwunderlich, dass in der Welt des Internets ausgerechnet auf Frage-Antwort-Plattform eine unvoreingenommene Humanität herrscht

 

Aber so toll das auch alles ist, birgt es auch gewisse Gefahren in sich. Denn wir wissen nie sicher, ob die gegebenen Antworten auch wirklich stimmen. Das kann in bestimmten Situationen gefährlich sein. Zum Beispiel bei medizinischen Themen. Hier sollte man im Zweifelsfall nicht auf Dr. Google oder einen angeblichen Arzt, Heilpraktiker oder Schamanen aus solchen Foren vertrauen, sondern eine Praxis aufsuchen. Da muss man die Bequemlichkeit des Internets verwerfen und selbst aktiv werden. Sollten sich die Symptome dann als tatsächliche Krankheit mit verordneter Bettruhe herausstellen, hat man zumindest genügend Zeit, sich durch sämtliche Foren zu klicken, um sich mit Wissen vollstopfen zu lassen oder einfach einmal richtig herzhaft zu lachen („Wird mein Laptop schwerer, wenn ich große Dateien herunterlade?“)

 

Es ist schon verwunderlich, dass in der Welt des Internets, wo dank der Anonymität viele schnell zum Henker werden, ausgerechnet auf Frage-Antwort-Plattform eine unvoreingenommene Humanität herrscht, die man in den Kommentarzeilen von sozialen Netzwerken häufig vermisst. Dabei finden sich gerade hier genug Möglichkeiten, andere User bloßzustellen. Stattdessen trifft man auf eine (meist) hilfsbereite Gemeinschaft, die sich nicht zu schade für Antworten ist und nicht sofort mit dem Finger auf einen zeigt. Und sollte doch einmal jemand etwas beleidigendes schreiben, gibt es Moderatoren, die diese gemeldeten Beträge schnellstmöglich löschen. Frage-Antwort-Foren sind der Ort, an dem man Fragen ausspricht, die man sich im echten Leben vielleicht nicht getraut hätte zu fragen. Hier ist der Ort, an dem man Antworten erhält – oder auch einfach mal einen ganzen Nachmittag vertrödeln kann.

 

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