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Dieser Generator macht die Verbreitung von Fake News super einfach

Warum das etwas Gutes sein soll, hat der Betreiber der Seite "Paul Newsman" uns zu erklären versucht.
Interview von Friedemann Karig
  • fake
    Collage: Katharina Bitzl

Mike Lieser, 34, betreibt mit einem Freund die Seite www.paulnewsman.de. Dort kann man täuschend echte Fake News erstellen. Ist das nicht gefährlich? Und wer glaubt den Quatsch denn überhaupt?

 

jetzt: Bist du echt oder fake?

Mike Lieser: Ich bin echt, ganz ehrlich.

Aber Berichte wie „Bundesregierung bestätigt Chemtrailprojekte“ oder „VERDACHT: Wurde Frauke Petrys Baby schwul geimpft?", die auf eurer Seite erstellt werden, sind alle Fake?

Klar. Und wenn man zum Beispiel diesen Text liest, merkt man das auch. Der Autor heißt „W. Etter”, ein Politiker „C. Celsius”. Und am Ende kommt eine eindeutige Aufklärung, dass es Quatsch ist. Wenn man aber nur die Headline liest, könnte man es glauben, wobei … eigentlich nicht.  

 

Also habt ihr quasi einen Generator für satirische Nachrichten-Fakes gebaut.

Genau. Du gibst eine Headline ein und einen Text, wählst ein fiktives Online-Portal aus, zum Beispiel www.koelner-abendblatt.de – und bekommst einen Link und eine Seite, die ziemlich echt aussieht. Inklusive Auflösung am Ende.

 

Und damit kann ich dann was genau tun?

Die meisten Leute nutzen unsere Seite, um lustige Meldungen zu bauen, mit denen sie jemanden reinlegen wollen. „Beste Mama im Jahr 2016“ oder sowas. Manchmal zieht das Kreise, wenn zum Beispiel jemand einen Artikel fälscht, dass Rock am Ring das Lineup verändert hat und Scooter dort spielen.

 

Das hat zu Ticket-Stornierungen geführt?

Im Gegenteil. Es wurde in einigen RaR-Foren gepostet, und manche Menschen fanden das neue Lineup so gut, dass sie sich extra Karten gekauft haben. Die waren dann enttäuscht vom „Kölner Abendblatt“, als sie den Fake bemerkten.

    • Screenshot von: https://www.koelner-abendblatt.de/artikel/bundesregierung-bestaetigt-chemtrailprojekte-49238492.html
    • Screenshot von: https://www.die-apotheken-rundschau.de/artikel/politik/gesundheit/linksextremismus/verdacht-wurde-frauke-petrys-baby-schwul-geimpft-51316451.html
    • Screenshot von: https://www.koelner-abendblatt.de/artikel/panorama/events/rock-am-ring-2017/rock-am-ring-2017-acht-neue-bestaetigungen-erweitern-das-line-up-91358429.html
    • Screenshot von: https://www.koelner-abendblatt.de/artikel/wirtschaft/gesellschaft/politik/trump-junior-wird-grossinvestor-in-hannover-02268445.html
    • Quelle: Screenshot von https://www.koelner-abendblatt.de/artikel/nackter-trottel-bewirft-startende-flugzeuge-84735726.html

 

Und die Leute, die nachher so einen Chemtrail-Quatsch teilen? Glauben die das wirklich?

Manche schon. Die springen auf die außergewöhnliche Headline an. Mehr aber, schätze ich, teilen den Artikel in vollem Bewusstsein, dass er Nonsens ist. Um ihre Freunde zu veräppeln oder einfach nur, weil sie Spaß daran haben. Inzwischen hat er über 100.000 Aufrufe, wurde auf Facebook tausendfach geteilt. Und wurde auch schon oft eindeutig entlarvt.

 

Da klingt alles relativ harmlos.

Wir greifen nur ein, wenn unsere Plattform missbraucht wird. Gestern zum Beispiel musste ich dreimal verhindern, dass jemand irgendwas von wegen „Islamist köpft Oma“ bastelt. Oder neulich auch „Mädchen auf dem Spielplatz vergewaltigt“. Sobald es in eine ideologische, kriminelle Richtung geht, stoppen wir es. 

 

Wie macht ihr das?

Ohne Registrierung kann man als Gast zwar Artikel anlegen, die sind aber nur fünfmal aufrufbar, um im Zweifelsfall den Schaden zu begrenzen. Mit der Registrierung haben wir die Daten der Leute, was eine Hürde darstellt, und wir sehen auch, wenn Artikel häufiger aufgerufen werden oder viral gehen. Dann schauen wir genauer hin, ob es okay ist.

  • Foto: privat.

„'Mario Barth ist tot' wollen wir nicht“ 

 

Was ist für euch nicht okay?

Wenn es entweder strafrechtlich relevant ist oder über den Tag hinaus Leuten weh tun könnte. „Mario Barth ist tot“ war auf anderen Plattformen zu lesen. Sowas möchten wir nicht. Es ging uns ja ursprünglich darum zu zeigen, wie einfach Fake-News zu produzieren sind. Wir wollen niemandem schaden damit – und Geld verdienen wir unterm Strich übrigens auch nicht.

 

Wie ist das Verhältnis von Spaß zu Zweifelhaft?

Bei uns wurden seit November circa 1.000 Artikel produziert. Das meiste davon sind Tests, wie das funktioniert. Und von den fertigen sind die allermeisten wirklich spaßig gemeint. Wir mussten erst bei einer Handvoll Fälle eingreifen. Ob allerdings Artikel, die spaßig gemeint sind, auch so ankommen, kann nur der Leser entscheiden.

 

Und dann kontaktiert ihr die Fake-Produzenten?

Ja, wir haben ihre Facebook-Accounts oder Mail-Adressen. Dem einen, der unbedingt die Vergewaltigung faken wollte, habe ich geschrieben und gefragt, was das soll. Und erklärt, warum wir das nicht wollen. Er hat nie geantwortet.

 

Mehrere Studien haben herausgefunden, dass aggressive Fake News besonders im rechten Milieu erfolgreich sind. Hast du keine Angst vor einem Fake-News-Wahlkampf, in dem wie in den USA nicht unwesentliche Teile der Wähler schlimmste Lügen glauben und teilen?

Sicher gibt es Filterblasen, in denen bösartige Fake News erfolgreich sind. Von den zehn erfolgreichsten Texten auf Facebook über Angela Merkel sind sieben Fakes. Und bestimmt sind die nicht alle freundlich. Aber die Dimensionen wie in den USA, wird es hier eher nicht annehmen. Das wäre wirklich erschreckend.

 

Wo verläuft denn die Grenze zwischen Satire und „Fake News“?

Für mich sind Fake News klassische politische Meinungsmache ohne Skrupel, die man nicht als Fake erkennen soll. Satire baut immer bewusst Elemente ein zu ihrer eigenen Entlarvung und kritisiert gewisse Zustände. Ob das dann verstanden wird, liegt beim Leser. Den Postillon verstehen auch oft genug Leute nicht, obwohl es eindeutig ist. Daran sind aber die Leser schuld, nicht die Seite. Und natürlich kann Satire einen überall erwischen. Und sie muss auch nicht immer witzig sein!

 

Lernen denn die Menschen etwas aus „euren“ Fakes?

Gute Frage. Niemand schreibt uns: Hey, danke, dass ihr mich verarscht und belehrt habt. Aber ich glaube schon, dass man durch diese Grenzgänge zwischen Satire und Fake News die Leute dazu bringt, Quellen genauer zu checken und nicht alles zu glauben, was ein „Kölner Abendblatt“ bringt. Viele werden, wenn sie unsere Artikel bei Facebook teilen, von Freunden und Bekannten auf den Fake aufmerksam gemacht, eben weil das Enttarnen so einfach ist. Das ist hoffentlich peinlich genug um einen Lerneffekt zu erzielen. Falls nicht, gibt es vermutlich keine Hoffnung.

 

 

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