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„Fake News haben definitiv die US-Wahl beeinflusst"

Einer der erfolgreichsten Fake-News-Produzenten im Interview.
Von Friedemann Karig
  • Foto: privat

Yaman Abuibaid, 16, betreibt mit einem Freund hotglobalnews.com, eine der erfolgreichsten Fake-News-Seiten überhaupt. Manche ihrer Geschichten wie „Justin Trudeau lässt Donald Trump nicht nach Kanada“ wurden hunderttausendfach auf Facebook geteilt. Yaman wohnt in der Nähe von Vancouver, Kanada. Wir haben mit ihm via Skype gesprochen. 

 

Was genau macht ihr bei hotglobalnews.com?

Wir nennen es „Satire-Nachrichten“. Wir schreiben lustiges Zeug über Justin Trudeau, Barack Obama und andere prominente Politiker. 

Und ihr erfindet das alles?

Ja. Wir denken uns das einfach spontan aus.

 

Gebt ihr auch an, dass das alles fake ist?

Oben auf unserer Seite steht: „Hot Global News. Satire Entertainment.“ Wer das liest, sollte also merken, dass es Satire ist. Bis vor kurzem dachte ich auch, dass die große Mehrheit das checkt. Erst jetzt verstehe ich langsam, dass die Leute die Artikel teilen, weil sie denken, sie wären echt.

 

Bei welchen Artikeln funktioniert das besonders gut?

Wenn jemand zum Beispiel Donald Trump hasst und wir schreiben, dass er wieder etwas Verrücktes gemacht hat, dann teilt derjenige den Artikel dazu auf Facebook und zeigt seinen Freunden damit, warum es richtig ist, Trump schlimm zu finden.

 

Wie verdient ihr damit Geld?

Durch Google-Anzeigen, die an vier Stellen unserer Seite auftauchen. Klickt jemand darauf, bekommen wir Geld. Facebook an sich bringt keine direkten Einnahmen. Dort erreichen wir nur sehr viele Leute, die dann unsere Seite besuchen. In den besten Zeiten haben wir an die 12.000 kanadische Dollar (ca. 8600 Euro) im Monat damit verdient. 

 

Euer Geschäftsmodell baut also darauf, dass Leute erstens eure erfundenen Geschichten glauben, und zweitens, dass sie möglichst emotional, also oft negativ darauf reagieren und sie deshalb teilen?

Auch wenn ich es nur sehr ungern zugebe: Ja, genau so funktioniert unsere Strategie.

 

"Wir haben inzwischen alle Artikel offline genommen, die zu heftig waren."

 

Neulich stürmte ein 28-jähriger Familienvater in Washington D.C. mit einem Sturmgewehr in eine Pizzeria. Er wollte selbst rausfinden, ob Hillary Clinton, wie online manche Quellen behaupten, im Keller der Pizzeria einen Kinderschänder-Ring betreibt. Hast du Angst, dass so etwas auch aufgrund einer eurer Storys passieren kann?

Unsere Storys wenden sich wenn, dann gegen berühmte Personen. Wenn jemand Donald Trump noch mehr hasst, weil er eine unserer Storys glaubt, wird er ihn nicht deshalb angreifen, denke ich.

 

Aber ein erfundener Vorwurf wie „Justin Trudeaus Frau erzählt von seinem massiven Missbrauch“...

Das war ein alter Post. Den haben wir gelöscht. Er hat eine Grenze überschritten. Wir haben inzwischen alle Artikel offline genommen, die zu heftig waren.

 

So wie die Geschichte, dass Justin Trudeau Donald Trump wegen seines Rassismus nicht nach Kanada lässt? Oder dass sich IS-Kämpfer in Kanada als Flüchtlinge tarnen? So eine Behauptung verbreitet doch Fremdenfeindlichkeit. 

Ich befürchte, du hast Recht. Aber die Geschichte hat auch nur funktioniert, weil diese Angst vor den Flüchtlingen eben da ist. Viele Leute fragen sich wirklich, ob unter den Flüchtlingen Terroristen sind. Das alles kam den Leuten realistisch vor. Deshalb war es sozusagen der perfekte Artikel.

 

Perfekt? Wohl eher maximal perfide? Ganz ehrlich: Liegst du nicht manchmal wach und denkst dir: "Ich habe ein Monster erschaffen"?

Wir bekamen das Geld aus den Anzeigen und sahen, wie die Zugriffszahlen durch die Decke gingen. Aber wer unsere Storys warum teilt, das sehen wir ja nicht. Wir dachten deshalb lange, alles wäre harmlos. Also haben wir immer weitergemacht. Wie negativ viele unserer Sachen waren, haben wir gar nicht gemerkt. 

 

Was denkst du darüber, dass Trump, der Protagonist vieler irrer Fake-News-Storys,  jetzt gewählt wurde?

Das ist wahnsinnig. Er ist wahnsinnig. Was man alles in den Nachrichten gehört und gesehen hat… Er mag ja ein guter Geschäftsmann sein, aber ein Land führen? Ich fühle mich eigentlich zu jung, um mir eine fertige politische Meinung zuzutrauen. Und wir als Plattform sind auch zu klein, um wirklich eine Wahl beeinflussen zu können.

 

Eine Story wie „Donald Trump baut schon an der Mauer“, die ihr gebracht habt, und die tausendfach geteilt wird, die kann doch durchaus Leute für ihn einnehmen?

Na gut, ja. Die echten Rassisten, die ihn nur wegen der Mauer gewählt haben, die schon.

 

Fühlst du dich mitverantwortlich an der beklagten Manipulation der Wahlen, oder sogar schuldig?

Doch... so langsam schon. Wir haben auch aufgehört, solche News-Storys zu bringen. Wir haben jetzt erst verstanden, was wir eigentlich getan haben. Deshalb schreiben wir wirklich nur noch alberne Geschichten wie: „Obama installiert Hüpfburgen vor dem Weißen Haus“.

 

"Früher hielt ich alles auf Facebook für echt"

 

Hat Facebook etwas gegen eure Fake News getan?

Lange Zeit überhaupt nicht. Erst jetzt, nach der Wahl, haben sie unsere Facebook-Seite gesperrt. Wegen der grundsätzlichen Regel in ihren Geschäftsbedingungen, dass man seine Facebook-Fans nicht in die Irre führen darf. Und das haben wir ja gemacht. Wir versuchen aber, die Seite wieder zu bekommen, wenn wir keine Fake News mehr machen, sondern nur noch harmloses Entertainment. Wenn man im Business bleiben will, muss man nach dessen Regeln spielen.

 

Hätte Facebook nicht früher reagieren müssen? Vor den Wahlen?

Mark Zuckerberg hat ja die Idee, dass Fake News die Wahl beeinflusst hätten, als „verrückt“ bezeichnet. Ich bin anderer Meinung. Fake News haben definitiv die Wahl beeinflusst.  

 

Was hätte Facebook tun sollen?

Früher gab es auf Facebook beispielsweise die Möglichkeit, einen Post als Fake zu melden. Aber das haben sie abgeschafft. Andererseits waren die Leute auch einfach selber schuld. Wie kann man nur so doof sein, einen Fake-Artikel zu teilen, der zum Beispiel titelt: „Neuer Ebola-Virus verwandelt Menschen in Zombies“?

 

Wussten deine Eltern, was du da machst?

Ich habe ihnen nichts verheimlicht, sondern die Statistiken gezeigt, und wie viel Geld wir verdient haben. Für die Inhalte haben sie sich nicht so interessiert. Nur mein Vater hat einmal gefragt, ob wir sicher seien, dass unsere Leser das alles als Satire verstehen.

 

Ging es euch eigentlich ums Geld? Oder um den sportlichen Ehrgeiz, möglichst viele Leute zu erreichen?

Beides. Es war auch zu einfach. Ich brauche eine halbe Stunde für einen Artikel, der mir richtig viel Geld einbringt. Und natürlich ist es toll zu wissen: Jetzt sind soundsoviele Leute bei uns auf der Seite. Das ist ein geiles Gefühl. Aber man gewöhnt sich natürlich an die Zahlen. Und will mehr.

 

Macht dir das alles – das Verschwimmen von Satire, Fake News, Propaganda –  nicht manchmal Angst?

Schon. Früher hielt ich alles auf Facebook für echt. Ich las: „Krebs endlich geheilt!“ und war ganz aufgeregt, weil ich es glaubte. Und dann enttäuscht. Man muss eben die Quellen suchen, die vertrauenswürdig sind. Die gibt es ja. CNN zum Beispiel wird immer versuchen, die Wahrheit zu berichten.

 

Was macht ihr eigentlich mit dem ganzen Geld?

Das meiste haben wir gespart. Mein Partner wollte immer Rapper werden. Er hat sich schon ein kleines Studio gebaut. Und wir würden gerne ein großes Konzert veranstalten, mit bekannten Rappern und uns. Das war immer der Traum.

 

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit "Jäger&Sammler", ein Format von "funk".

 

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