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"Die Menschen sterben einfach"

Patrick Kingsley hat aus mehr als 20 Ländern über die Flüchtlingskrise berichtet. Jetzt erscheint sein Buch.
Interview: Nadja Schlüter
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    Foto: Filip Singer / dpa

Patrick Kingsley, 26, ist „Migrations-Korrespondent“ des britischen Guardian – ein Job der extra für ihn geschaffen wurde. Vorher war er Korrespondent in Ägypten, doch vor etwas mehr als einem Jahr ahnte sein Chef voraus, dass Migration sich zu einem ganz eigenen Thema entwickelt würde – nichts, was ein geografisch gebundener Korrespondent nebenher machen sollte. Patrick ist in verschiedenste Länder geflogen, mit Booten gefahren, über Grenzen gelaufen, und hat versucht herauszufinden, was auf den Migrationswegen Richtung Europa passiert, wer dort unterwegs ist, warum und wie. Aus seinen Erfahrungen des vergangenen Jahres ist ein Buch entstanden: „Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise“, das am 11. Mai in deutscher Übersetzung bei C.H. Beck erscheint.

 

Patrick, in wie vielen Ländern warst du mittlerweile?

So um die 20.

 

Zum Beispiel?

Ägypten, Libyen, Türkei, Jordanien, Griechenland, Niger, Tunesien, Italien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden, Ungarn, Österreich, Serbien, Mazedonien ...

 

Hattest du auf deinen Reisen jemals Angst?

In Libyen war ich im Kriegsgebiet, da hat man nachts Schüsse gehört, und manche Strecken sollte man besser nicht alleine fahren, weil man entführt werden könnte. Manchmal haben mich auch die Interviews mit den Schleppern beunruhigt, weil andere in ihrem Netzwerk vielleicht nicht so glücklich waren, dass sie mit einem Journalisten sprechen. Es gab noch mehr besorgniserregende Situationen, aber weniger für mich als für jemanden, den ich begleitet habe.

Zum Beispiel?

Ich habe Hashem, einen syrischen Flüchtling, durch Europa begleitet. An der französischen Grenze ist er in eine Kontrolle geraten und das war eine sehr angespannte Situation.

 

Bei der Kontrolle wurden zwei Flüchtlinge aus Eritrea festgenommen, Hashem konnte sich gerade noch rechtzeitig in einer Toilette verstecken. Wie schwer war es für dich, in dieser Situation neutraler Beobachter zu bleiben? 

Sehr schwer. Ich bin ja zuerst ein Mensch und dann ein Journalist. Aber ich wusste: Wenn ich einen möglichst genauen Eindruck davon gewinnen wollte, wie die Reise eines Flüchtlings abläuft, musste ich mich raushalten. In einem anderen Moment, als Hashem nicht genug Geld für ein Ticket hatte, wäre es natürlich einfacher für mich gewesen zu sagen: Hier hast du das Geld! Aber ich habe es nicht gemacht. 

 

Und er hat dich auch nie darum gebeten?

Hashem wusste von Anfang an, dass es Grenzen gibt, die ich als Journalist nicht überschreiten darf. Außerdem ist er ein sehr stolzer Mann und wollte das darum auch gar nicht. Wenn er kein Geld hatte, hat er nie von mir erwartet, ihm welches zu geben. 

 

Hashem ist so was wie dein Protagonist, du dokumentierst seine gesamte Reise. Woher kennt ihr euch?

Als ich Ägypten-Korrespondent war, habe ich über ein Schiffsunglück im September 2014 berichtet, bei dem 300 bis 500 Menschen ums Leben gekommen sind. Hashem und seine Familie wollten auf dieses Boot, aber wurden vorher verhaftet. Darüber kam ich mit ihm in Kontakt. Als Hashem gesagt hat, dass er die Reise wieder versuchen will, wollte ich gerne darüber berichten, und er war einverstanden.

 

Warum hat er zugestimmt, dass du ihn begleitest? Hat er sich erhofft, dass ihm das bei seiner Flucht helfen könnte?

Am Ende des Buches gibt es eine Nachricht von Hashem und darin erklärt er selbst, warum er das gemacht hat: Er will, dass der Westen versteht, warum Menschen in seiner Lage nach Europa kommen. Und er wollte sein neu gewonnenes Recht auf freie Meinungsäußerung nutzen – ein Recht, dass ihm in Syrien vorenthalten wurde.

 

Wo ist Hashem heute?

In Schweden.

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    Foto: The Guardian

Und seine Familie?

Noch in Ägypten. Nach dem Schiffsunglück, das sie knapp verpasst haben, wollte er sie nicht dem Risiko der Überfahrt aussetzen. Im September haben sie einen Termin für den Antrag auf Familienzusammenführung, danach kann es noch mal ein paar Wochen oder Monate dauern, bis er geprüft ist. Hashem ist dann schon insgesamt zwei Jahre von seinen Kindern und seiner Frau getrennt. 

 

Hat er sich in der Zeit, in der du ihn begleitet hast, verändert?

Hashem war ein reifer und offener Mensch, bevor er geflohen ist, und das ist er heute immer noch. Der einzige Grund, dass er diese Reise auf sich genommen hat und jetzt gerade dieses sehr einsame Leben in Schweden lebt, ist, dass er eine bessere Zukunft für seine Kinder will. 

 

Für dein Buch hast du nicht nur mit Flüchtlingen gesprochen, sondern auch mit Schleppern. Was waren das für Menschen?

Ich habe etwa ein Dutzend getroffen, in verschiedenen Ländern. Meistens sind sie ganz anders als man denkt. Die Politiker stellen sie immer als die Verkörperung des Bösen dar, als den brutalen Kern der Migration – und wenn man sie loswerden würde, würde auch die Migration nach Europa enden. Aber ich habe vor allem festgestellt, dass sie nur ein Nebeneffekt dessen sind, was da passiert: Sie bedienen nur eine Nachfrage, sie erzeugen diese Nachfrage nicht.

 

Aber sie meinen es definitiv nicht immer gut mit ihren Kunden.

Klar, einige Schlepper sind skrupellose, gerissene Geschäftsmänner, die ihre Kunden anlügen oder sie in Gefahr bringen, indem sie Boote überladen – manchmal zwingen sie sogar Menschen mit vorgehaltener Waffe in solche Boote. Aber manchmal wird jemand auch zum Schlepper, weil es dort, wo er lebt, keine anderen Jobs gibt.

 

Hast du so jemanden getroffen?

Ja. Der faszinierendste Schlepper, mit dem ich gesprochen habe, nannte sich Hadj. Ein Mann Mitte 30 und Jura-Absolvent. Er wollte Anwalt werden, aber in der Region in Libyen, in der er lebt und die sozial ziemlich benachteiligt ist, fand er keinen Job. Also hat er sich für den einzigen Job entschieden, der ihm ein wirkliches Einkommen sichert: der Menschenschmuggel. Ein Ort, an dem das Problem besonders ausgeprägt ist, ist Agadez in Niger. Dort ist der Tourismus völlig zusammengebrochen und heute ist die Stadt eines der Hauptdrehkreuze auf der Route von Ländern südlich der Sahara nach Libyen. Ein Schlepper, den ich dort getroffen habe, war früher Touristenführer.

Wenn es um Fluchtrouten geht, schauen wir vor allem auf die Ägäis und das Mittelmeer. Aber Joel Gomez, ein ehemaliger Fußballer aus Kamerun, hat mal gesagt: „Die Sahara ist gefährlicher als das Mittelmeer“. Stimmt das?

Man darf nicht vergessen, dass die Menschen, bevor sie über das Meer fahren, wahrscheinlich schon viel größere Gefahren überstehen mussten – egal, wo sie herkommen: Afghanen müssen durch schneebedeckte Berge in Iran wandern und über Grenzen gehen, an denen sie jederzeit erschossen werden können. Syrer müssen an IS-Checkpoints vorbei und an türkischen Grenzbeamten, die auf sie schießen. Tausende Menschen aus Ost- und Westafrika müssen die Sahara durchqueren. Sie werden bei extremer Hitze auf überfüllte Pick-up-Trucks geladen, viele Autos bleiben liegen und werden nie wieder gesehen, die Menschen sterben einfach. Es gibt Geschichten von Skeletten, die in Gebetshaltung in der Wüste liegen – Überreste von Menschen, die zu Gott gebetet haben, dass er sie rettet. Und wenn die Sonne dich nicht kriegt, dann Räuber oder Dschihadisten. In Libyen werden viele von Schleppern entführt, die bei ihren Verwandten Lösegeld erpressen. Wir müssen uns fragen: Wenn Menschen gewillt sind, sich solchen Gefahren und solchem Elend auszusetzen, können wir da annehmen, dass sie einfach aufgeben werden, weil wir es für sie in Griechenland ein bisschen schwieriger gemacht haben? 

 

Was hat dich während deiner Reisen am meisten überrascht?

Ich habe gelernt, dass es extrem schwer ist, Menschen zu stoppen. Es werden immer Menschen kommen, wenn es in ihren Heimatländern einen Fluchtgrund gibt.

 

Und wie sollen wir damit umgehen?

Indem wir ihnen legale Möglichkeiten bieten, sich in Sicherheit zu bringen. In Europa, in den USA, in Kanada oder Australien. Das würde auch den Bedarf an Schleppern versiegen lassen. Und dadurch wäre die Einreise doch auch viel weniger chaotisch. Niemand müsste mehr in einem Lieferwagen durch Österreich nach Süddeutschland geschmuggelt werden, ohne dass die deutschen Behörden die leiseste Ahnung haben, wer da ankommt und warum. 

 

Wie geht es jetzt für dich selbst weiter?

Ich lebe mittlerweile in Istanbul, weil das für mein Themengebiet ein sinnvoller Ort ist. Jetzt kommt erst mal mein Buch raus. Später im Sommer wird es für mich vor allem um die Situation der Syrer gehen, die in der Türkei festsitzen, und wahrscheinlich auch um die Migrationskrise im Südsudan.

Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise, C.H. Beck, 332 S., 21,95 €.

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