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Wie Karten mit angeblicher „Flüchtlingskriminalität“ hetzen

Und warum sie Quatsch sind.
Von Friedemann Karig

Eine Deutschlandkarte voller kleiner Marker. Jeder ein Übergriff. Und alle verübt von „Migranten“. Das Land scheint hinter dieser Masse an importiertem Verbrechen zu verschwinden. So jedenfalls stellt es die "Refugee Crime Map“ dar, auf der Unbekannte vermeintliche „Flüchtlingskriminalität“ sammeln. Um darauf hinzuweisen, wie arm Deutschland dran ist, seit so viele Leute zu uns gekommen sind. „Letztlich ist es unser Anliegen, die Auswirkungen der unkontrollierten Zuwanderung aufzuzeigen - dafür muss man die Dinge beim Namen nennen dürfen“, schreiben sie.  

  • Screenshot von "Refugee Crime Map" / refcrime.info.

11.315 „relevante Verbrechen“ zählt die Karte seit Februar. Die Kriterien? Großzügig. Jedes Auftauchen eines nicht komplett "arischen“, mutmaßlichen Täters wird in einen Topf geworfen und mit „Refugee Crime“ überschrieben. „Südländisches Aussehen“, „gebrochenes Deutsch“, „dunkler Teint“ – alles „Flüchtlingskriminalität". Auch wenn ein Mensch polnischer Abstammung, der seit 30 Jahren hier lebt, aber einen Akzent hat, alkoholisiert Auto fährt, wenn ein Tourist aus Marokko in eine Schlägerei gerät –„Flüchtlingskriminalität“. Die Unschuldsvermutung? Steht im guten deutschen Grundgesetz. Interessiert die Macher aber nicht. Es werden Vorfälle aufgenommen, bei denen Opfer sehr vage von einem Tathergang und einer Täterbeschreibung berichten. Ob überhaupt die Tat so stattgefunden hat, geschweige denn ob der Täter wirklich so aussah wie beschrieben, weiß kein Mensch. Heißt in der Praxis: Wenn ich, ein weißer gebürtiger Deutscher, mich schwarz schminke und einer Oma die Handtasche klaue, oder ihr aber nur die Tür aufhalte und sie denkt, ich wollte sie beklauen, tauche ich auf der Karte auf. 

 

Mit so einer höchst ungenauen "Methodik" kommt eine vermeintlich hohe Zahl an Verbrechen zusammen. Aber selbst die Zahl an sich ist wertlos, wenn man sie in Relation stellt. Laut Kriminalstatistik gab es in Deutschland im Jahr 2015 6,3 Millionen registrierte Straftaten (vor zehn und vor zwanzig Jahren waren es etwas mehr). Davon 2,5 Millionen Diebstahlsdelikte, 370.000 leichte Körperverletzungen, 280.000 Rauschgiftdelikte. Würde man diese Zahlen gegenüber stellen, oder gar eine Karte mit „Deutschenverbrechen“ machen, gingen die knapp 12000 „Migrantenverbrechen“ unter. 

 

Die Betreiber bleiben anonym

 

Ganz egal für die Fremdenfeinde hinter solchen Karten, von deren Art es mindestens drei gibt: Neben der „Refugee Crime Map“ noch „XY-Einzelfall“ und „Rapefugee“ – letztere listet nur angebliche Sexualverbrechen. „XY-Einzelfall“ hat 19000 Facebook-Fans, „Rapefugee“ 6500. Die „Refugee Crime Map“ ist die neueste und noch unbekannteste, aber auch ambitionierteste. Der Nutzer kann nach Art des Delikts sortieren, es werden Fahndungsfotos der angeblichen Täter gezeigt, alles sieht düster, aber hochwertig gestaltet aus. Weil sie optisch überzeugend wirken, werden solche Karten gerne von Menschen herangezogen als vermeintlicher Beweis für ihre Ressentiments, ihre „Sorge", diese Fremden würden unsere Gesellschaft kaputt machen. Ihre Meinung wird bestätigt von den bunten Fähnchen, mehr brauchen sie nicht. 

 

Allen Karten gemein ist: Die Macher bleiben anonym. Verschleiern ihren Wohnort. Verantwortlich für „Rapefugees“ ist laut Impressum ein F. Müller in Uruguay. Es ist der einzige Name, der überhaupt irgendwo genannt wird. Die Domain läuft über einen Dienst in: Ocean Centre, Montagu Foreshore, East Bay Street, Nassau, Bahamas. Beides weit weg von der angeblich eskalierenden Kriminalität in Deutschland. Die „Refugee Crime Map“ läuft über einen Dienst in Arizona, USA. Kein Verantwortlicher stellt sich, ebenso wenig bei der nur über Google und Facebook betriebenen „XY-Einzelfall“-Karte. Keiner reagiert auf Kontaktanfragen. Anders als bei der „Hoax-Map“, mittels derer fremdenfeindliche Fakes aufgeklärt werden, und deren Betreiber heftig bedroht werden. Im Facebook-Impressum von „XY-Einzelfall“ steht immerhin folgender Satz: "Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeglichen rechtsradikalen und sonstigen diskriminierenden Kommentaren und Stellungnahmen!"

 

Das BKA weiß: "Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche"

 

Die Kommentatoren auf Facebook lassen sich von solch einem Satz nicht beeindrucken. Ein großes Jammern über Verbrechen, die nie geschehen wären, "hätte Merkel diese Brut nicht ins Land gelassen“. Flüchtlinge sind hier „Dreck“, den man „am Nordpol aussetzen“ sollte. Einer weiß genau: "Das glaubt doch inzwischen niemand mehr, dass die vor Krieg geflohen sind. Die wollen lieber ihren Krieg hier führen wo sie voll versorgt werden und sich deshalb voll auf den Terror und Kampf konzentrieren können.“ Also, so die Betreiber, weise man nur auf ein real existierendes Problem hin, das sonst von der Polizei totgeschwiegen würde, auf Druck von ganz oben gedeckelt, von der Lügenpresse unzureichend berichtet. "Wichtig: Nur ein Bruchteil der Fälle wird publiziert!“, weiß man bei „XY-Einzelfall“.

 

Gibt es dieses Problem wirklich? Das BKA gab diesen Sommer bekannt: "Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche.“ 2015 und Anfang 2016 habe es zwar eine Zunahme der absoluten Zahl an Straftaten durch Zuwanderer gegeben – was angesichts hoher Zuwanderung auch kein Wunder ist. Und genau so folgerichtig nahm im ersten Halbjahr 2016 auch diese Zahl wieder deutlich ab, weil weniger Menschen kamen. Hinzu kommt: 50 Prozent der so genannten "Straftaten gegen das Leben", darunter fällt unter anderem Körperverletzung, geschehen in Erstaufnahmeeinrichtungen.

 

Dass Straftaten steigen, wo viele Menschen ohne Perspektive zusammenleben müssen, ist eben so wenig neu wie der Versuch, Fremdenfeindlichkeit durch vermeintlich unbestechliche Zahlen salonfähig zu machen. Was wiederum ungefähr so ehrlich ist, wie das Bild, das "Refugee Crime Map" auf der Startseite nutzt: deutsche Polizisten halten eine Menge (suggeriert krimineller) männlicher Flüchtlinge in Schach – eine Szene vom Münchner Hauptbahnhof vom Sommer 2015, die Menschen kamen gerade an.  

 

„Das [die Entscheidung, Flüchtlinge unkontrolliert nach Detschland zu lassen] war ein Fehler, der uns noch lange beschäftigen wird“, zitiert die „Refugee Crime Map“ auf ihrer Startseite in großen Lettern Horst Seehofer. Mit dem zweiten Teil mag er sogar Recht haben. Nicht weil unsere Gesellschaft daran kaputt geht. Sondern weil verlogener Rassismus mit immer neuen Mitteln unser Zusammenleben verseucht.

 

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