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"Wenn Du das schreibst, musst Du meinen Namen ändern"

Ein Tag mit dem Iraker Taim (*) im Kölner Karneval.
Von Friedemann Karig
  • karneval 4
    Foto: Volker Hartmann/Getty Images

Ich treffe Taim an dem Ort, über den seit Silvester ganz Deutschland spricht. Der Kölner Hauptbahnhof wimmelt an diesem Tag vor Batmans, Kühen, Aliens, Matrosen, Meerjungfrauen, Rittern und Hexen und Ärzten und Krankenschwestern und Polizisten – ein paar falsche, ein paar mehr echte. Es ist ein Abend im Karneval, 19 Uhr. Die meisten hier sind schon ordentlich angezündet. Keine Trickdiebbanden oder Vergewaltiger zu sehen, aber vielleicht sind die auch geschickt verkleidet. Die Handvoll Verdächtigen aus der Silvesternacht dürfen jedenfalls nicht herkommen - sie haben Köln-Verbot. So sind, bis auf einen Panda-Bären, der wütend in die Bahnhofshalle kotzt, alle friedlich.  

 

Ich gebe es zu: Ich mag Karneval. Ich bin ja auch ziemlich deutsch. Kartoffel as Kartoffel can be, geboren und aufgewachsen in einer Hochburg der badisch-alemannischen „Fasnet". Und deutscher als diese fünf Tage wird es selten: Einmal im Jahr auf Befehl ausflippen, das Über-Ich in einem Kostüm verstecken, kontrolliert unkontrolliert sein. Indem man das Chaos, den Trieb, das Es zeitlich exakt portioniert, in eine Verpackung aus Tradition und Vereinsmeierei wickelt und "Brauchtum" drauf schreibt. Um danach 40 Tage zu fasten. Und sich auf nächstes Jahr zu freuen. Für uns Vernunftfetischisten ist das die denkbar beste Katharsis. Aber: Mögen das andere auch? Vor allem die, über die momentan so viel geredet wird?

 

Taim ist 27 Jahre alt, Moslem, und letztes Jahr vor dem IS aus dem Irak geflohen. Er hat kurze schwarze Haare, einen dichten Bart, Schatten unter den Augen. Wenn er lacht, sieht er jünger aus als 27. Und er lacht viel. Nur wenn er von zu Hause erzählt, von der Flucht, in seinem weichen Englisch, wird sein Blick ganz starr.  Zuerst floh er von Bagdad in die Türkei, wartete wochenlang in Istanbul, bis die Überfahrt nach Griechenland bei rauer See nicht mehr zu gefährlich war. Von Griechenland aus lief er  zwei Wochen lang nach Norden, bis nach Wien. Dann ging es mit dem Zug nach Köln, ein Freund hatte ihm von der Stadt erzählt. "Hier wollte ich hin“, sagt er bestimmt. Im September kam er an. Zwei Monate, nachdem er Bagdad verlassen hatte.

 

"Ich mag diese Stadt sehr"

 

Wir laufen am Dom vorbei und entern die nächste Bar, aus der laute Musik dröhnt. Am Eingang stehen ein paar Piraten mit Kölschgläsern. Drinnen wartet ein  Suchbild der Sünde, zu dem die ganze Stadt wird: Trinken, Singen, Anfassen. Taim und ich stoßen an, auf sein erstes Karneval. Er wohnt jetzt in Bonn, „da ist es sehr langweilig,“ deswegen ist er meistens in Köln. „Ich mag diese Stadt sehr“, sagt er. Die Kölner feiern sich gerne für ihre Offenheit gegenüber allem Fremden. So singen die Höhner, die Hohepriester des Karnevals, in ihrer neuen Single „Komm lass mer danze": Uns’re Welt steiht om Kopp. Minsche maache sich op, un söken e neu Zohus! Und weiter: Ejal, woher – ejal, wohin, do litt en Chance für alle drin. Hätzlich Willkomme!

 

Im Irak arbeitete Taim für die Vereinten Nationen und für Ärzte ohne Grenzen, bewegte sich in der "Green Zone" rund um die amerikanische und die britische Botschaft in Bagdad. Doch als Zahnarzt wurde er zum Ziel professioneller Kidnapper, die vermeintlich reiche Iraker, besonders solche, die für die internationale Gemeinschaft arbeiten, entführen und hohe Lösegelder erpressen. Zweimal wird er fast gekidnappt. Zweimal hat er Glück. "Aber ich konnte keinen Tag mehr im Irak bleiben. Es wurde zu gefährlich.“ 2006, zwei Tage vor dem Geburtstag seiner Schwester, wurde sein Vater entführt und schließlich getötet. "Weißt du, was sie mit den Leuten machen, die sie kidnappen?", fragt er. Dann schüttelt er nur den Kopf. 

 

Die Flucht bezahlt er von dem Geld, das er im Irak verdiente. „Momentan reicht es noch, um in Deutschland ein Leben zu führen. Aber früher oder später wird es knapp werden", sagt er. Arbeiten will er natürlich so schnell wie möglich. Wenn er die Sprache beherrscht, will er einen Master machen. Seine beiden Schwestern und seine Mutter sind noch in Bagdad. „Ich sorge mich um sie. Und ich vermisse vor allem meine Mutter sehr,“ ruft er mir über die laute Musik zu. Er mag die Karnevalssongs, auch die traditionellen auf Kölsch, von denen er den Text nicht versteht. "Ich finde es nur komisch, dass sie die gleichen zehn Lieder immer wieder wiederholen. Sie sollten mal was Neues spielen.“ Taim lacht wieder. "Aber Karneval an sich ist großartig!" Im Irak gibt es nichts vergleichbares. Verkleiden, feiern, ausrasten? "Niemals. Die Leute würden einen für völlig verrückt halten. Oder gleich einsperren. Die Iraker sind sehr engstirnig."

Im Deutschkurs, den er fünfmal wöchentlich besucht, hat er Freunde gefunden. Studentinnen aus Osteuropa oder Asien, andere Flüchtlinge. Auf den unzähligen Selfies für Facebook und Instagram, die er mir zeigt, sieht man eine junge, bunte Gruppe. Wie in einem Erasmusjahr irgendwo in Europa. Sie gehen zusammen essen, trinken, feiern. Ob er glücklich ist in Deutschland? "Natürlich. Ich bin in Sicherheit. Ich bin frei. Ich kann leben wie ich will. Zu Hause kann ich das nicht."

 

Der Kontrollverlust ist in Deutschland, zum Glück, ähnlich reglementiert wie der Straßenverkehr.

 

Neben uns machen sich derweil ein paar junge Jecken über Henriette Rekers "Armlänge Abstand“ lustig. „Mein Penis ist auch eine Armlänge lang, den Abstand halte ich ein", gröhlt einer. "Wenn sich daran alle halten würden, wäre das ein saulangweiliger Karneval,“ ruft eine andere, „aber wir sind ja nicht blöd!" Darauf eine Runde "Kleiner Feigling"? In vielen rheinischen Städten wurde ein Knigge an die Flüchtlinge verteilt, mit Verhaltensregeln für eine Zeit, die eigentlich keine Regeln kennt. „Flirten ist okay und gehört zum Karneval,“ heißt es zum Beispiel darin, "Aber nicht jeder Luftkuss bedeutet, dass eine Frau mit Ihnen nach Hause gehen möchte.“ Der Kontrollverlust ist in Deutschland, zum Glück, ähnlich reglementiert wie der Straßenverkehr. Nur eben bis jetzt ungeschrieben. „Ist doch alles total normal", findet Taim. „Man sollte immer Respekt zeigen. Die meisten tun das hier ja auch.“ Wie es mit ihm und den Frauen steht? Er grinst nur verlegen, wechselt das Thema.

 

Standesgemäß ist er als Zahnarzt verkleidet, das kommt jedenfalls gut an.  Mancher Narr reißt den Mund weit auf, sagt „Aaaaahhh", wenn er an uns vorbei läuft. Andere sind schon etwas drüber, ein Typ in weißem Anzug und weißem Gesicht schreit sein Handy an: „Schlampe!“ Zwei Tiere, vermutlich ein Nilpferd und ein Hase, lecken sich die Gesichter ab, die Hände verschwinden unter ihren Kostümen. Taim lacht über das Chaos. "Es ist alles etwas absurd", findet er. Und nur manchmal unheimlich und laut. Wenn die Mainzelmännchen neben ihm um die Wette rülpsen, dann verzieht er den Mund. „No problem“, sagt er in Richtung der Besoffenen. Er würde sich sowas niemals erlauben. Aber tanzen und trinken und flirten und küssen und das alles, das findet er genauso gut wie jeder andere 27-Jährige. Warum auch nicht? Taim hat „Spass", mit Doppel-S, wie es der Kölner ausspricht und damit meint: jeder Jeck ist anders, jeder darf wie er will. "Alle sind wahnsinnig freundlich zu mir", sagt Taim. "Die Deutschen sind sehr offen."

 

"Wenn Du das schreibst, musst du meinen Namen ändern"

 

Ein letztes Kölsch. Man könnte  jetzt weiter mit Taim über „Integration" reden, über Silvester und das, was wir „Flüchtlingskrise" nennen. Aber dann greift neben uns Super Mario seiner Catwoman in den Ausschnitt. Taim grinst, Taim schaut weg. Und wieder hin. Nickt mit dem Kopf zum Karnevalsmarsch. Und ich denke: Vielleicht wird hier gerade im Kleinen einiges gut. All die Debatten, der Streit, der Hass, das Misstrauen scheinen seltsam unecht. Wie eine furchteinflößende Kostümierung der an sich harmlosen Realität. Ein Kölsch, und gut ist? "Drink doch eine met, stell dich nit esu ahn", singen die Bläck Fööss. Ist es vielleicht doch so einfach?

Wir gehen zurück zum Bahnhof. Auf der Domplatte weht wie immer ein kalter Wind. Taim gibt mir zum Abschied die Hand. "Weißt du, was du auf keinen Fall schreiben darfst?"

 

Er lächelt unsicher, spricht leise, aber seine Stimme ist plötzlich wie  aus Stahl.  „Du darfst auf keinen Fall schreiben, dass ich schwul bin. Sonst töten sie meine Familie. Wenn Du das schreibst, musst Du meinen Namen ändern, und ein Foto nehmen, auf dem ich nicht drauf bin. Versprichst Du mir das? Mein Vater ist schon umgebracht worden. Ich will nicht noch meine Mutter und meine Geschwister verlieren."

Dann geht er nach Hause. 

 

* Wir haben den Namen unseres Protagonisten geändert, um seine Familie im Irak vor Repression zu schützen. 

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