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"Wenn die das Volk sind, muss ich es dann auch sein?"

Und was wir uns sonst fragten, als wir das Video des pöbelnden Mobs in Clausnitz gesehen haben.
Aus der jetzt-Redaktion

Die Macher der Facebook-Gruppe "Döbeln wehrt sich – Meine Stimme gegen Überfremdung" waren die ersten, die das Video am Freitagvormittag auf ihrer Facebook-Seite posteten. Stolz. Es zeigt einen wütenden Mob, der im sächsischen Clausnitz einen Reisebus mit Flüchtlingen empfängt. Die Menschen brüllen und blöken immer wieder die Parole "Wir sind das Volk". Unter den Insassen sind auch verängstigte Frauen. Und weinende Kinder. Ein paar Stunden später löschten die Macher ihre Gruppe. Nicht mehr so stolz offenbar.

 

Leider hatten wir das Video bis dahin schon zehnmal gesehen.  Das haben wir uns bei dem Anblick gedacht:

  • Welcher Mensch spricht diesen Leuten denn ab, „das Volk“ zu sein?
  • Was für ein Argument ist das überhaupt – „Wir sind das Volk“ zu grölen?
  • Wie genau lautet eure Aussage, Forderung, These?
  • Und würdet ihr sagen, das ist der richtige Weg, um sie zu artikulieren?
  • Oder der richtige Adressat?
  • Oder der richtige Ort?
  • Also mal ganz ehrlich jetzt?
  • Wo ist dieser Ort Clausnitz und wie viele Kilometer Abstand kann ich rings um diesen Ort ziehen, um nie, nie, niemals mit diesen Menschen in Kontakt kommen zu müssen (aber gleichzeitig noch nach Berlin kommen zu können)?
  • Wenn die das Volk sind, muss ich es dann auch sein?
  • Trotzdem oder dann erst recht?
  • Wer sind diese Leute, die da grölen?
  • Warum fühlen sie sich durch Frauen und Kinder in einem Reisebus bedroht?
  • Waren die betrunken?
  • Wenn nicht: Was hätten sie wohl getan, wenn sie betrunken gewesen wären, als der Bus ankam?
  • Wie kann man kleinen Kindern so eine Angst machen und sich danach auch noch dafür feiern?
  • Sind die Menschen, die dort brüllen, stolz auf sich, wenn sie später beim Abendessen mit ihrer Familie zusammen sitzen? 
  • Sagen sie ihren Kindern, dass sie anderen Menschen heute so richtig schön Angst gemacht haben?
  • Schämen die sich, wenn sie lesen, was die „Lügenpresse“ darüber schreibt, oder fühlen sie sich bestätigt?
  • Haben sie deswegen das Video gedreht und gepostet?
  • Wie mutig ist die Kopftuch tragende Frau, die den Menschen entgegenspuckt, die ihr so einen geballten Hass entgegenbringen?
  • Wo sind die Menschen aus dem Bus jetzt?
  • Wer passt auf sie auf?
  • Was machen sie heute?
  • Was machen sie morgen?
  • Sagt denen jemand, dass sie ein verdammtes Pech hatten, in einem solchen Ort zu landen?
  • Was schreiben die jetzt ihren Familien und Freunden, die vielleicht noch im Kriegsgebiet in Syrien sind?
  • Warnen sie die vor Deutschland? 
  • Haben wir und die Menschen, die da schreien, eine gemeinsame Sprache?
  • Basiert Sprache nicht auf gemeinsamen Normen?
  • Wenn die nicht einmal Menschen als Menschen akzeptieren, welche Basis für ein Gespräch kann es dann überhaupt geben? 
  • Kann es wirklich sein, dass die Facebook-Gruppe, auf der das Video zuerst gepostet wurde, "Döbeln wehrt sich – Meine Stimme gegen Überfremdung" hieß?
  • Darf man jetzt Witze über den Döbeln-Pöbel machen?
  • Muss man vielleicht sogar?
  • Kann der Döbeln-Pöbel nicht lieber einen Döbeln-Dübel rauchen, um seinen Frust loszuwerden?
  • Wo soll ich jetzt hin mit meiner Wut?
  • Wie falsch ist es, bei diesen Demonstranten an Gewalt zu denken?
  • Warum klagt man die immer noch nicht als Terroristen an?
  • Sehen diese Leute, wie die Frau mit dem roten Kopftuch weint, und dass sie Angst hat?
  • Erzählen die ihren Kollegen in der Arbeit dann davon?
  • Fangen sie die Erzählung mit dem Satz “Mei, weißt du was wir gestern gemacht haben …” an?
  • Denken Mütter manchmal heimlich: “Ich habe alles falsch gemacht, mein Kind ist jemand geworden, der verängstigte Menschen anbrüllt.”
  • Oder sagen Mütter so etwas sogar laut?
  • Könnte man diesen Demonstranten nicht auch ihre Transferleistungen wegen ihrer Ignoranz kürzen, so wie man Flüchtlingen das Taschengeld kürzt, wenn sie sich nicht ausreichend integrieren?
  • Muss auf diesem Bus wirklich auch noch “Reisegenuss” stehen?
  • Zu früh für Witze darüber?
  • Wie krass ist es, dass man sich auf einmal über Facebook-Kommentare freut?
  • Was kann ich tun, dass es in meiner Nachbarschaft nie zu so einem Vorfall  kommt?
  • Wie viele Clausnitze kann unsere Gesellschaft eigentlich noch vertragen?
  • Muss man sich schämen, wenn man Angst davor hat, das Video anzuschauen?
  • Was verbindet mich mit diesen Leuten, außer, dass ich verstehe, was sie rufen?
  • Stimmt es immer noch, dass die schweigende Mehrheit Flüchtlinge gut behandelt?
  • Wieso klingt “schweigende Mehrheit” gerade so schön?
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