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Geheimes Gesetz (15): Ikea vs. Liebesglück

In dieser Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal geht er mit einem hoffnungsvollen Paar den schwersten Gang: Samstags ins Möbelhaus!
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Das Gesetz: Eine Beziehung kann nur langfristig erfolgreich sein, wenn sie einen Samstagvormittag bei IKEA überlebt. Das gemeinsame Shopping ist streitfrei durchzustehen, die attraktiven Partner anderer Menschen zu ignorieren. Das Aufbauen der Möbel in Teamarbeit ist die letzte, schwerste Prüfung.

Viele Paare sehen die erste gemeinsame Wohnung als ultimativen Test für ihre Beziehung. Der Alltag zu zweit unter einem Dach soll zeigen, ob das „Wir“ funktioniert. Dabei sind hygienische Sollbruchstellen wie Toilettendeckel oder Zahnpasta-Tuben nichts gegen die Strapazen, überhaupt so weit zu kommen. Zusammenwohnen ist leicht – im Vergleich zum Zusammenziehen. In der Liebe erzeugt Reibung die Hitze, und einzig, wer gemeinsam durch große Möbelhäuser streifte, kann wissen, ob ihn diese schwedische Sauna wärmt oder verbrennt. Daher ist es Geheimes Gesetz, dass nur Beziehungen, die einen gemeinsamen Ikea-Besuch überstehen, eine Zukunft haben.  

Jeden Samstagvormittag kann man sie beobachten: Ratlose Pärchen vor endlosen Schrankkombinationen, die Bleistifte in ihren Händen so fein wie der Sinn für Dissonanzen. Wenig ist für den Nestbauer so sensibel wie eine stimmige Komposition aus Eierlöffel und Geschirrhandtuch. Wenigen Details misst er solche Bedeutung zu wie der Aufbewahrung seiner Schmutzwäsche. Er nimmt die Sache ernst. Erst recht zu zweit. Also erfasst eine grundsätzliche Genervtheit die Wohnraumteilenden, spätestens ab dem Küchenparadies. Der Geduldsfaden, etwa wenn einen Partner bezüglich Besteck eine plötzliche Bindungsangst blockiert, reißt schneller als das handgeschöpfte Papier der Lampenschirme. Es wird nicht mehr miteinander gesprochen, es wird gedroht: „Wenn du meinst, kauf das ruhig, aber..–“  die letzte Konsequenz bleibt unausgesprochen. Der Hotdog zur Belohnung scheint unerreichbar.  

Was vorher über einem Katalog entschieden wurde, gilt hier ebenso wenig wie alte Liebesschwüre. Im Scheinwerferlicht der Verkaufshalle scheinen nicht nur Bettvorleger, sondern auch vertraute Gesichtszüge plötzlich hässlich. Eine andere Kombination von Geschirr und Menschen erscheint möglich, gar wünschenswert. Man hatte sich festgelegt, jetzt zweifelt man. Die Kinderzimmer warnen: Überleg dir das gut. Könnte man diese inneren und äußeren Kämpfe wenigstens im Privaten ausfechten! Aber nein, unzählige andere Paare schleichen durch die Gänge. Man hat, während der eigene Partner zum fünften Mal dieselben Maße durchrechnet, ungesund viel Zeit, andere Pärchenteile zu begutachten: Ist sie dort drüben nicht nur hübscher, sondern auch viel geschmackssicherer als die eigene? Scheint nicht er dort drüben ein Macher und Meisterer, wo der eigene nur laviert und lamentiert? Warum passen andere Paare wie Buch zu Billy? Was machen wir falsch?  

Wer es trotzdem liiert nach Hause schafft, steht noch vor der schwersten Prüfung: Dem Aufbauen der Möbel. Selbst sozialkompetente Kaltblüter verwandeln sich unter dem Stress der Schrauben und schiefen Winkel in reißende Wölfe. Selbst harmonische Paare mit konstruktiver Streitkultur schreien sich an, wenn das Regal nicht stehen will. Montageanleitungen werden aus Händen gerissen, Werkzeug konfisziert, Recht gehabt, Vorwürfe gemacht. Tränen fließen. Am Ende steht die Trennung – oder der Versöhnungssex auf dem neuen Bett. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zu den Möbeln findet.

Text: friedemann-karig - Illustration: Katharina Bitzl

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