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"Der Name 'Frauenpissoir' kann abschrecken"

Die Frauenurinale in Berlin sind gerade ein großes Thema. Ein Sanitärforscher erklärt, was dafür und dagegen spricht.
Interview von Leonie Sanke
  • frauen urinal
    Foto: Natalie Neomi Isser

Berlin hat eine neue Baustelle: seine öffentlichen Toiletten. Der Vertrag mit dem bisherigen privaten Betreiber läuft Ende 2018 aus, jetzt will die Stadt die Anlagen neu entwickeln und schließlich selbst verwalten. Neben allgemeinen Modernisierungen hat der Berliner Senat die Gleichberechtigung im Sinn: Auch Frauen sollen bequem im Stehen pinkeln können – in spezielle Frauenurinale. "Aus Sicht der Gleichstellung sind Pissoirs allein nicht akzeptabel", steht im neuen Berliner Toilettenkonzept. Überall dort, wo kostenlose Pissoirs Männer vom Wildpinkeln abhalten, solle es in Zukunft auch eine kostenlose Alternative für Frauen geben.

 

Die Lösung: zusätzliche Unisex-Toiletten und "Urinale, die von allen Geschlechtern benutzt werden können". Wie genau die aussehen sollen, ist noch nicht bekannt. Eine platzsparende Reihe Urinale ohne Trennwände, wie sie in der Männerabteilung üblich ist, würde von Frauen selbst in der größten Not wohl kaum angenommen werden. Aber wenn die Damenurinale in Einzelkabinen stehen, was macht dann den großen Unterschied zur normalen Toilette?

 

Die Idee des Frauenurinals gibt es schon lange. Auch einige Prototypen wurden schon gebaut, ein paar wenige davon haben es bis zur Marktreife geschafft. Zumindest in Deutschland hat sich aber keiner davon durchgesetzt.

 

An einer deutschen Hochschule gibt es jemanden, der schon seit Jahren erforscht, wie man das Stehpinkeln für Frauen angenehmer macht: Mete Demiriz ist Professor für Sanitär- und Bädertechnik an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und hat selbst so einen bisher erfolglosen Prototypen entwickelt. Wir haben ihn gefragt, warum Frauen dringend eigene Pissoirs brauchen und warum es sie trotzdem kaum irgendwo gibt.

 

jetzt: Herr Demiriz, könnte Ihr Frauenurinal die Geschlechtergerechtigkeit auf öffentlichen Toiletten schaffen, die sich der Berliner Senat zum Ziel gesetzt hat?

Mete Demiriz: Ich würde das nicht unbedingt unter dem Gleichberechtigungs-Aspekt sehen. Es ist für Frauen einfach bequemer und hygienischer, ein Frauenurinal zu haben, weil sie dann auf öffentlichen Toiletten berührungslos urinieren können.

 

Wie funktioniert das System, das Sie entwickelt haben?

Im Prinzip ist es wie ein Männerurinal, nur niedriger. Das Frauenurinal benutzt man mit dem Rücken zur Wand, in einer leichten Skihocke. Diese Haltung praktizieren Frauen sowieso auf öffentlichen Toiletten – wir haben sie nur ergonomischer gestaltet. Man hat dabei beide Hände frei, um den Rock oder die Jacke hochzuhalten. Anders als bei Männerpissoirs muss auch Toilettenpapier heruntergespült werden können. Das passiert automatisch. Meine Prototypen sind nie in Produktion gegangen. Ein Modell aus Edelstahl hängt aber seit etwa zehn Jahren bei uns in der Mensa-Toilette und wird auch benutzt – so oft wie die normalen Toiletten.

  • Frauenurinal Westfälische Hochschule
    Foto: Westfälische Hochschule

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Frauenurinal zu entwickeln?

Die Idee kam von einer Kollegin von der Kunsthochschule. Sie hat sich das Design überlegt, die Funktionalität fehlte aber noch völlig. Da haben wir uns zusammengetan und ich habe es technisch umgesetzt.

 

Was unterscheidet Ihr Modell von denen, die schon produziert wurden?

Das Kabinenkonzept war anders. Beim niederländischen Hersteller Sphinx waren das am Anfang halb transparente Kabinen. Die wurden aber nicht angenommen. Bei uns ist das eine geschlossene Kabine mit Tür.

 

So platzsparend wie die klassischen Pissoirs sind solche Kabinen ja nicht. Womit kann das Frauenurinal sonst noch punkten?

Es ist sehr wassersparend. Wir haben rund 270 Frauen auf Weihnachtsmärkten und an Autobahnraststätten befragt, wie sie die öffentlichen Toiletten dort nutzen. Dabei kam heraus, dass die Frauen im Schnitt dreimal spülen: einmal bevor sie es benutzen, falls etwas vom Toiletteninhalt zurück spritzt, einmal danach und dann noch ein drittes Mal, um das Nest aus Klopapier runter zu spülen, das viele Frauen auf der Klobrille drapieren. Beim Urinal müssten sie nur einmal spülen. Und dafür braucht es weniger als die sechs Liter Wasser, die bei normalen Toilettenspülungen üblich sind.

Warum hat sich das Frauenurinal trotz allem noch nicht durchgesetzt?

Vor ein paar Jahren hingen schon mal in vielen öffentlichen Bereichen Frauenurinale, die dann aber wieder abgenommen wurden. Danach habe ich von Frauen bedauernde Briefe bekommen. Sie haben mich gefragt, ob ich etwas dafür unternehmen könne, dass die Frauenurinale hängen bleiben. Für viele Frauen ist die Idee des Pissoirs aber etwas für Männer und wird deshalb oft abgelehnt. Der Name "Frauenurinal" oder "Frauenpissoir" kann abschrecken.

 

Für die Hersteller ist es nicht lukrativ, da sie mit jedem Frauenurinal weniger normale Toiletten verkaufen würden. Sowohl die Auswahl als auch die Produktion von öffentlichen Toiletten ist außerdem eine Männerdomäne. Wenn die Frauen da nicht kräftig mitmischen, wird daraus nichts. Es war einmal eine große deutsche Firme bei mir im Labor, die meine Entwicklung produzieren wollte. Es waren auch Sekretärinnen da, die sie ausprobiert haben. Dann hat die Frau des Vorstandsvorsitzenden gesagt: "Was für ein Quatsch, ich setze mich zu Hause immer drauf." Damit war das wieder gestorben. Es ist aber ja gar nicht für zu Hause gedacht.

 

Glauben Sie, dass es sich mit dem neuen Berliner Toilettenkonzept jetzt durchsetzen wird?

Ich wüsste nicht, wer gerade überhaupt noch Frauenurinale für den deutschen Markt herstellt. Aber wenn die Hersteller hören, dass sich da was tut, ziehen sie vielleicht nach. Es würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn das, worüber wir uns schon vor etwa 18 Jahren Gedanken gemacht haben, jetzt zustande kommen würde.

 

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