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Die Grenze überschritten

Manche halten das für lustig: Joko Winterscheidt fasst für eine Mutprobe einer Messehostess an Busen und Po. Auf Twitter bricht ein Shitstorm los - doch das ZDF versteht die Aufregung erstmal nicht.
juliane-frisse

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, kurz und besser bekannt als "Joko und Klaas" oder "die Nachwuchshoffnung des deutschen Fernsehens", können extrem lustig sein. Das haben sie in ihrer wöchentlichen Late-Night-Show "NeoParadise" schon oft bewiesen, etwa mit ihrer

 oder mit dem Sinnlos-Flashmob

In der Diskussion um die "Wetten dass...?"-Nachfolge fielen deshalb recht bald auch ihre Namen. 

Zum Lustigsein gehören manchmal auch Respektlosigkeiten. Doch das hoch gehandelte Duo weiß offenbar nicht immer, welche Grenzen man besser nicht überschreitet, wie die "NeoParadise"-Sendung vom 4. Oktober zeigt. Die beiden befinden sich auf der Internationalen Funkausstellung, wo sie sich gegenseitig Mutproben stellen, wie sie das immer machen. Die sind wie so oft pennälerhaft und bewegen sich irgendwo zwisch Pups-Spray und Nase aus dem Gesicht klauen. Dann lässt sich Klaas eine besondere Wette einfallen: Joko soll einer Messehostess an die Brüste und den Po fassen. Der weigert sich zuerst, macht es dann doch und verschwindet dann schnell wieder mit den Worten „Tschüss, tut mir wahnsinnig leid“. Die Hostess scheint nicht so richtig zu wissen, wie sie auf den Übergriff reagieren soll und bleibt lächelnd an ihrem Platz stehen, als wäre nichts geschehen.     

Als Joko nach erfolgreicher Mission zu Klaas zurückkehrt, ist der sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis und kommentiert süffisant: "Der war das auch so unangenehm. Die stand da und hat sich richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird die schön heulen unter der Dusche. Die steht dann sechs Stunden lang unter die Dusche." Joko entschuldigt sich noch einmal bei der jungen Frau und dann geht es weiter mit dem Pups-Spray. 

http://www.youtube.com/watch?v=n4Kg13l2iiY
Die fragwürdige Mutprobe: einer Messehostess an Brüste und Po fassen (ab Minute 4:05). 

Die Psychologin und Psychotherapeutin Tatsanie Inthraphuvasak von der Beratungsstelle "Wildwasser" sieht in der fragwürdigen Mutprobe einen "zweifachen Schlag für Menschen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben". Dass aus einer sexuellen Belästigung ein Gag gemacht werde, "lädt gerade dazu ein, solche Übergriffe als Kavaliersdelikte zu verharmlosen, wie es sowieso schon ständig geschieht," sagt Inthraphuvasak. Genauso problematisch findet sie Heufer-Umlaufs Dusch-Kommentar nach der Attacke. "Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, vermittelt das: Ihr stellt euch ja nur an. Dabei bezweifle ich, dass die beiden nachfühlen können, wie sich jemand nach einem solchen Übergriff fühlt."
       
Dennoch, nach der Ausstrahlung am 4. Oktober passiert erst einmal tagelang nichts. Erst am Sonntagabend werden im Netz auf einmal viele auf den Vorfall aufmerksam. Vermutlich geht das auf einen Foren-Beitrag von Georg von Grote auf freitag.de zurück, in dem der Autor die Geschichte rekapituliert. Und dann geht es ganz schnell: Binnen kürzester Zeit wird der Hasthag #NeoParadise trending topic auf Twitter, unter anderem befeuert von Anke Domscheit-Berg. Auch viele Blogger regen sich über die Sendung auf, einige beschweren sich beim ZDF-Fernsehrat. 

Am Montagvormittag reagiert das ZDF mit einem Tweet auf den Shitstorm, der es allerdings nicht vermag, die Wogen zu glätten. Statt sich mit dem Vorwurf auseinander zu setzen, dass hier Altherren-Sexismen in einer vorgeblich jungen Sendung völlig kommentarlos verbreitet wurden und sexuelle Belästigung zur Belustigung der Zuschauer gesendet wurde, behaupteten die Verantwortlichen nur: 

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Irgendwann im Laufe des Montags muss den Verantwortlichen allerdings aufgegangen sein, dass diese dünne Rechtfertigung nicht ausreichen würde, um die Empörung im Netz aufzufangen, weshalb sich gegen Mittag dann auch Klaas Heufer-Umlauf via Twitter zum Thema meldete und in zwei Tweets zugab, dass sie richtig großen Mist gebaut hatten. Klaas Heufer-Umlauf schreibt als Entschuldigung:

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TV-Formate wie "NeoParadise" sind Produkte, an denen viele Mitarbeiter beteiligt sind. Erschreckend ist daher, dass in der verantwortlichen Redaktion offenbar niemand die Mutprobe beziehungsweise ihre Ausstrahlung so problematisch fand, dass die Aktion im Vorfeld gestoppt oder aus der Sendung geschnitten wurde. Zu einer Äußerung zu den redaktionellen Prozessen, die den "lustigen" Übergriff und dessen Ausstrahlung durch einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ermöglicht haben, sahen sich die Presseabteilungen von ZDF und ZDFneo am Montag bis 18 Uhr allerdings nicht in der Lage.

UPDATE: Kurz nach Veröffentlichung des Artikels versendete die Pressestelle des ZDF folgendes Statement:
"Unsere Sendung ’neoParadise’ ist Satire – entsprechend nehmen unsere Zuschauer sie auch wahr. In diesem Fall ist uns und unseren Moderatoren jedoch bewusst geworden, dass dieser Scherz am guten Geschmack vorbeigegangen ist. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben deshalb ihr Bedauern bereits deutlich zum Ausdruck gebracht."

UPDATE II: Am Dienstag Nachmittag antwortete die Pressestelle des ZDF auch auf unsere Fragen zu den redaktionellen Abläufen, die die Planung und Ausstrahlung des Belästigungs-Gags ermöglicht haben. Demnach haben mehrere Stellen die Mutprobe, die Messehostess zu belästigen, abgesegnet:
"Alle Aktionen, die im Rahmen der Sendung 'neoParadise' stattfinden, werden in enger Absprache zwischen Moderatoren und Redaktion der Produktionsfirma geplant und umgesetzt. Alle Inhalte werden zudem von Senderseite aus redaktionell abgenommen. (...) Die Entscheidung (zur Ausstrahlung, Ergänzung der Redaktion) wurde in enger Absprache zwischen allen Beteiligten getroffen. Bei der Konzeption und der Umsetzung der Aktion haben wir eine Botschaft transportiert, die weder intendiert war noch inhaltlich akzeptabel ist.‬"
Zum Umgang mit der belästigten Hostess heißt es weiter: "Joko Winterscheidt hat sich sowohl im Beitrag selbst, als auch nach den Dreharbeiten bei der Dame entschuldigt.‬"


Text: juliane-frisse - und Christina Waechter

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