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"Im Worst Case würde ich kämpfen"

Estland ist das Land der Verwandlungs-Profis. Fünf junge Esten diskutieren über die Bedrohung durch Russland und die Flüchtlingskrise.
Interview: Friedemann Karig
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    Foto: Fabian Weiss

Kaum ein Land hat den Reset von Post-Sowjetunion zu EU-Mitglied, von Ost zu West, von Industriell zu Digital so gut und schnell hinbekommen wie das kleine Estland. Doch seit der Ukraine-Krise macht der machthungrige Nachbar im Osten wieder ernste Sorgen. Die Wirtschaft schwächelt. Die Flüchtlingsfrage entzweit das Land. So erstarkt an der Ostsee rechter Populismus. Wie gehen junge Esten mit dieser schwierigen Situation um? Was kann man von ihnen lernen?

 

Tallinn Mitte Januar: Minus fünfzehn Grad, der Himmel ein einziges Grau. Überall Schnee, Winterstiefel, Atemwolken, Pelzmützen. Im Restaurant des Theaters NO99 treffen sich Martin Noorkoiv (26, Gründer eines Startups für politische Bildung von Jugendlichen), Vlad Kopylkov (28, russisch-stämmiger Journalist), Laur Kaunissaare (33, Dramaturg), Maris Hellrand (45, TV-Journalistin), Evi Pärn (32, freie Künstlerin).

  • Vlad Kopylkov
    Vlad Kopylkov (28) ist Journalist, wurde in der Ukraine geboren und lebt in Tallinn.
  • Martin Noorkoiv
    Martin Noorkoiv (26) ist Student in Tartu und Gründer eines Startups für politische Bildung.
  • Evi Pärn
    Evi Pärn (32) ist freie Künstlerin und lebt in Tallinn.
  • Laur Kaunissaare
    Laur Kaunissaare (33) ist Dramaturg und lebt in Tallinn.
  • Maris Hellrand
    Maris Hellrand (45) ist TV-Journalistin und lebt in Tallinn.

Die Fünf kennen sich schon, begrüßen sich nordisch zurückhaltend. Die junge intellektuelle Szene in Estland ist überschaubar, aber hellwach. Es braucht nur eine Frage, bis die sie warm geredet sind. 

 

jetzt: In Deutschland sagte man früher erst ernsthaft, dann irgendwann nur noch ironisch: „Der Russe kommt!" Hört man das bei euch oft?

Evi: Es heißt immer: "Wir sind in Gefahr. Die russischen Panzer stehen schon an der Grenze. Wir müssen bereit sein zu kämpfen". Manchmal sagt sogar der Präsident so etwas. Jedenfalls wird ständig über Sicherheit geredet. Das gibt mir aber ein Gefühl von Unsicherheit.

 

Martin: Die Reformpartei hat die letzten Wahlen quasi nur mit diesem einen Thema gewonnen. Sie sagte: Wählt uns, oder wählt Russland. Es war ein Wettbewerb in Nationalismus. 

 

Evi: Laut einer Studie war eines der meistgenannten Wörter in estnischen Medien „Putin“.  

 

Maris: Und jeder Hinterbänkler kommt in die Medien, wenn er nur irgendwie vor den bösen Russen warnt. 

 

Laur: Zum Glück sind die staatlichen Medien noch relativ ausgewogen. Russland ist nicht immer das "Mordor", wie es ein ukrainischer Google-Mitarbeiter mal zum Spaß als Übersetzung in Google Translate einprogrammierte

 

Vlad: Aber mit unserer Geschichte kommt man an dem Thema auch nicht vorbei. Und deswegen müssen unsere Politiker endlich besser verstehen, wie der Kreml tickt. In welchen Szenarien Russland tatsächlich aggressiv werden würde. Wenn beispielsweise die russische Wirtschaft den Bach runter geht, muss Putin wieder einen Krieg anfangen, um stark zu erscheinen. Dann sind nach den Ukrainern schnell auch die Esten böse „Nazis", die ihre russische Minderheit unterdrücken. Der Schlüssel liegt in der russischen Situation, nirgends sonst.

  • Martin und Maris
    Foto: Fabian Weiss

Die Esten kennen sich mit fremder Machtgier aus. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde Estland 1990 nach 50 Jahren wieder unabhängig. Diese Zeit ist bis heute präsent. Mehr als die Hälfte der 420.000 Einwohner Tallinns wohnt in ehemaligen Sowjetbauten. Endlose Häuserschluchten, in denen man sich verläuft, so gleichförmig wurden sie in die Welt gesetzt. 

 

Maris: Auch wenn das Thema immer präsent ist, bleibt die Wahrheit doch: Man lebt eher so neben den Russen her. Zu meinem engeren Freundeskreis gehören eher meine "gut integrierten" Kollegen, die fließend beide Sprachen sprechen und sich bequem in beiden Kulturen bewegen.

 

Laur: Ich kenne persönlich vielleicht ein Dutzend estnische Russen. Oder mehr. Und ich denke nicht, dass die sich ein agressives Russland wünschen.

 

Vlad: Aber die Leute im russisch dominierten Osten springen auf die emotionale Propaganda an. Für sie ist unser Präsident Ilves ein dummer Pinguin. Falls Russland wirklich kommt, sind sie natürlich auf deren Seite, allein schon wegen ihrer Muttersprache. Die westliche-liberale Sprache verstehen sie nicht, sie lachen uns dafür aus. Russland hingegen sagt: "Wir werden ein russisch-orthodoxes Weltreich schaffen und auf den Mars fliegen“. Das ist die viel bessere Story. Bei diesem mythischen Russland wollen auch die hiesigen Russen dabei sein. Und natürlich wird Putin diese Leute nutzen, genauso wie im Donbass. Also muss man verstehen: Die Gefahr ist real. Nicht von Russland an sich. Sondern von den Mächten, die dort wirken. 

 

"Das ist nicht nur eine Schlechtwetterperiode, das ist ein Klimawandel", kommentierte 2014, auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise, der damalige estnische Ministerpräsident Taavi Rivas die zunehmende Militärpräsenz Russlands an den baltischen Grenzen. Estland kaufte Panzer und Raketen-Systeme, und die „Kaitseliit", die historischen Freiwilligenverbände, erhielten großen Zulauf. Schon gegen die sowjetischen Besatzer im und nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Partisanengruppen wie die „Waldbrüder“ erfolgreich gekämpft. 

 

Laur: Der stete Tropfen dieser nationalistischen Botschaften wirkt, auf beiden Seiten. Dabei brauchen wir weniger Gerede über Sicherheit. Sondern eher Taten. Die Finnen beispielsweise reden nicht groß, die bauen einfach in jedes Haus einen Bunker ein. Das ist speziell, klar. Aber wir Esten können auch speziell sein.

 

Maris: Während der Ukraine-Krise stiegen die Freiwilligenzahlen für die Kaitseliit um das zehnfache. 2014 kamen 900 neue Mitglieder dazu, 2015 bis Anfang November schon 1100. Vor der Ukraine-Krise waren das jährlich nur 100 bis 200. So hat die Kaitseliit jetzt um die 25.000 Mitglieder, was neben der nur etwa 4000 Mann starken regulären Armee beachtlich ist. Selbst Balletttänzer und Literaturprofessoren gehen auf einmal hin. Esten sind da einfach etwas anders programmiert. 

 

Laur: Ich war auch bei einem Freiwilligendienst. Für Angestellte von staatlichen Betrieben ist das aber eher ein Team-Building-Event namens "Nationaler Verteidigungskurs". Da setzt man sich mit Richtern, Grenzbeamten, Soldaten zusammen und bespricht eben die Sicherheitslage. Das war super. Im absoluten Worst Case würde ich auch kämpfen, ja. Aber momentan tobt der Krieg eher online.

 

Maris: Die russische Troll-Armee kämpft hier schon, interessanterweise vor allem in Richtung der Deutschen. Wenn die deutsche Botschaft etwas auf Facebook postet, sind sie sofort da.  

 

Vlad: Seit der Ukraine-Krise ist das alles noch aggressiver geworden. Auch ich bekomme pro Text an die 300 Kommentare, ich sei ein Verräter an der russischen Sache, der in der Hölle schmoren soll. Nur weil ich Russland kritisiere – und das auch noch auf Russisch. Diesen vorgehaltenen Spiegel ertragen die Leute nicht. Aber immerhin ventilieren sie ihren Hass online. Das ist immer noch besser als rauszugehen, so wie 2007, und alles kaputt zu schlagen.

 

Als 2007 eine umstrittene Sowjet-Statue („Der Bronze-Soldat von Tallinn“) abgebaut wurde, randalierten russischstämmige Jugendliche in der Innenstadt. Es gab Verletzte und ein Todesopfer. Zeitgleich wurde der erste Cyber-Angriff der Geschichte auf Estland verübt, von russischen Hackern der „Putin-Jugend".

 

jetzt: Ihr habt also auch große Probleme mit der Hetze in den sozialen Medien? Hat Estland nicht das Image eines digitalen Utopias, weil ihr als Bürger fast alles unkompliziert online erledigen könnt, zum Beispiel sogar Firmengründungen? Man meint ja fast, ihr seid totale Profis im Digitalen.

Maris: Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Die digitalen Dienstleistungen sind im Netz ja nur möglich wegen einer gewissen Transparenz und der einwandfreien digitalen Identifizierung jedes Bürgers. Ansonsten sind eher Anonymität und Intransparenz das Problem.

 

Laur: Klar sind wir progressiv, und die Regierung versucht alles, diese digitale Vorreiterrolle weiter auszubauen. Aber gegen Shitstorms kann sie ja nichts tun. Und die betreffen uns täglich.

 

Maris: Das größte Online-Problem ist Freiheit, die sich selbst auffrisst. Weil Social-Media-Kommentare so heftig werden, dass sich niemand mehr traut zu schreiben. Mehrere Fernsehsender und Zeitungen haben ihre Kommentarfunktionen eingestellt. Weil der Hass wirklich die gefühlte Meinungsfreiheit beschneidet. Jeder weiß: Wenn du dich traust, etwas zu veröffentlichen – das muss nicht einmal besonders kontrovers sein – dann musst du damit rechnen, gelyncht zu werden. Egal wie hart man ist, das schränkt ein.

 

Martin: Generell erleben auch wir, wie fast die ganze Welt, einen Backlash gegen die Filterblase der liberalen Hauptstadt-Journalisten. Die Menschen denken eben anders, als die Medien klingen. Das drücken sie online umso wütender aus.

 

Maris: Beim Flüchtlingsthema ist der Shitstorm jedenfalls sicher. Noch schlimmer als bei Russland. 

 

Evi: Und die allermeisten Politiker haben Angst, Wähler zu verlieren. Also sagen sie lieber nichts. 

 

Martin: Die halbwegs Vernünftigen halten sich lieber raus. Als ich darüber geschrieben habe, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Morddrohungen bekommen. 

 

Eva: Dabei ist momentan der einzige negative Effekt der Flüchtlinge auf uns, dass die Nachrichten ständig darüber berichten. Was sollen wir auch sonst davon spüren? Momentan haben wir ungefähr 20 Flüchtlinge hier. Und selbst deren Unterkunft wurde attackiert. Und niemand dafür verantwortlich gemacht. 

 

Auf den Straßen Tallinns sieht man tatsächlich kaum eine andere Hautfarbe als die nordisch helle. Neben der russischen Minderheit leben quasi nur slawische Ausländer hier. Wie in anderen Ländern auch sieht man Einwanderer aus südlichen Ländern vor allem in Niedriglohnjobs, als Straßenkehrer, als Taxifahrer. 

 

Vlad: Auch in Estland waren wir jungen Leute mal offener. Auch wir waren ja oft genug Flüchtlinge. Und als Europäer wollen wir mithelfen. Aber angesichts der Nachrichten nicht nur aus Köln, sondern auch aus Frankreich oder Schweden beispielsweise, ändere selbst ich meine Meinung.

 

jetzt: Moment mal: Bei euch diskutiert man auch über die Übergriffe in Köln an Silvster?

Maris: Köln war wirklich ein Gamechanger, auch für uns. 

 

Vlad: Da kommen Fragen auf: Bin ich bereit zu riskieren, dass Menschen, besonders Frauen, die ich liebe, verletzt werden? Wer kommt da zu uns? Familien auf der Suche nach einem neuen Leben, oder islamistische Idioten, die vergewaltigen oder sogar Anschläge verüben? Kann ich unserer Regierung und Polizei trauen, dass sie richtig entscheiden? Lag ich falsch, als ich für eine Aufnahme von Flüchtlingen war?

 

Evi: Wir können und sollten als kleinstes, nicht gerade reichstes europäisches Land sowieso nur relativ wenige aufnehmen. 

 

Estland geht es wirtschaftlich gut, aber der große Aufschwung seit dem EU-Beitritt 2004 ist abgeflacht. Die Arbeitslosenquote von um die neun Prozent liegt unter dem Viertel der Bevölkerung, das der russischstämmigen Minderheit zugerechnet wird, um ein vielfaches höher. Die ehemaligen Industrieregionen im Osten Estlands haben den Wandel verpasst. 

 

Maris: Die rechtskonservative Forderung ist, einfach niemanden reinzulassen. Die sogenannte „estnische Null-Quote". Die dominiert jetzt den Diskurs wieder.

 

Evi: Und unsere Sozialarbeiter sind ja gar nicht bereit für diese Leute und ihre Traumata. Die wenigsten können arabisch. Die müssten erstmal auf Fortbildung nach Griechenland. Diese praktischen Fragen treiben mich um.

 

Laur: Viele Esten haben einfach Angst vor dem Abstieg. Unsere soziale Sicherung ist schwach. Es geht nicht allen gut. Warren Buffet hat mal gesagt, eine Krise sei wie Ebbe: "Wenn das Wasser zurückgeht, sieht man, wer ohne Badehose schwimmt". Das passiert momentan. Themen wie Armut, die vorher schon da waren, werden jetzt erst sichtbar. Am Ende ist das alles eine Frage des Vertrauens. Vertrauen in die Gesellschaft, die Regierung, in die Institutionen. Traue ich zum Beispiel der Polizei zu, das Gesetz durchzusetzen? Diese Debatte ist eine Stellvertreter-Debatte. Es geht eher um Identität. Ich würde viele gerne fragen: Was ist eigentlich dein Problem? Denn bei vielen Leuten verbergen sich vielleicht tatsächlich echte Probleme unter dem ganzen rassistischen Quatsch.

 

Vlad: Jaja, du hast Recht, es gibt schon viele Neo-Nazis hier.

 

Laur: Das hab ich gar nicht gesagt! 

 

Vlad: So oder so müssen nicht wir etwas tun, sondern die Flüchtlinge. Sie kommen schließlich zu uns. 

 

jetzt: Erstaunlich, wie sehr eure Probleme, eure Diskussionen unseren dann doch gleichen, oder?

 

Evi: Ja, aber jetzt reden wir schon wieder nur über uns, also uns Westler. Und nicht mehr über die Ursachen des Krieges. Die Schmuggler. Die Leute, die Fake-Schwimmwesten machen, die nur drei Minuten halten. Und unsere Mitschuld daran. Ich würde ja gerne an die Menschlichkeit glauben. Aber momentan...

 

Martin: Es ist wie bei der gleichgeschlechtlichen Ehe. Die betrifft genauso wie die Flüchtlinge sehr wenig Leute wirklich, praktisch. Aber alle regen sich auf. Es geht eben eigentlich um Identität, da hast du recht, Laur. Und die muss man immer wieder neu erfinden.

 

Laur: Man muss auch mal sagen: Es ist alles noch gar nicht so schlimm. Es war schon viel schlimmer. Ein Freund von mir sagt immer: "Ist ja Horror!" Und seine Großmutter, die drei Besatzungen erlebt hat, sagt dann: Junge, Du hast noch keinen Horror gesehen. 

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