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„Heute Nacht muss ich arbeiten“

Unser Autor ist mit seiner Freundin zusammengezogen. Sie ist sechs Jahre älter und hat zwei Kinder. Folge fünfzehn: ein nächtlicher Seitensprung.
Von Maximilian Reich
  • zusammenziehkolumne nacht jetzt
    Illustration: Lucia Götz

Ich muss ein Geständnis machen: Ich betrüge meine Freundin. Mit einem Mann. Der Mann heißt Tony Soprano und ist ein Mafioso. Aber das muss wirklich unter uns bleiben. Sonja weiß nichts davon. Die geht nämlich jeden Abend um 23 Uhr schlafen, damit sie am nächsten Morgen um 6 Uhr rauskommt, um die Kinder für die Schule fertig zu machen. Nachdem sie sich im Bad abgeschminkt hat, kommt sie zu mir und fragt: „Kommst du mit ins Bett?“

 

Soviel Schlaf-Gut-Tee könnte ich gar nicht saufen, dass ich um die Uhrzeit schon müde wäre. Außerdem bin ich nachts gerne noch ein bisschen auf, da bin ich wie Batman – aber dazu gleich mehr. Erstmal antworte ich also: „Ich muss leider noch arbeiten“ und gucke dabei wie Bambi vor der Wurst-Theke. Das ist eine Lüge, aber eine Notlüge, geht also in Ordnung. „Och, du Armer“, sagt Sonja dann immer, gibt mir einen Gute-Nacht-Kuss und legt sich ins Bett.

Dann gehe ich zum Bücherregal, ziehe „Die Blechtrommel“ hervor und greife nach der Packung NicNacs dahinter. Aus der Abstellkammer hole ich die Cola, die ich in meinem Trolli aufbewahre. Das muss leider sein, Eltern wissen warum. Wenn ich den Süßkram offen in der Küche deponieren würde, bekäme ich gar nichts davon ab. Spätestens nach fünf Minuten hätten die Kinder sich alles unter den Nagel gerissen. Kinder sind wie Termiten, zumindest in meiner von Zeichentrickfilmen geprägten Vorstellung, wo Termitenschwärme innerhalb von Sekunden über alles herfallen, was aus Holz ist.

 

Ich klappe den Laptop zu, reiße die Packung mit den Nüssen auf und

schiebe die erste Staffel der Sopranos in den DVD-Player, weil ich die immer noch nicht gesehen habe. Ich komm ja nicht dazu. Dann öffne ich die Cola und stoße mit mir selber an. Denn: In den nächsten drei Stunden bin ich wieder Junggeselle. Jetzt kann ich machen, was ich möchte.

 

Ich bin nicht der Einzige: Ein Kollege von mir hat sich Work-Space in einem Büro gemietet, um dort in Ruhe Netflix zu gucken

 

Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, seit Sonja und ihre beiden Söhne Dante (11) und Paul (8) vor knapp vier Monaten mit mir zusammengezogen sind. Aber ich genieße es auch, wenn ich am Abend einen Film sehen kann, in dem Blut fließt und ich Fifa auf der Xbox spielen kann, ohne meinen Gegner gewinnen lassen zu müssen, weil er sonst möglicherweise sein Selbstvertrauen verliert und in der Schule kleineren Kindern die Unterhose hochzieht, um das zu überspielen. Verärgerte Eltern würden bei uns anrufen, ich müsste zu Lehrersprechstunden gehen – was für ein Aufwand. Das will ich nicht riskieren. Und außerdem… diese Stille… herrlich!

 

Ich muss auf keinen Rücksicht nehmen. Naja, fast. Ich darf bloß niemanden aufwecken. Deswegen schalte ich den Ton runter auf die zweitniedrigste Stufe und setze mich ganz dicht vor den Bildschirm, damit ich überhaupt etwas verstehe. Gut möglich, dass ich bald einen epileptischen Anfall von dem Geflimmer bekomme, aber im Namen der Freiheit blicke ich dieser Gefahr mutig entgegen. Wie gesagt: Batman.

 

Verurteilt mich bitte nicht. Ich habe mit anderen Vätern gesprochen, ich bin nicht der einzige, der das so macht. Ein Kollege von mir hat sich Work-Space in einem Großraumbüro gemietet. Er zahlt 500 Euro im Monat, bloß um dort in Ruhe Netflix zu gucken.

 

Neulich hat Sonja in einer Zeitschrift gelesen, dass es für Eltern wichtig sei, regelmäßig Zeit zu zweit zu verbringen, ohne Kinder. Deswegen kam sie gestern nach dem Abschminken ins Wohnzimmer und hat sich mit ihrem Laptop mir gegenüber an den Tisch gesetzt, als ich wieder gesagt habe, dass ich noch einen Artikel zu schreiben habe. „Dann leiste ich dir Gesellschaft und arbeite auch noch ein bisschen.“

„Aber du musst doch in sieben Stunden schon wieder raus.“

„Ach, zur Not müssen sich die Kids eben mal selber fertig machen.“

„Aber du siehst dann den ganzen Tag total zerstört aus.“

„Sehr charmant. Aber ich hab morgen keine Meetings. Du bist der einzige, der mich morgen sieht“, sagte sie und lachte. Na toll.

 

Die nächsten zwei Stunden habe ich angestrengt auf mein Macbook gestarrt und irgendwelche Begriffe in Google eingetippt, damit es so aussieht als würde ich arbeiten. Falls es jemanden interessiert: In Kabul hat es morgen 35 Grad. Einen Vorteil hat das Ganze natürlich: Zum ersten Mal in vier Monaten kriege ich diese Kolumne rechtzeitig fertig. Aber das ist ein schwacher Trost.

 

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