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Aus dem Osten in den Westen: Nicolas Chee und sein Film "Becoming Royston"

Asiatisches Kino ist en vogue. Gerade befruchtet ein ganzer Reigen fernöstlicher Kino-Produktionen den Westen, als Kopiervorlage oder adaptiert von alten Meistern wie Quentin Tarantino, Luc Besson oder Martin Scorsese. Es geht aber auch auf geradem Wege – zum Beispiel über Filmfestivals wie das „Cineasia“ in Köln, einem der Brückenköpfe der asiatischen Kino-Kultur hierzulande. Nicolas Chee, 28, gehört zum jüngsten Spross asiatischer Filmemacher: kosmopolitisch, talentiert, undogmatisch. Gerade feierte sein Spielfilm-Debüt „Becoming Royston“ in Köln Europa-Premiere. Den Weg dorthin ebnete sich der Jung-Regisseur aus Singapur durch kluges Guerilla-Marketing, mit der er seinen Film bewarb. Dabei gilt Nicolas Chee schon als hofierter Star: Für Firmen wie Swiss Air, Sony oder Inter-Continental schuf er als Werbe-Fotograf Hyperglanz-Bilder. Mit jetzt.de sprach er über den Einfluss von Zensur auf die Kreativität, Kaugummi-Kauen in Singapur und die Frage, wie man Menschen dazu bringt, ihr Geld nicht für Hollywood-Blockbuster, sondern Independent-Filme auszugeben.
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Nicolas Chee (rechts), hier mit seinem Filmpartner Randy Ang Bild: Darren Soh/fullframephotos.com “Becoming Royston“ erzählt die Geschichte des ewigen Loosers Boon Huan – wieviel Autobiographie steckt denn darin? Ich glaube, es ist sehr wichtig, das Leben in seiner ganzen Breite zu zelebrieren; und das bedeutet nun mal beides: die grässlichen und die wundervollen Seiten. Und die Jugend hat reichlich von beiden. Sie ist die Zeit voller Entdeckungen – und böser Fehltritte. Becoming Royston enthält allerhand davon. Die Geschichte fußt auf den prägenden Begegnungen meiner Jugend; dem vernarbten Verhältnis zu meinem Vater, all diese Beziehung-Kisten oder die Tyranneien während meiner Schulzeit. Wie ist es denn um die Pop- und Jugend-Kultur in Singapur bestellt? Es gibt sie, aber man muss sie suchen. Sie fristet eher ein kümmerliches Schattendarsein – und findet, wenn überhaupt, nur in den Sub-Kulturen statt. Als wir uns entschieden, Becoming Royston abzudrehen, ging es uns vor allem um Eines: Der Film müsse aufrichtig sein, wir müssten uns darin wieder finden. Und ich glaube, deshalb kann man ihn auch treffend pop-literarisch bezeichnen – weil er eben unser aller Lebenswirklichkeit widerspiegelt. Der Film „Becoming Capa“ – rund um den Kriegs-Fotografen Robert Capa – der dir als Inspiration diente, erzählte die Geschichte der Beat-Generation: ihr Traum von Freiheit in den 1960er; gesäumt von Drogenkonsum, Trinkgelagen und flüchtigen Affären. Becoming Capa wurde vor 13 Jahren niedergeschrieben. Von einem guten Freund – dem wohl ruhmreichsten Fotografen Singapurs: Tay Kay Chin. Waren wir glücklich, als er die Rolle des Bootsmannes in unserem Film spielte! Nun begleitet auch „Becoming Royston“ dieser Grundton eines Traums von Freiheit, wenn auch viel subtiler. Wie groß ist denn der Wunsch nach gesellschaftlich Umbrüchen in einem Land wie Singapur? Sich der Zwänge entledigen, ist ein angeborener Menschheitswunsch. Und so ist es nur natürlich, dass jeder Singapurer eben auch in den Genuss von Freizügigkeit gerät – während unsere junge Gesellschaft reift. Irrwitzige Gesetze kennzeichnen Singapur: Teils drakonische Strafen drohen bei Besitz von Kaugummi. Bungee Jumping ist ebenso untersagt, wie der Vertrieb allerlei ausländischer Presse. Und nicht zuletzt haben viele Künstler mit der staatlichen Zensur zu kämpfen. Ist sie dir persönlich ein Dorn im Auge – oder macht sie gar kreativer? Die Gesetze in Singapur hier haben sich in jüngster Zeit etwas entspannt. Man kann nun guten Gewissens Kaugummi konsumieren oder Bungee springen. Ebenso werden nun eine ganze Reihe ausländischer Publikationen feilgeboten – auch wenn einige weiterhin auf dem Index stehen. Die Zensur ist ein komplexes Problem. Es verhält sich in etwa wie mit einem Versuchsballon oder dem Fischen im Trüben. Du solltest dich weder davon lähmen lassen noch sie auf die leichte Schulter nehmen. Singapur prägt eine multikulturelle Gesellschaftsstruktur unterschiedlichster Bildungsniveaus. Entsprechend komplex ist unsere Gesellschaft danach bis ins feinste Geäst austariert – gleich ob in unseren Schulen oder den Trabantenstädten. Eine Balance zu finden, die allen genügt, ist demnach problematisch, aber in der Summe fruchtbar: denn es verlangt uns allen mehr Ideenreichtum ab. Zeit und Bildung sind der Schlüssel, um dieses Problem zu tilgen. Becoming Royston ist ein klassisches Do-it-yourself-Projekt: ausschließlich besetzt mit Greenhorns, lanciert mit einer Guerilla-Marketing-Kampagne und schmalen Budget. Kann eure Methode als Vorbild für andere Filme gesehen werden? Ich glaube nicht, dass wir darauf aus waren, als wir an unserem Film arbeiteten. Ich habe nie eine Filmschule besucht, wir versuchten schlichtweg vernünftig zu kalkulieren. Die meisten Independent Produktionen folgen wohl diesem „Do it yourself“-Credo, nur konnten wir uns eben von den erfolgreichen eine Scheibe abschneiden. Das Internet hingegen ist für alle Filmschaffenden ein revolutionäres Werkzeug. Und wir stehen gerade erst am Anfang, die Kraft dieses Mediums verstehen zu lernen. Euer Label Originasia Pictures spielt diese Klaviatur schon sehr virtuos ... Wir versuchten unser Projekt schon lange ins Land zu tragen, bevor wir mit dem Dreh begannen. Zudem flankierten wir unsere klassische Webseite mit einem Produktions-Blog; vom Casting bis zur ersten Showcase finden sich dort alle Etappen unseres Filmdrehs. Zudem schien uns klar: Warum sollte sich der gewöhnliche Kinogänger für einen Low-Budget-Film entscheiden – wenn für den selben Preis der jüngste Hollywood Blockbuster zu haben ist? Nicht jeder, der sich für unseren Film begeistert, möchte dafür auch löhnen. Für all diejenigen lockt eine Kurzfilm-Fassung im Netz; „Becoming Royston“ streut so dank Mund-zu-Mund-Propaganda über den Globus – ein unbezahlbarer Mehrwert. Du wandelst zwischen sattem Mainstream und spartanischem Independent - ein überbrückbarer Gegensatz für dich? Letztlich zählt die Qualität. Die ist mit mehr Geld allein schwer zu kaufen. Gern assoziiert man mit Independent-Kino verwackelte Kamera-Perspektive, laienhafte Schauspieler, eine dünne Geschichte. So sollte es eben nicht sein. Ein guter Film misst sich in erster Linie daran, ob er etwas zu erzählen hat.

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