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"Der Todesstern hat eine schwierige Statik"

Der Poetry-Slammer Frank Klötgen baut mit seinen Büchern Bauwerke nach. Im Interview erklärt er, wie das funktioniert.
nadja-schlueter

jetzt.de: Frank, du bildest berühmte Bauwerke mit den Ausgaben deines Buches "Mehr Kacheln"nach. Wieso lagerst du alle Bücher in deiner Wohnung und aus wie vielen Büchern besteht dein aktueller „Mehr Kacheln"-Stapel noch?
Frank Klötgen: Ich habe diesmal für die Veröffentlichung keinen Verlag eingespannt, sondern selbst veröffentlicht, darum liegt dieser große Stapel bei mir. Es sind jetzt noch so um die 370 Bücher. Aber ich verbaue nicht nur „Mehr Kacheln", sondern auch meinen Roman „Der Fall Schelling". Den brauche ich als Farbtupfer. Ich bin auch immer noch sehr stolz auf diesen Roman und freue mich, wenn er auch noch etwas Aufmerksamkeit bekommt.

Wie viele Bauwerke hast du mittlerweile erschaffen und fotografiert?
Die ersten Bilder waren gar keine Bauwerke, sondern einfach nur ein Zeugnis dieses riesigen Bücherstapels in meiner Wohnung. Als ich dann in Köln einen Auftritt hatte, bin ich auf die Idee gekommen, den Kölner Dom nachzubauen, ganz rudimentär und auch nicht ernst gemeint. Das war die Nummer eins und beim dritten habe ich gedacht: Das wird jetzt eine Serie. Mittlerweile sind es 42. Wobei es zum Beispiel vom Reichstag die Christo-Version und die enthüllte Version gibt.

Am Anfang war es also nur eine spaßige Idee oder war die ganze Aktion auch als Werbemaßnahme für das Buch gedacht?
Am Anfang waren die Fotos dazu da, die Leute über das Buch zu informieren, also zu sagen: „Hallo, ich habe tatsächlich dieses Buch veröffentlicht!" Zu einer Art Werbeaktion ist es erst im Nachhinein geworden. Jetzt zieht das Projekt auch andere Menschen an, die von dem Buch gar nichts wissen und nur die Gebäude mal sehen wollen.

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Frank Klötgen auf der Bühne

Also haben deine Gebäude auch über Facebook hinaus Wirkung?
Ja, mir haben Leute erzählt, dass schon auf Partys darüber gesprochen wird, welches Gebäude gerade online gestellt wurde. In einer Kneipe hatte ich mal nach dem Auftritt meine Bücher ausliegen und eine Frau sagte: „Das sind doch die Bücher von Facebook, mit denen immer diese Gebäude gebaut werden. Kann man die auch kaufen?" Da wurde mir erst klar, welche Kreise das gezogen hat.

Was war die schönste Reaktion, die du bisher auf die Bilder bekommen hast?
Eine Frau wollte Schokoladentäfelchen mit den Bildern bedrucken lassen, um ihre Weihnachtsgeschenke damit zu dekorieren, und hat bei mir die Erlaubnis dafür erbeten. Ich habe die Anfrage erst überhaupt nicht verstanden und dachte: „Das kann sie doch jetzt nicht wirklich gefragt haben?" Dann habe ich natürlich gesagt, dass ich auch ein paar Täfelchen haben möchte. Von einer anderen Frau habe ich ein Fotobuch bekommen, in dem die Bilder versammelt sind.

Wie gehst du vor, wenn du ein Gebäude nachbaust?
Ich schaue mir erst die Vorschläge an, die die Leute in den Fotokommentaren machen, und dann Fotos der Originalbauwerke. Dann überlege ich, auch im Hinblick auf die Menge der Bücher, die ich noch habe, wie man das bauen kann. Bei der Akropolis zum Beispiel habe ich durchgerechnet, wie ich mit den verbleibenden Büchern noch Höhe hinkriege, ohne, dass es umkippt. Man entwickelt statisches Wissen und bekommt ein Gefühl dafür, wie viele Bücher man braucht. Wenn man den Plan mal gemacht hat, baut sich das recht schnell, meistens immer innerhalb von zwei Stunden.



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Welches Bauwerk war denn die größte Herausforderung, welches war am höchsten und aufwendigsten?
Der Todesstern war eines der ersten komplizierten Gebilde. Der hat eine unheimlich schwierige Statik, weil er unten auf ein, zwei Büchern ruht und dann in die Breite geht. Wenn der nicht einigermaßen symmetrisch gebaut ist, kippt er um. Eine Faustregel ist: Sobald es richtig gefährlich kippelt, schon mal einen vorläufigen Abschluss finden, ein Foto machen und danach weiterbauen. Am höchsten, über zwei Meter hoch, war der Mannheimer Wasserturm. Und für die Akropolis habe ich alle Bücher, die ich zu dem Zeitpunkt hatte, eingebaut. Also ist jedes Buch, das man jetzt von mir kauft, auch Akropolis gewesen.

Mal ehrlich: Was ist der Trick hinter dem Schiefen Turm von Pisa? Der kann doch nicht wirklich stehen geblieben sein...
Doch, aber der ist schon ganz früh ins Schaukeln geraten und ich habe bei jeder neuen Etage ein Foto gemacht, so nach dem Motto: Was man hat, hat man. Am Ende war er sehr hoch, ich musste immer mit der Leiter ran. Da habe ich wirklich mit angehaltenem Atem gearbeitet. Wenn so ein Gebäude dann steht, denke ich schon: Mann, ist das riesig! Ich bin manchmal etwas enttäuscht, wie wenig die Kamera davon einfangen kann. Aber die Gebäude sind eben dafür gebaut, sofort wieder abgebaut zu werden und in der Regel stürzen sie beim Abbau ein. Der Berliner Fernsehturm ist mir sogar aufs Bein gefallen, ich habe richtig geblutet!

Werden die Bilder denn auch mal außerhalb von Facebook veröffentlicht?
Ich werde einen neuen Gedichtband mit 50 Kurzgedichten herausbringen, der dann auch Platz für die Bilder lässt. Darum sollen es auch 50 Gebäude werden. Ich glaube, die Leute wollen das tatsächlich gerne als Erinnerung haben und es wäre ja auch ein schöner Abschluss des Projekts. Eine andere Sache ist eine geplante Fotoausstellung. Ich habe von jemandem ein Angebot bekommen, der einen Raum zur Verfügung stellt und sogar die Produktion der Bilder bezahlt. Danach haben andere Galeristen und Kneipenbetreiber gesagt: Wenn die Bilder schon mal bestehen, dann nehmen wir die auch. Das Ganze wird so gegen Ende des Jahres starten.

Jetzt hast du so viel Erfolg mit deinen Gebäuden – wirkt sich das auch positiv auf die Verkaufszahlen der Bücher aus?
Das kann man eigentlich noch nicht sagen. Das Buch gibt es ja nicht im Handel, man kann es nur bei mir bestellen. Ich will auch vermeiden, dass die Bücher nur deswegen gekauft werden. Bisher habe ich mich daher mit den Bildern etwas zurückgehalten. Wenn aber mal die neue Veröffentlichung ansteht, werde ich den Verkauf etwas mehr auf die Aktion münzen und sagen: Das ist eines der Bücher, die bei den Bauwerken dabei waren.

Die Bücher sind ja nicht primär als Ziegelsteine gedacht. Was steht denn eigentlich drin?
„Mehr Kacheln" ist eine „Best of"-Zusammenstellung meiner Poetry Slam-Gedichte, plus noch ein paar Kurzgedichte. Da es in Deutschland sehr schwierig ist, Gedichte zu veröffentlichen, habe ich das in Eigenregie gemacht. Die neueren Slam-Gedichte kommen dann im nächsten Buch, zusammen mit den Fotos.

Was ist der nächste Bauwerkwunsch, den du erfüllen wirst?
Es stehen noch acht Gebäude aus, bis die 50 voll sind. Die Chinesische Mauer ist noch auf der Liste und das weiße Haus wurde auch mal gewünscht. Das Heidelberger Schloss habe ich Frank Habrik, dem Slam-Veranstalter aus Heidelberg versprochen, weil der die Bilder bei den deutschsprachigen Slam-Meisterschaften in Heidelberg und Mannheim zeigen möchte. Außerdem gibt es den Wunsch, dass die ersten Gebäude, die ja etwas nachlässig gebaut wurden, noch mal in einer neuen Version gebaut werden. Bei der Dresdner Frauenkirche und dem Kölner Dom entrüsten sich die Dresdner und Kölner nämlich, dass sie mit solch schlechten Bauten verewigt sind. Ein Überraschungs-Bauwerk habe ich auch schon im Hinterkopf. Die Erwartung an die letzten Bauwerke ist natürlich viel größer, die müssen gut werden. Ich bin daher sehr froh um jeden tollen Vorschlag.

Mehr von Frank Klötgen gibt es auf seiner Homepage, dort kann man auch "Mehr Kacheln" bestellen. Alle Bauwerke kann man in seinem Facebook-Fotoalbum bestaunen. Wer noch einen guten Vorschlag für ein Gebäude hat, darf ihn gerne hier in die Kommentare schreiben.


Text: nadja-schlueter - Fotos der Bauwerke: Frank Klötgen; Porträt: Max Gindt

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