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"Es gibt nur einen Weg: Entwaffnung!"

Intellektuelle haben nach dem Schulmassaker von Winnenden eine Aktion ins Leben gerufen, bei der sie Deutschlands Schüler zur Schulverweigerung auffordern. Ein Interview
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Neun Schüler, drei Lehrerinnen und drei Passanten hat der Amokläufer von Winnenden getötet. Mit einer Sportwaffe. Nun fordert eine Gruppe von Musikern und Schauspielern den "Verbot von Mordwaffen als Sportwaffen". Solange kein entsprechendes Gesetz verabschiedet wird, rufen die Initiatoren Schüler und Eltern auf, den Schulbesuch zu verweigern. jetzt.de hat mit Roman Grafe, dem Autor, Filmemacher und Mitbegründer der Protestgruppe, über ihre Ziele und Hoffnungen gesprochen.

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Ein Mann hält auf der internationalen Sport- und Jagdwaffenmesse in Nürnberg eine Waffe der Marke Walther, Modell P99. Zwei Tage nach der Tat von Winnenden hat am Freitag die weltgrößte Fachmesse für Sport- und Jagdwaffen begonnen. jetzt.de: Ihr ruft Deutschlands Schüler dazu auf, solange nicht mehr zur Schule zu gehen, bis es ein Gesetz zum Verbot von tödlichen Sportwaffen gibt. Was versprecht ihr euch davon? Roman Grafe: Wir verbreiten unseren Aufruf in Schüler- und Studentenportalen im Internet und hoffen, dass unser Anliegen und unsere Website wahrgenommen werden. Die Schüler sollen selbst entscheiden, ob sie sich dem Protest anschließen möchten. Dann werden wir sehen, wie lange Schüler und Eltern durchhalten müssen, bis sich die Herrschaften in Berlin ihrer Forderung anschließen. Wenn man nicht mehr ohne Angst in die Schule gehen kann, dann ist es höchste Zeit, den Verantwortlichen klar zu machen, sich nicht wieder in Geschwafel zu flüchten. Welche Fehler wurden denn nach dem Schulmassaker von Erfurt im Jahr 2002 gemacht? Sieben Jahr nach Erfurt sind noch immer Mordwaffen als Sportwaffen erlaubt. Dabei wäre es selbstverständlich gewesen, nach der Mordserie des Sportschützen Robert Steinhäuser, alle tödlichen Sportwaffen aus dem Verkehr zu ziehen. Hat sich denn seit Erfurt gar nichts verändert? Damals wurde das Alter für den Waffenbesitz hoch gesetzt und es erging eine Verordnung zur sicheren Aufbewahrung von Schusswaffen. All das hat es sicherlich schwerer gemacht, zum Mörder zu werden. Trotzdem haben wir jetzt gesehen, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen. Wir haben gesehen, dass ein Junge bloß in das Schlafzimmer des Vaters zu gehen braucht, um sich dessen scharfe Pistole zu holen. Die Lobby der Sportschützen hat bereits erklärt, eine Verschärfung des Waffengesetzes abzulehnen. Wenn es in Deutschland ausnahmslos verantwortungsvolle Sportler geben würde, wäre dagegen auch nichts einzuwenden. Meines Wissens fallen allerdings auf zwei Millionen Sportschützen insgesamt zehn Millionen Schusswaffen. Wer braucht so viele Waffen? Spätestens mit der Mordserie in Winnenden ist klar geworden: Es reicht mit all den halb ausgegorenen Gesetzesänderungen. Es gibt nur einen Weg: Entwaffnung. Ist diese Forderung realistisch? Es stellt sich die Frage, was höher zu bewerten ist: Das elementare Menschenrecht auf Leben oder das Recht auf Sport und Spaß, einschließlich scharf schießen. Nach dem Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium haben die verantwortlichen Politiker immer wieder Ausflüchte gesucht. Auch die starke Schützenlobby hat eine größere Verschärfung des Waffenrechts verhindert. Dabei haben wir in der Finanzkrise gesehen, wie schnell der Bundestag reagieren kann, wenn es darum geht, den Banken Milliarden über den Tisch zu schieben. Da muss es auch möglich sein, innerhalb kurzer Zeit ein solches Gesetz zur Entwaffnung durchzusetzen. Gibt es schon Reaktionen auf eure Aktion? Wir versuchen derzeit rund um die Uhr, unser Anliegen publik zu machen. Der gestrige Tag hat um sechs Uhr morgens im Frühstücksfernsehen begonnen und hat um Mitternacht bei Deutschlandradio in Berlin geendet. Im ARD-Studio in Leipzig, wo wir unsere Aktion gestern auch erklärt haben, kamen nach der Sendung sofort Studiotechniker auf uns zu und wollten für das geforderte Verbot unterschreiben. Haben sich auch schon Politiker dazu geäußert? Ich habe gelesen, dass die CDU-Fraktion sich gegen ein verschärftes Waffengesetz ausgesprochen hat. Wie wollt ihr die Politik trotzdem zu schnellem Handeln bewegen? Unsere Hoffnung ist, dass möglichst viele Schüler bis auf weiteres den Schulbesuch verweigern, damit Regierung und Bundestag nicht wieder Ausflüchte finden. Das heißt: Boykott als Druckmittel? Wir sprechen lieber von Verweigerung. Wenn der demokratische Staat in seiner Schutzfunktion versagt, dann ist der Bürger gefragt. Das ist legitim und aus der Erfahrung der Geschichte heraus notwendig. Ich hätte grundsätzlich nichts gegen eine ausführliche parlamentarische Debatte, aber wir haben nicht endlos Zeit dafür. Schließlich vergeht kaum mehr ein Jahr, ohne Mord durch den Gebrauch von Sportwaffen. Es mag in diesem Zusammenhang nebensächlich klingen, aber: Wäre das nicht das Ende des Schützensports? Nein, überhaupt nicht. Mir hat gerade erst ein Sportschütze erzählt, dass in der DDR, zumindest in den Amateurvereinigungen, keine tödlichen Sportpistolen erlaubt waren. Zwar kann man auch mit den Druckluftwaffen auf dem Rummel Menschen verletzen, aber von einem Massenmord auf dem Rummel habe ich noch nie gehört. Welche Reaktionen kommen nach dem Amoklauf von Winnenden aus dem Sportschützenbereich? Als die Leichen noch nicht einmal vollständig abtransportiert waren, haben Funktionäre der Sportschießverbände bereits eine Pressemeldung verbreitet, wonach eine Verschärfung des Waffengesetzes gar nichts bringe. Mit welcher Begründung? Mit der geradezu idiotischen Begründung, dass in Winnenden nichts passiert wäre, wenn sich der Vater des Amokläufers nur an die entsprechenden Gesetze gehalten hätte. Das ist in etwa so, als würde ich sagen: Wenn sich Bankräuber in Deutschland an die Gesetze halten würden, dann gäbe es keine Banküberfälle mehr. Das sind fadenscheinige Sprüche, die in ihrer Gemeinheit der Propagandasprache in nichts nachstehen. Die Gewerkschaft der Polizei (GDP) fordert eine Chipkarte, die es ausschließlich Schülern und Lehrer ermöglichen soll, in ein Schulhaus zu kommen. Das mag im Einzelfall vielleicht hilfreich sein, aber diese Idee ist unzureichend. Ob ein Amokläufer das Schulhaus mit oder ohne Chipkarte, als Schüler oder Ex-Schüler betritt, macht die Opfer nicht lebendiger. Dennoch wird schnell das Argument kommen, wonach selbst eine Entwaffnung nicht alle Probleme lösen könne. Natürlich können wir auch endlos diskutieren, was Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer gedacht haben, bevor sie anfingen zu schießen. Aber anstatt uns mit unergründbaren Dingen aufzuhalten, sollten wir überlegen, was wir sofort tun können. Und da sehe ich eine Lösung nur in der Entwaffnung. Hätten wir jeden Monat einen Amoklauf zu beklagen, dann würde der Bundestag natürlich sofort ein entsprechendes Gesetz verabschieden. Es ist Zynismus pur, dass 15 Tote für eine solche Veränderung offenbar noch nicht ausreichen. Wer steckt hinter der Aktion "Keine Mordwaffen als Sportwaffen"? Die Initiatoren sind Ines Geipel, die schon nach dem Massaker von Erfurt in ihrem Buch vergeblich radikale Änderungen gefordert hat, der Student Conrad Krannich und ich. Wir haben sehr schnell herausgefunden, dass wir mit unserem naheliegenden Gedanken nicht allein sind und weitere Unterstützer gewonnen. Wir hoffen jetzt, dass es nicht nur eine Diskussion zwischen Musikern, Schriftstellern und den Verantwortlichen bleibt. Wir glauben, dass es schon genug intellektuelle Debatten gegeben hat und es jetzt an der Zeit ist, dass Schüler und Studenten ihre Interessen selbst in die Hand nehmen. Wie schätzt du die Chancen eurer Aktion ein? Wir haben eine gute Chance, da es kein vernünftiges Argument gibt, das dagegen spricht. Mal sehen, wer hartnäckiger sein wird: Die Schüler und die Eltern oder die Schützenlobby. Ich halte alles für möglich. Hier geht es zur Homepage des Projektes "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" Weitere Berichte zum Amoklauf von Winnenden auf jetzt.de

Text: andreas-glas - Foto: AP

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