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„Es gibt zu wenig Sex in der deutschsprachigen Musik"

Vor lauter Rap hatte man in letzter Zeit eines fast vergessen: deutschen Indiepop! Bis vergangene Woche plötzlich alle dieses Video posteten. Dabei kommt die Band Bilderbuch aus Österreich und ist hierzulande so gut wie unbekannt. Ein Gespräch über Sprachbarrieren und Austropop.
jan-stremmel

jetzt.de: Hi Maurice.
Maurice Ernst: Eines vorweg, entschuldige, ich bin ziemlich zerstört von gestern. Wir haben etwas verspätet Videopremiere gefeiert.

Ihr habt ja auch einiges zu feiern. So ziemlich alle großen Indie-Portale feiern eure Single "Maschin". "Video des Jahres", heißt es, "einer der größten Hits in deutscher Sprache", "einer der besten deutschsprachigen Sänger"...  
Naja, diese Superlative kann man schon fast nicht mehr ernstnehmen. Aber man freut sich natürlich, besonders wenn das Lob aus Deutschland kommt. Man liest das und denkt: Na Servus!  

Wirkt so, als wären gerade viele erleichtert, dass nach dem ganzen Deutschrap der vergangenen Jahre endlich mal wieder Gitarrenmusik kommt, die neu klingt.  
Das ist wirklich ein bisschen das Problem an diesem Trend – die Sachen, die in letzter Zeit groß werden, ähneln sich zu sehr. Mir war es immer ein Anliegen, mit der deutschen Sprache etwas interessantes Neues zu machen. Die deutsche Popmusik ein bissl weiterzubringen. Da ziepst es mich sogar ein bisschen an, wenn ich Sachen höre, die wie eine ständige Wiederholung klingen. Es gibt zu wenig Sex in der deutschsprachigen Musik, ganz grundsätzlich! Für die Sexyness muss man aber arbeiten.

  • 996734

"Wenn ich was einfaches machen will, kann ich ja gleich Wurstsemmeln verkaufen": Maurice Ernst, 24, Sänger von Bilderbuch.

Das hört man ja öfter: Deutsche Texte zu schreiben ist schwerer als englische, weil man sie sofort versteht...  
...dabei kann sich ein Engländer ja auch nicht damit rausreden, dass es schwer sei, auf Englisch zu schreiben! Logisch, das ist nicht so einfach. Aber wenn ich was einfaches machen will, kann ich ja gleich Wurstsemmeln beim Billa verkaufen. Und man muss ja auch nicht jedes Wort verstehen, nur weil es auf Deutsch ist.

Wie meinst du das?  
Bei deutscher Musik ist es oft so, dass dir der Gesang wie eine Zeitung im Wind im Gesicht klebt. Die Texte sind oft sehr plakativ. Bei textbezogenen Bands wie Element of Crime, die ich übrigens herrlich finde, ist der Text so im Vordergrund, dass die Musik nur die Begleitung ist.  

Ihr legt also mehr Wert auf die Musik?  
Beides ist gleich wichtig, aber nur weil der Text wichtig ist, muss er sich nicht so extrem in den Vordergrund drängen. Und ich glaube, man muss auch mal bewusst ein bissl undeutlich singen – bei Lindenberg oder Grönemeyer versteht man ja auch nicht sofort jedes Wort, und das macht sie so groß!  

Tatsächlich, eure Texte sind ziemlich kryptisch.  
Man kann ja trotz deutscher Sprache immer viel Metaebene reinbringen und drei Böden – nicht nur einen doppelten Boden, eine Metapher kann schließlich jeder schreiben auf Englisch oder Deutsch. Aber eine Finesse, die erst mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist, das traue ich mir nur auf Deutsch zu.  

http://www.youtube.com/watch?v=9Ocyk0OgyWY Die neue Single "Maschin".

Wie bei "Plansch", der ja in Österreich dieses Jahr ein Indie-Sommerhit war?  
Genau, da war die Idee, das Wort "Plansch" so zu singen wie ein Amerikaner, wenn er "plunge" sagt. Dieses Wort versteht jedes Kind auf der Welt, einfach weil es über der Sprache steht. Und genau dort fängt es an, interessant zu werden. Denn auf Englisch heißt "plunge" zum Beispiel auch Börsensturz. Der Song könnte also von der Wirtschaftskrise oder einem Freibadbesuch handeln. Ich glaube, genau da ist Popmusik gut, wenn man sie analysieren kann, wie man will.  

Eure neue Platte ist eine EP, warum kein Album?  
Nach acht Jahren und zwei Alben wollten wir ohne Druck in den Proberaum gehen. In Österreich kennen uns inzwischen viele, aber das könnte jetzt das erste sein, was von uns nach Deutschland durchdringt. Wir wollten uns nicht einem System beugen, das nicht funktioniert. Der ganze Aufwand für ein Album, das dann nach einem Monat Geschichte ist, mit dem du aber noch zwei Jahre rumtouren musst.  

Große Frage: Warum hört man denn in Deutschland so wenig von österreichischen Indiebands?   Das fragt sich jeder Österreicher, der Musik macht, einmal in der Woche. Irgendwie haben wir in den vergangenen zehn Jahren den Austausch mit Deutschland ein bisschen verschlafen. Es gab Falco und die EAV, ein bissl Austropop, den man gut verkaufen konnte – und dann war Sense. Warum sollten die Deutschen auch Bands buchen, die sich nicht wirklich aufdrängen? Aber ich hab schon das Gefühl, dass sich gerade was ändert.  

http://www.youtube.com/watch?v=px_V9-HyTAc "Plansch", ebenfalls von der neuen EP, war in Österreich ein Indie-Sommerhit.

Was denn?  
Zum Beispiel Chakuza aus Linz, oder Gerard – das sind zwei Rapper, die gerade erfolgreich in Deutschland sind. Die Zeit ist ja auch reif, die Wände einzureißen und zu sagen: Es gibt keine Grenzen im Internet! Es gibt da eine Sprache, die wir alle sprechen, das ist die einzige Grenze für unsere Musik.  

Es gibt eine Dokureihe über die österreichische Musikszene, in der ihr vorkommt, sie heißt "Weltberühmt in Österreich". Ist das so: Die Welt interessiert sich nicht für das, was Österreich für weltberühmt hält?  
Österreich hat immer eine extreme Selbstironie. Das ist im Fußball so und in der Popkultur – man orientiert sich an den Dingen, die früher mal funktioniert haben, dann spielt man damit und lacht ewig über sich selbst. Das ist zwar charmant, aber eigentlich traurig. Österreichisch eben.

Die Folge, in der ihr vorkommt, heißt "die Wachablöse".  
Ich will dir mal was sagen, es gibt insgesamt elf Folgen, und nur die letzte stellt dann 20 Bands vor, die den Austropop angeblich ablösen. Davor geht es zehn Folgen lang nur um Wolfgang Ambros, Falco und weiß der Teufel. Dabei sollte man doch am Anfang kurz die Vergangenheit abhandeln und dann zehn neue Bands vorstellen! Tut man aber nicht in Österreich.  

  • 996736

"Kanye West hat meinen Blick auf Musik grundlegend verändert."

Eine der in Deutschland bekanntesten österreichischen Indiebands, Ja, Panik!, ist nach Berlin umgesiedelt. Hat man nur so eine echte Chance in Deutschland?  
Ich glaube, ich muss da leben, wo ich lebe, um zu funktionieren. Unser Manager wohnt in Berlin, das reicht. Wenn ich jetzt auch dahin gehen würde, und das meine ich jetzt nicht böse, würde ich in zwei Jahren berlinerisch klingen. Das ist ja nichts schlechtes, aber ich will bei uns immer Wien raushören. 

Ihr kommt ursprünglich aus einer kleinen Gemeinde mit 5.000 Einwohnern. Welche Musik hat euch inspiriert?  
Der erste Song, den wir als Bilderbuch gespielt haben, war "Reptilia" von den Strokes – damals waren wir 14. In letzter Zeit hört jeder von uns Kanye West.  

Was magst du an ihm so?  
Vor zweieinhalb Jahren, noch bevor unser letztes Album herauskam, habe ich seine Platte "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" gehört und dachte nur: Oh mein Gott, das ist so großartig, das ist eine der großartigsten Platten des neuen Jahrtausends. Er hat Indie zur amerikanischen Musik geführt, England mit den USA verbunden, Gitarre und Hip-Hop! In der Zeit haben mich die normalen Bandplatten immer mehr gelangweilt. Da hat sich wenig getan, die ganz großen haben ihr drittes Album rausgebracht, das dann nicht mehr ganz so gut war oder immer noch geil, aber es geht mir um das Ausloten von Grenzen. Was meine Hörgewohnheiten angeht, hat Kanye West meinen Blick auf Musik grundlegend geändert.  

Die EP klingt sehr viel kühler als eure älteren Stücke. Ihr setzt die Gitarren nur noch sehr gezielt ein, oder?  
Das letzte Album war noch genau umgekehrt, da standen wir zu viert in einem Raum und haben das live aufgenommen – eine Hommage an die 60er Jahre, alles organisch, alles echt. Jetzt ist es das Gegenteil: Unser Gitarrist war gelangweilt von seiner Effektkiste. Für "Maschin" wollten wir sowas wie druckvolle Trompeten - aber von der Gitarre gespielt! Midi! Prince! Dieses Solo! Sowas höre ich in der deutschsprachigen Musik sonst nicht, deshalb macht es mich stolz, wenn es den Leuten jetzt gefällt.  

Beim letzten Album habt ihr angeblich alle "Die Pest" von Camus gelesen. Was diesmal?
Das ganze letzte Album behandelte existenzialistische Ideen, das war das Konzept. Aber jetzt bei "Feinste Seide" mache ich mich darüber lustig, wenn ich zum Beispiel singe: "Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal". Das als deutschsprachige Indieband zu singen, ist natürlich gewagt. Das funktioniert nur, weil der Satz davor mit Camus das erlaubt. Wir wollten sozusagen Tocotronic und Sido in einen Sack stopfen. Ein Brückenschlag zwischen proletarischer Bodenlosigkeit und französischer Philosophie.

Die EP "Feinste Seide" ist auf Maschin Records erschienen.

Text: jan-stremmel - Fotos: Screenshots

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