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Hell hilft

Im Herbst berichteten wir auf jetzt.de über junge Frauen, die in der Ukraine gegen Sextourismus kämpfen. Jetzt protestierten sie wieder, mitten in Kiew, gemeinsam mit DJ Hell. Wie es dazu kam? Ein Interview
matthias-kolb

jetzt.de: Hell, Du bist gerade aus Kiew von einer Demonstration zurückgekehrt. Was hast du in der Ukraine gemacht? Hell: Ich habe auf der jetzt.de-Seite eine Reportage über "Femen" gelesen. Das sind Schülerinnen und Studentinnen, die dafür kämpfen, dass in der Ukraine endlich über Themen wie Prostitution und Sextourismus diskutiert wird. Ihr Engagement hat mich sehr beeindruckt, die Aktionen sind kreativ und ungewöhnlich. Ich habe Kontakt zur Gruppe aufgenommen und letztes Wochenende gab es diverse Gespräche und Aktionen mit Femen in Kiew.

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Szenen vom 22. Mai auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew: Femen-Aktivistinnen mit Transparenten. Wie war dein Eindruck? Hell: Kiew ist eine große, faszinierende Stadt, aber im ganzen Land gibt es viele Probleme. Die HIV-Rate ist die höchste in ganz Europa, junge Frauen verkaufen ihre Körper, um ihre Ausbildung zu finanzieren und viele Ukrainer nehmen Drogen. Vor fünf Jahren fand die Orangene Revolution statt, doch heute ist die Euphorie verflogen. Alle sind frustriert über die Korruption und erwarten nichts mehr von der Politik. Die Abgeordneten leben völlig losgelöst von den Bürgern, wie in einem Raumschiff. Femen hat viele Vorschläge gemacht, wie man Sextourismus bekämpfen könnte. Sie wollen vor allem, dass die Polizei strenger gegen Bordelle vorgeht. Bis heute werden in der Ukraine nur die Prostituierten und ihre Zuhälter bestraft, aber nicht die Sextouristen. Vor allem soll die Gesellschaft das Problem nicht länger ignorieren. Die Mädchen haben viele Ideen: In der Kiewer Metro soll es künftig Waggons nur für Frauen geben, denn im Gedränge oft wird gegrabscht. Reagieren die Abgeordneten auf die Vorschläge? Hell: Bisher hat keine Partei darauf reagiert. Sind die Femen-Aktivistinnen denn alle überzeugte Feministinnen? Hell: Nein, es gibt auch mehrere männliche Teilnehmer, die bei den Aktionen mitmachen. Das ist ganz wichtig, denn man merkt schnell, dass die Ukraine noch sehr konservativ ist, was die Rollen von Mann und Frau angeht. Ich habe Femen-Gründerin Anna Hutsol und die anderen Mädchen als sympathisch, kreativ und aktiv wahrgenommen. Sie haben kein Geld, aber sorgen mit provokativen Aktionen und guten Ideen für Aufmerksamkeit. Das hat nichts Verbissenes oder Männerfeindliches.

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Nach der "Performance" - siehe Bild weiter unten. An welchen Aktionen hast du teilgenommen? Hell: Alles stand unter dem Motto „Die Ukraine ist kein Bordell“. Anna und ich haben eine Pressekonferenz abgehalten. Die Reaktionen waren sehr positiv, die Journalisten waren neugierig, wieso sich ein deutscher DJ in Kiew engagiert. Aber ich lernte auch schnell den Alltag in der Ukraine kennen: Ich war im Frühstücksfernsehen zu Gast und vorher wurde mir gesagt, dass wir Geld zahlen müssten, wenn wir über Femen und deren Anliegen reden wollen. Das ist wohl so üblich dort.

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DJ Hell am Boden: In einer "Performance" auf dem Majdan-Platz prangerten die Femen-Frauen gemeinsam mit Hell die Ausbeutung ukrainischer Frauen an. Hast du bezahlt? Hell: Nein, das wollten wir nicht. Es ging dann nur um meine Musik. Am Freitagabend fanden die Events auf dem Majdan-Platz im Zentrum von Kiew statt: Tanzgruppen traten auf, es gab eine Modenschau und einige Mädchen klebten sich Preisschilder auf die nackte Haut. Für die Fotografen haben sie auch in Trikots der ukrainischen und polnischen Nationalmannschaft posiert. 2012 findet die Europameisterschaft in beiden Ländern statt und das ist natürlich ein Schwerpunkt der Kampagne. Die Polizei stand während des Spektakels einfach daneben und beobachtete alles, ohne einzugreifen – das hat mich positiv überrascht.

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Hast du auch aufgelegt? Hell: Ja, ich habe eine halbe Stunde performt. Wir mussten extra eine Anlage mieten. Die wurde erst mit Verspätung geliefert und so warteten schon einige Hundert Leute, dass es los ging. Alle haben getanzt, die Stimmung war euphorisch - und im nächsten Jahr wollen wir eine größere Femen-Parade organisieren. Samstag Nacht hatte ich einen Gig in einem Hochglanz-Club in Kiew – dank der Femen-Mädchen, die alle auf der Gästeliste standen, wurde es ein rauschendes Fest. Wie willst du Femen weiterhin helfen? Hell: Bei der Gruppe ist noch alles in Bewegung, sie legen gerade erst los. Noch gibt es kein Büro und keine offizielle Website, die Registrierung läuft noch und es gibt keine Möglichkeit, ihre Arbeit mit Spenden zu unterstützen. Ich möchte mit meinem Knowhow und meiner Erfahrung helfen, ich kenne es von meiner Plattenfirma her, etwas aufzubauen und zu pushen. Wenn mein Name hilft, Aufmerksamkeit zu erzeugen, helfe ich gern. Das Goethe-Institut, die deutsche Botschaft in Kiew und die Heinrich-Böll-Stiftung wollen künftig mitmachen. Es gab bereits erste Gespräche. Welche Ziele gibt es für die nächsten Wochen und Monate? Hell: Es wäre großartig, wenn es Femen-Gruppen auch in Städten wie Odessa oder Lemberg geben würde. Bisher hat die Organisation einige tausend Unterstützer, aber es könnten schnell landesweit Zehntausende werden. Dann kann die Politik die Anliegen nicht mehr einfach ignorieren. Im Herbst wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, da wird es sicher auch Aktionen geben. Ich möchte auch versuchen, Anna und andere Mädchen für Aktionen nach Deutschland zu holen. Laut Experten-Schätzungen leben Zehntausende Ukrainerinnen illegal als Prostituierte in Westeuropa – über deren Schicksal redet auch niemand.

Text: matthias-kolb - Fotos: afp

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