Partner von

In China lieben sie Indie

Hua Dong ist der Frontmann einer der wichtigsten chinesischen Indierockbands. Ein Gespräch über beschnittene CDs und den neuen Boom der West-Musik im fernen Osten.
jan-stremmel

jetzt.de: Erst mal: Verzeihung, ich habe null Ahnung von chinesischem Indierock.
Hua Dong: Nicht schlimm. Die Leute im Westen sind immer überrascht, wenn wir irgendwo spielen. Musik und China – damit verbinden Europäer und Amerikaner wenn überhaupt nur altmodische Sachen. Die Peking-Oper und so was.  

Dann gib doch bitte kurz Nachhilfe: Wie groß ist die Indieszene in China?
Bis vor zehn Jahren existierte sie überhaupt nicht. Da gab es weder Bands noch Clubs oder Konzerthallen, in denen sie hätten auftreten können. Das hat sich alles erst in den letzten paar Jahren entwickelt.  

Warum?
Einmal, weil die jungen Chinesen heute über das Internet die Musiktrends zur selben Zeit wie der Rest der Welt mitbekommen. Die Einflüsse kommen einfach direkter zu uns als früher. Deshalb ist das Interesse daran stark gestiegen. Wenn früher zu einer Show 200 Zuschauer kamen, war das für uns ein Riesenerfolg. Heute stehen bei uns fast immer mehr als tausend Leute in der Halle. Und es gründen sich überall Bands! Soweit ich weiß, gibt es allein in Peking 20.000.

Holla!
Allerdings. Es gibt extrem starke Konkurrenz untereinander, zumal wir kaum Indie-Labels haben.  

  • 1019248

"Unkritische Texte sind ja sinnlos." Hua Dong, Mitte, ist Sänger der Band Rebuilding The Rights of Statues

Welchen Rang habt ihr unter diesen 20.000 Bands?
Wir sind keine Popstars. (lacht) Ich würde sagen, wir sind unter den bekanntesten fünf.

Chinesische Indiemusik ist ein Phänomen der Städte, nehme ich an.
Ja, vor allem in Peking. In Shanghai wächst die Szene auch gerade sehr. Da ist sie sogar noch etwas spannender.

Warum?
Weil die meisten Bands dort nocht nicht von der Musik leben können. Es gibt da weniger Labels und Konzerte. Weil Musik dort also meist nur ein Nebenjob ist, sind die Bands dort oft experimenteller.  

Deine Band, Rebuilding the Rights of Statues, spielt regelmäßig in den USA und Europa, auch auf großen Festivals wie dem SXSW in Texas. Ist das chinesische Publikum dankbarer als das westliche?
Glaube ich schon. Festivals sind bei euch eine alte Sache – hier gibt es das aber erst seit fünf, sechs Jahren. Wenn junge Chinesen heute drei Tage frei haben, gehen sie auf ein Festival. Das ist wie eine Mode, ein neuer Lifestyle. Vergangenes Jahr gab es mehr als 80 Indie-Festivals in China – extrem viele, wenn man bedenkt, dass es bis vor kurzem überhaupt keine gab! Interessanterweise setzt sich oft die Regierung von kleineren Städten für Konzerte und Festivals ein.

Warum?
Um Werbung für ihre Region zu machen. Gute Festivals sind wie Visitenkarten für eine Stadt.  

http://www.youtube.com/watch?v=APpmRDHOfbs 

Seit der Kulturrevolution in den 1970er Jahren war ausländische Popmusik verpönt und verboten. Woher kanntest du überhaupt westliche Musik?
Von beschnittenen CDs.

Wie bitte?
Das sind CDs, die in der Produktion kleine Fehler haben und als Plastikmüll nach China geschickt werden. Damit man sie nicht hören konnte, wurden die CDs früher an der Grenze kaputt gemacht. Indem man zum Beispiel Löcher reinstanzte. Irgendwann haben die Leute aber entdeckt: Man kann die Musik teilweise noch hören, oft gingen von zehn Tracks auf einem Album noch vier. Diese CDs wurden dann unter der Hand verkauft.  

Wer hat dich besonders beeinflusst?
Vor allem die Postpunk- und New-Wave-Bands aus England. Joy Division, Gang of Four, Talking Heads, so was. Inzwischen höre ich natürlich auch andere Musikrichtungen. Kürzlich hab ich eine tolle deutsche Band entdeckt, Brandt Brauer Frick. Wie die Techno mit klassischer Musik mischen ist einfach super, super, super!  

Blixa Bargeld, der Frontmann der Einstürzenden Neubauten, ist bekennender Peking-Fan. Er hat zwei Jahre dort gelebt und sagt, die Stadt ähnele zur Zeit dem Berlin der 80er Jahre.
Ich kannte Berlin damals nicht, aber ich glaube, er meint die aktuelle Entstehung einer neuen Subkultur. Man merkt schon auch, dass mehr große Musiker in Peking auftreten als früher, von Elton John über Björk bis zu den Yeah Yeah Yeahs. China ist ein junger Wachstumsmarkt für Musik.  

Habt ihr Probleme mit der chinesischen Zensur?
Nicht wirklich. Vor ein paar Jahren hat die Regierung mal ein Konzert am 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik verboten. Da sollte es keine größeren Menschenansammlungen geben – angeblich wegen der Gefahr einer Massenpanik.  

Eure Musik ist kein Problem für die Partei?
Wäre sie vielleicht vor zehn Jahren gewesen. Heute ist das aber besser. So lange man nicht über Gewalt oder Sex singt, hat man bei uns kaum Probleme. Und was Politik angeht, haben unsere Texte keine klar abzulesende Botschaft.  

Du singst auf Englisch – das verstehen nicht sehr viele Chinesen, nehme ich an.
Klar, vieles, was auf Englisch kritisch klingt, kommt in der Übersetzung ins Chinesische gar nicht rüber. Das ist unser Glück. Unkritische Texte sind ja sinnlos.

Text: jan-stremmel - Fotos: oh

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren