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"Keinen Bock auf Kamera und euch"

Für den Dokumentarfilm "Nach Wriezen" hat der Filmstudent Daniel Abma drei Jugendstraftäter nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis begleitet. Im Interview spricht er über die Freundschaft zu den Protagonisten und den Sozialpädagogen in ihm.
kathrin-hollmer

Daniel Abma, 34, studiert im achten Semester Regie an der Filmhochschule HFF Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Neben seinem Studium hat er für seinen Dokumentarfilm "Nach Wriezen" drei Jahre lang drei Jugendstraftäter begleitet, die aus dem Gefängnis Wriezen in Brandenburg entlassen worden sind: Marcel, 28, saß wegen Mordes achteinhalb Jahre im Gefängnis, Imo, 25, viereinhalb Jahre wegen Körperverletzung und Jano, 21, zwei Jahre wegen Drogendelikten.

jetzt.de: Daniel, du hast drei Jahre lang drei entlassene Häftlinge begleitet. Hattest du keine Angst?
Daniel Abma: Am Anfang manchmal. Wenn Jano seine früheren Mittäter getroffen hat, habe ich mich ganz fest auf die Technik konzentriert, um keinen Augenkontakt haben zu müssen. Imo ist sehr groß und sehr stark und leicht reizbar. Wenn Freunde von ihm dazugekommen sind, haben sie manchmal so Sprüche gebracht wie: "Wir können ja gucken, wie viele Leute den Raum heute noch verlassen." Das ist unheimlich, vor allem, wenn man sich noch nicht so gut kennt. Nach einer Weile wurde es normaler. Wenn Imo dann so etwas gesagt hat, habe ich geantwortet: "Imo, es kann auch sein, dass ich dich verkloppe."

Und dann?
Dann haben alle gelacht und es war gut. Egal, wen wir auf der Straße getroffen haben, die drei haben immer über uns gesagt: Ist ok, die sind korrekt. Und dann war es auch ok. Unsere Protagonisten haben uns beschützt.

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Imo, 25, saß viereinhalb Jahre wegen Körperverletzung im Gefängnis Wriezen.

Wie bist du auf die drei gekommen?
Vor meinem Studium an der Filmhochschule habe ich Sozialpädagogik studiert. Als Jugendarbeiter habe ich im Gefängnis Wriezen Videoprojekte mit einer Gruppe Jugendlicher gemacht. Auf das Thema bin ich gekommen, weil ich beobachtet habe, dass die Jungs, die entlassen werden, ganz schnell zurückkommen. Eine Freundin von mir hat dort ein Theaterprojekt mit zehn Jungs begonnen und ich durfte sie besuchen, um zu sehen, wer kein Problem hat, von sich zu erzählen, wen ich spannend finde, und auch, wer möglichst unterschiedliche Geschichten hat.

Marcel hat 2002 einen 16-Jährigen mit einem "Bordsteinkick" getötet und dadurch eine gewisse "Prominenz" erreicht. Hast du ihn deswegen ausgesucht?
Ja, auch. Ich wusste nicht von allen von Anfang an, warum sie im Gefängnis waren, aber bei Marcel schon ziemlich früh. Das war auch spannend, weil man sich einfach fragt, wie es nach so einer Tat und achteinhalb Jahren Gefängnis weitergeht.

Im Film scheint Marcels rechte Einstellung an manchen Stellen noch durch. Verharmlost du nicht, was er getan hat, wenn du ihn so reden lässt?
Wir haben einen Dokumentarfilm gedreht, das heißt, die Realität abgebildet. Trotzdem haben wir ganz lange überlegt, wie wir damit umgehen, dass wir Marcel, Imo und Jano eine Bühne geben, und auch, was zum Beispiel die Familie von Marcels Opfers fühlt, wenn sie den Film sieht und erfährt, dass es Marcel gut geht und er sich ein neues Leben aufbaut. Wir wollten Marcel nicht vorführen, aber auch nicht völlig unkommentiert reden lassen.

Wie habt ihr das gemacht?
Wir haben Pausen gelassen, in denen der Zuschauer noch weiterdenken kann. Hätten wir sie gleich weiterreden lassen, wäre das einfach so stehengeblieben. So wie es jetzt ist, fühlt der Zuschauer, was wir auch gefühlt haben: Wut, Ablehnung - und gleichzeitig: Mitgefühl. Wir haben auch kritischere Sachen im Film gelassen.

http://vimeo.com/54242744

Zum Beispiel?
Die letzte Szene mit Marcel, da habe ich ihn gefragt, ob er mit den Kumpels von früher noch Kontakt hat, ob die aus der rechten Szene raus sind. Da sagte er: "Nee, die sind trotzdem noch drinne, die lassen sich nicht runterkriegen." Es ist wichtig, dass das drin ist, aber mir ging es nicht um die Taten, die sie ins Gefängnis gebracht haben, oder darum zu thematisieren, ob sie bereuen, was sie getan haben, sondern um das Leben nach der Haft. Ich wollte herausfinden, ob Resozialisierung wirklich funktioniert, und ich habe gehofft, dass über den Film diskutiert wird. Und das passiert tatsächlich.

Wie passiert das?
Der brandenburgische Justizminister Volkmar Schöneburg liebt meinen Film, er ist auch bei manchen Vorführungen dabei und sitzt mit mir auf der Bühne, um über das Thema zu diskutieren. Er lässt gerade den Entwurf für ein Resozialisierungsgesetz erarbeiten, mein Film zeigt, dass Resozialisierung, wie sie jetzt ist, nicht läuft. Wriezen ist in der Hinsicht vorbildlich, dort sitzen nur Männer, die nach dem Jugendstrafrecht verurteilt worden sind. Es ist eine moderne Anstalt, in der die Häftlinge den Schulabschluss machen oder nachholen können und ausgebildet werden. Jano hat Maler gelernt, Marcel Fliesenleger und Imo hat als Assistent des Gefängnis-Hausmeisters viel gelernt.

Dein Film gibt sehr tiefe Einblicke, nicht nur in das Leben im Gefängnis, sondern vor allem in das Privatleben der Protagonisten. Wie hast du es geschafft, Vertrauen zu ihnen aufzubauen?
Ich war kein völlig Fremder für sie, weil sie mich durch meine Arbeit im Gefängnis kannten, und ich habe sie sehr lange begleitet. Nach drei Jahren, in denen wir uns drei, vier Mal im Monat getroffen haben, gehörten wir einfach dazu. In deren Leben waren wir manchmal eine der wenigen Konstanten.

Glaubst du, dein Filmprojekt hat sie auch motiviert, durchzuhalten?
Wir waren drei Jahre lang ein Ansprechpartner für sie, wir sind es noch immer, wir interessieren uns für sie, das hat ihnen, glaube ich, geholfen. Jetzt haben sie zu Hause eine DVD, auf der sie sehen, dass sie Durchhaltevermögen haben, dass sie offen waren, sich auf fremde Menschen einzulassen und Vertrauen aufzubauen.

Auf der nächsten Seite: Daniel über Zweifel beim Dreh, den aktuellen Kontakt zu den drei Protagonisten - und darüber, wie sie den Film eigentlich finden.




Hattest du zwischendurch Zweifel beim Dreh?
Wir wussten nie, wie lange sie mitmachen, wir hatten manchmal Probleme, sie überhaupt zu finden. Sie sind oft umgezogen, haben mal bei einem Freund geschlafen, ihre Handys wurden geklaut oder sie haben sie vertickt. Und wenn es einem schlecht geht, man entlassen worden ist, wenn man Drogen nimmt, keine Wohnung, nichts hat, dann freut man sich nicht auf ein Kamerateam.

Wie seid ihr mit dieser Situation umgegangen?
Wir mussten abwarten. Im Film gibt es eine Szene, in der uns Imo eine SMS schreibt: "Wir haben keinen Bock auf Kamera und euch." Das war eine Woche nach seiner Entlassung. Es ging ihm richtig dreckig. Sein Entlassungsgeld hat er gleich für Drogen ausgegeben. Am Tag vorher hat er mich angerufen und gefragt: "Daniel, weißt du, wo ich Unterwäsche kaufen kann?" Er wusste nichts! Nach dieser SMS dachten wir, Imo hat das Projekt abgebrochen, bevor es richtig angefangen hat. Nach vier Monaten hat er sich dann bei uns gemeldet. Inzwischen hatte er einen Job und war dabei, sich auf dem Hof seines Chefs eine Wohnung einzurichten. Es ging ihm besser, und da hat er uns gefragt, ob wir nicht mal kommen wollen, um zu sehen, wie er jetzt wohnt.

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                             Daniel Abma

War es schwierig für dich als Sozialpädagoge, in manchen Situationen nicht einzugreifen?
Ich habe versucht, das abzuschalten und mich zu zwingen, den Mund zu halten.

Hat es geklappt?
Nicht immer. Am Anfang, als Imo sofort nach seiner Entlassung eine Bong gebaut hat, habe ich gesagt: "Ach Imo, muss du jetzt wirklich eine Bong bauen und rauchen, kannst du nicht einfach einen Joint ziehen?" Für den Film ist so etwas überhaupt nicht hilfreich. Manchmal sind auch Sachen passiert, da mussten wir eingreifen. Als jemand vom Jugendamt Imo das Baby weggenommen hat, haben wir die Kameras weggelegt und angefangen zu telefonieren, um nach Lösungen zu suchen.

Hast du noch Kontakt zu den Marcel, Jano und Imo?
Sie rufen mich immer noch an, bei Problemen, aber auch, wenn etwas Schönes passiert. Marcel und Julia haben mich zu ihrer Hochzeit eingeladen, sie haben ein zweites Kind bekommen und informieren mich immer, wie es ihnen geht. Es ist eine Art professionelle Freundschaft. Ich hätte den Kontakt nicht einfach abbrechen können, das wäre unmoralisch.

Dann weißt du auch, wie es mit ihnen nach den Dreharbeiten weiterergangen ist?
Marcel hat einen Job, die Bewährungszeit ist fast vorbei. Jano hat eine Ausbildung im Einzelhandel begonnen, ist aber leider nach zwei Wochen rausgeflogen und arbeitet zur Zeit in einem Café. Imo erreiche ich gerade nicht, das beunruhigt mich ein wenig.

Wie finden sie den Film?
Jeder hat seinen eigenen Grund, aus dem er den Film mag. Marcel, weil er gut abschneidet, was die Bewährungsauflagen und ein ordentliches Leben angeht. Imo und seine Freundin haben sich gefreut, dass man ihre Wohnung sieht, die sie eingerichtet haben. Die Szene, in der ihnen das Baby weggenommen wird, machte sie sehr traurig, aber es ist ihnen wichtig, dass sie zu sehen ist. Jano war erst aufgedreht, er ist auch im Film immer der Poser. Zum Schluss wurde er immer stiller. Er saß zu der Zeit wieder im Knast und sah sich im Film, wie er noch in der Freiheit war, mit seiner Tochter im Arm. Da hat er auch seinen Slang vergessen.


Am Wochenende wurde "Nach Wriezen" auf dem Internationalen Studentenfilmfestival "Sehsüchte" der Filmhochschule HFF Konrad Wolf mit dem Preis für den besten abendfüllenden Dokumentarfilm ausgezeichnet.
Als nächstes ist er beim Filmkunstfest Schwerin (1. bis 5. Mai), beim Neissefilmfestival in Zittau (3. Mai) und beim DOK.fest in München (8. bis 15. Mai) zu sehen, danach auf Filmfestivals in Brüssel, Barcelona und Valencia.


Text: kathrin-hollmer - Fotos: Johannes Praus, privat

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