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„Kurt Beck hat keine Freunde“

Deutschlands bekanntester politischer Blogger, Markus Beckedahl, hat in einer Studie rausgefunden, dass die deutschen Spitzenpolitiker und Parteien im Web 2.0 keine gute Figur machen
theresa-steinel

Wie kam es zu eurer Studie? Wir wollten mal nachschauen, wie die Parteien und die Jugendorganisationen auf das Social Web, auch Web 2.0 genannt, reagieren. Darüber gab es noch kein Zahlenmaterial. Immerhin ist im kommenden Jahr ein ziemlicher Wahlmarathon mit Europawahlen, Bundestagswahl, verschiedenen Landtags- und Kommunalwahlen. Alle blicken immer nach Frankreich oder in die USA, wo das soziale Netz von den Parteien sehr stark genutzt wird. Wir wollten mal verlässliche Zahlen sammeln, wie das in Deutschland ist.

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Markus Beckedahl Und, was kam dabei raus? Was wir immer schon vermutet hatten: Die deutsche Politik ist nicht wirklich im sozialen Netz angekommen. Prägnant auf den Punkt gebracht: Kurt Beck hat keine Freunde; wenn man sich dieses Freunde-Sammeln-Prinzip in sozialen Netzwerken mal anschaut. In den USA hat Barack Obama über eine Million Unterstützer bei Facebook. In Deutschland haben wir von Angela Merkel ein Profil bei Facebook gefunden, sonst aber von so gut wie keinem Politiker in einem sozialen Netzwerk. Passt denn Politik und Web 2.0 überhaupt zusammen? Politik passiert doch vor allen Dingen an sozialen Orten. Parteien gehen zu Schützenfesten, zur Kirmes, dahin, wo Menschen sich aufhalten. Und im Netz ist es nicht anders. Soziale Netwerke sind soziale Räume, wo Menschen miteinander agieren. Die Politik denkt, die Menschen kommen schon zu ihnen auf die Internetseiten. Aber wir glauben, dass Politik im Internet anders funktioniert; dass man, genau wie im richtigen Leben, zu den Menschen raus muss. In Deutschland sehen wir das bisher noch nicht. Woran liegt’s? Einerseits daran, dass die Parteien sehr experimentierunfreudig sind. Andererseits wird kaum Geld in den Online-Wahlkampf gesteckt. In den Parteizentralen wird noch in Großraumplakaten, Offline-Veranstaltungen und Flyern gedacht. Aber das Hauptargument ist wohl, dass die Politiker noch nicht im Netz sind. Du meinst, sie sind noch nicht im Online-Zeitalter angekommen? Genau. Bei unseren Spitzenpolitiker ist der Running-Gag, dass jeder damit kokettiert, nicht den Rechner einschalten zu können. Andererseits waren wir bei unserer Studie verblüfft, dass auch die Spitzenvertreter der Jugendorganisationen kaum im Netz zu finden waren. Die beiden Vorsitzenden der Grünen Jugend führen einen Webblog, die anderen haben keinen Blog. Die meisten findet man noch nicht mal in irgendwelchen Social Networks. Das hätte man anders vermutet, da ein Großteil der Unter-30-Jährigen in irgendwelchen Social Networks zu finden ist. Was macht Obama besser? Er hat eine sehr ausgefeilte Internet-Strategie. Er nutzt die Netzwerk-Zentriertheit des Internets für seine Kampagne, um die Menschen einzubinden, um mit ihnen in einen Dialog zu treten. In Deutschland ist Politik eine Verlängerung der Top-Down-Kommunikation, wie wir sie aus den Massenmedien kennen. Das musst du erklären. Man schaltet einen Werbespot und die Menschen sollen ihn sich ansehen. Das soziale Netz ist Grundlage für Diskurs und Dialog, das wird überhaupt nicht genutzt. Was empfiehlst du deutschen Politikern? Dass sie das Internet in ihre Strategie einbauen, dass sie experimentieren und sich darauf einlassen. Denn mit der derzeitigen Strategie wird man, zumindest im Internet, kaum Stimmen bekommen. Findest du, Angela Merkel sollte ein Profil auf StudiVZ haben? Als Studi würde ich sie jetzt nicht bezeichnen. Es wäre schon praktisch, wenn ihre Mitarbeiter da für sie aktiv werden würden. Es ist nun mal das meistgenutzte deutsche Social Network. Die Junge Union hat beispielsweise die größte Gruppe innerhalb von StudiVZ. Für Angela Merkel könnte es sich lohnen. Wie gefällt dir Peer Steinbrücks Internet-Song „I Love Cash“? Das Finanzministerium schafft es alle drei bis vier Jahre mit einem absolut peinlichen und total verhunzten Song, die Öffentlichkeit zu erschrecken. Herr Eichel hat das auch schon mal vor sechs Jahren versucht. Man fragt sich: wieso immer der Finanzminister? Da wollte hat mal ein Politiker Teil der Jugendkultur sein. Das ist typisch Finanzminister, versucht sein graues Image abzulegen, und irgendein Berater erklärt ihm, wir müssen jetzt mal cool und lustig sein. Das geht jedes Mal nach hinten los. Markus Beckedahl, 31, betreibt den Weblog netzpolitik.org

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