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Master of Hartz

Jobsuche geglückt: Der arbeitslose Rapper Tapete präsentierte sich in einem Songtext als Sozialschmarotzer, woraufhin das Jobcenter drohte, seine Hartz IV-Bezüge zu kürzen. Der Vorgang verschaffte ihm so viel mediale Aufmerksamkeit, dass er jetzt von seiner Musik leben kann.
marcus-ertle
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jetzt.de: Tapete, du hast vor einem halben Jahr diesen provokanten Satz über Vater Staat gesagt, das Jobcenter wollte deswegen eine Stellungnahme deinerseits. Wie ging es weiter?
Tapete: Ich bin zum Rechtsanwalt gegangen, der setzte erst mal ein Schreiben an das Jobcenter auf und die mediale Aufmerksamkeit hat dazu geführt, dass der Pressesprecher der Arbeitsagentur sich in einem Interview entschuldigt. Damit hat sich die Sache erledigt.

Wofür genau hat sich der Pressesprecher denn entschuldigt?
Er hat gesagt, dass sich niemand für seine Textzeilen rechtfertigen muss und dass da ein Mitarbeiter übers Ziel hinausgeschossen ist.

Man könnte einwenden, dass sich zum Beispiel ein arbeitsloser Maurer für ähnliche Aussagen auch rechtfertigen müsste, ohne dass er sich auf Satire oder Meinungsfreiheit berufen kann.
Das kann theoretisch allen passieren, die im Internet ihren Gefühlen freien Lauf lassen und durch Klarnamen identifizierbar sind. Beispielsweise wenn besagter, fiktiver Maurer einen Blog führt und sich kritisch zu den Umständen auf dem Amt äußert oder einfach mal aus Jux behauptet, er wolle nie wieder arbeiten! Plötzlich rasselt dann ein Brief ins Haus. Es gibt zahlreiche Hartz IV-Foren, in denen unter anderem auch der Kontroll-Drang einiger übereifriger Jobcenter-Agenten thematisiert wird. Für viele ist das die einzige Möglichkeit, mit solchen Vorfällen an die Öffentlichkeit zu gehen und Motivation und Zuspruch zu erhalten.

Beziehst du aktuell noch Hartz IV-Leistungen?
Nein, ich bin jetzt selbstständig und bei der Künstlersozialkasse.

Eigentlich war das Verhalten des Jobcenters dann ja eine ungewollte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für dich.
Naja, es war ja wirklich keine absichtliche Unterstützung vom Jobcenter, aber die öffentliche Aufmerksamkeit war natürlich schon gut in dem Fall.

Wie war dann dein letzter Besuch im Jobcenter?
Wir waren zu zweit, mein Bruder hat mich als Beistand begleitet und wurde wirklich sehr freundlich behandelt. Trotzdem wurden mir nur Vollzeitjobs in Call-Centern bei Zeitarbeitsfirmen angeboten, so wie immer, egal was man wirklich machen will. Da ich als ALGII-Empfänger keine Konzerte mehr hätte spielen dürfen, war die Sache für mich ohnehin gelaufen und ich bin zu keinem weiteren Termin mehr erschienen.

Wie werden Künstler deiner Erfahrung nach bei Jobcentern behandelt?
In der Regel haben die Mitarbeiter der Jobcenter kein Know-how, was künstlerische Berufe anbelangt und belächeln alle, die mit ihrer Kunst zu überleben gedenken. Eine Idee, um als Künstler beim Jobcenter anerkannt zu werden, wäre, noch während des Bezuges von Leistungen den Weg in die Künstlersozialkasse zu finden. Das ist möglich, wie ich kürzlich von der Künstlersozialkasse selbst erfuhr. Ich hörte außerdem, dass es bei der Agentur für Arbeit einen Künstlerdienst gibt, vielleicht rutscht man dann da rein. Dahingehend habe ich aber keine tiefergehende Erfahrung. Zuviel würde ich generell nicht erwarten.

Du hast einen Song mit dem Titel Master of Hartz geschrieben, da erwähnst du, dass du Papierkram vermieden hast. Man kann das auch schlicht Schwarzarbeit nennen.
In meinem Song geht es grundlegend um Meinungsfreiheit. Wenn ich Rappe: "...in den Hartz-Jahren wurde ich in Bar bezahlt, nicht dokumentiert nicht rekonstruierbar, dank des unerlässlichen Vermeidens von Papierkram…" dann klingt das erst mal sicher riskant oder provozierend. Es geht aber noch weiter mit "...das ist kein Geständnis, das ist meine Meinung, bei Bedarf Satire, meine Entscheidung." Spätestens jetzt sollte das Riskante nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Übrig bleibt reine Provokation auf der Basis tatsächlicher Ereignisse.

Gab es auch negative Reaktionen?
Bei Facebook und unter den entsprechenden Artikeln mit Kommentarfunktion gab es einige, die sich sehr unreflektiert über mich empörten. Zumindest bei Facebook konnte ich sehen, dass diese Reaktionen häufig aus dem rechten bürgerlichem Spektrum entsprangen. Trotzdem: Wer in der Öffentlichkeit steht, muss sich auch mal mit Scheiße bewerfen lassen. Ich habe ein Schutzschild aus Toilettenspülungen und zieh einfach ab wenn's mir zu viel wird.
 
Verstehst du die Wut mancher Leute, die fälschlicherweise annehmen, dass du das Jobcenter um Geld beschissen hast?
Ich kann verstehen, wenn jemand wütend ist, weil er denkt, dass ein Hartz IV-Empfänger schwarz Geld verdient, während er selbst, zum Beispiel mit seinem Vollzeit Job am Ende des Monats gerade nur seinen Grundbedarf decken kann. Dem eigentlichen Problem nähern wir uns aber, wenn wir darüber nachdenken, dass die Menschen, die arbeiten, mehr Geld bekommen sollten, und nicht die Arbeitslosen weniger Geld. Ich denke da auch an die ganzen Leute, die für ihre Arbeit bei Zeitarbeitsfirmen viel weniger bekommen als für dieselbe Arbeit in einem normalen Arbeitsverhältnis. Ich verstehe schon, dass die Leute dann gefrustet sind und Schuldige suchen, aber wenn sie mal ein wenig nachdenken, kommen sie vielleicht darauf, dass an der generell unfairen Verteilung im System nicht irgendwelche Hartz IV-Empfänger schuld sind. Die Politik schürt nach Bedarf die Wut auf die Arbeitslosen, das sind Placebo-Diskussionen.

Hast du manchmal Angst irgendwann wieder von Hartz IV abhängig zu sein?
Ich werde es tunlichst vermeiden, wieder Hartz IV beziehen zu müssen. Ich konnte den psychologischen Druck, die respektlose Behandlung und die völlig unzulässigen Jobangebote zwar immer ganz gut durch meine Musik zu kompensieren, aber ich fühle mich jetzt besser, ohne Amt. Auch wieder ein Bankkonto zu haben ist sehr hilfreich.

Steht auf der Bankkarte dann als Name Tapete?
Ja, auf meiner Bankkarte steht jetzt „Tapete“ statt meines bürgerlichen Namens.

Tapete arbeitet derzeit an seinem nächsten Album. Demnächst spielt er Konzerte in Berlin (20. Oktober), Regensburg (26. Oktober), München (27. Oktober) und Graz (23. November).

Anmerkung der Redaktion: Dies ist eine neue, korrigierte Version des Interviews.



Text: marcus-ertle - Foto: Stanislaus Kroppach

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