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Mit Brause-Ufos gegen den Überwachungsstaat

Heiliger Gentrifizian, hilf! Zwei Berliner Künstler haben sich moderne Schutzheilige ausgedacht, um uns vor aktuellen Problemen zu schützen. Im Interview erzählen sie von ihrem Projekt, für das sich schon Religionslehrer interessieren.
christian-endt

jetzt.de: Ihr ruft auf zu einer “friedlichen und fröhlichen Prozession, um vier moderne Heilige an wichtige Berliner Orte zu tragen”. Was habt ihr euch dabei gedacht?
Various: Wir beziehen uns auf die Tradition der Schutzheiligen, die ja immer für einen ganz bestimmten Bereich zuständig sind. Es entwickeln sich immer wieder neue Problemfelder, und so entsteht bei den Schutzheiligen eine Zuständigkeitslücke. Für die großen Themen unserer Zeit fehlt jemand. So sind die HolyHelpers entstanden, die uns vor aktuellen Problemen wie AIDS, Gentrifizierung und Überwachung schützen sollen.

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Und warum macht ihr jetzt eine Prozession?
Gould: Wir haben diese Schutzheiligen schon 2010 entwickelt. Als die Prism-Affäre losging, dachten wir uns: Das ist doch ein Fall für Saint Data. Und dann hatten wir die Idee, die Heiligenfigur an der Baustelle der neuen BND-Zentrale in Berlin anzubringen.
Various: Damit das auch jemand mitkriegt, wollten wir eine Aktion daraus machen. Also entleihen wir wiederum eine christliche Tradition, in diesem Fall die der Prozession. Wir haben zum Beispiel Brause-Ufos als Hostienersatz.

Wie genau soll das ablaufen?
Various: Wir starten an der Open Walls Gallery in Berlin-Wedding und laufen zur Baustelle der neuen BND-Zentrale in Mitte.
Gould: Wir haben dann gemerkt, dass auf unserer Route auch noch ein paar andere interessante Orte liegen: die Zentrale der Pharmasparte von Bayer, die Deutsche Bischofskonferenz und das Tacheles, ein ehemaliges Künsterzentrum, das 2012 geräumt wurde. Darum nehmen wir gleich vier Heilige mit: Santa Data, Santa Pharma, Sankt Abuso und Sankt Gentrifizian.
Various: An jedem Ort installieren wir dann die jeweilige Heiligenfigur. Je nach Situation wird sie etwa an einem Laternenmast oder einem Bauzaun befestigt. Unser Zeremonienmeister Yaneq, selbsterklärtes Oberhaupt der von ihm gegründeten Church of Phonk, wird die Figuren segnen und eine kleine Predigt halten.

Ihr versteht euch selbst als Künstler. Aber ist die Prozession nicht eher eine politische Demonstration?
Various: Wir befinden uns da in einer Grauzone. Die Heiligenfiguren sind Kunstwerke, aber natürlich enthalten sie auch ein politisches Statement. Allerdings sind sie ziemlich vieldeutig, so dass es nicht eine klare Aussage gibt.
Gould: Wenn man mit seiner Kunst aktuelle Themen aufgreift, wird es automatisch politisch. Unsere Aktion ist zwischen Protest und Perfomance angesiedelt.

Was erhofft ihr euch von dem Umzug?
Gould: Die Heiligen sollen Schutz und Hilfe spenden. Auch die Politiker wissen bei Prism und NSA nicht wirklich Bescheid. Wir hatten das Gefühl: Die brauchen Hilfe. Saint Data hält die helfende Hand über unser aller Cloud.

Man könnte euch vorwerfen, den christlichen Glauben zu verunglimpfen. Gab es von der Kirche entsprechende Reaktionen?
Gould: Im Gegenteil, bisher haben wir nur positive Rückmeldungen. Wir sind sogar von einer evangelischen Schule angeschrieben worden, ob sie unsere Heiligen im Unterricht verwenden dürfen.


Text: christian-endt - Bild: Various und Gould

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