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Straßenkrieg gegen Nazis

DJ Stalingrad hat einen Roman über Jugendliche in Moskau geschrieben. Das Buch ist voller Gewalt und Wut wie sein Leben selbst. Er kämpfte früher auf den Straßen Moskaus gegen Nazis. Seine schlimmsten Erlebnisse, erzählt er, hat er ins Buch noch nicht mal aufgenommen.
ingo-petz
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„Wir trinken Angst, Hunger, Freude, Hass, Krankheiten, Musik, Sex, schlechte Erziehung und miese Erbanlagen. Wir schlucken all das von Geburt an, und es macht uns zu denen, die wir sind.“ In dem Buch „Exodus“ fliegen dem Leser solche Sätze wie Granaten um die Ohren. Der Roman stammt von „DJ Stalingrad“, er ist 2011 in Russland erschienen und jetzt in einer deutschen Übersetzung zu haben. In Russland erregte er wegen seiner brutalen, schonungslosen Direktheit und seiner knallenden Sprache großes Aufsehen. Erzählt wird die Geschichte eines gebildeten jungen Russen am Rande von Moskau, der durch Straßenschlachten und Schlägereien mit Nazis oder Hooligans wütet, auf der Suche nach Heldentum, Sinn, Werten, Schmerzen, dem Rausch des Moments. Hinter dem Pseudonym „DJ Stalingrad“ steht der 28-jährige Piotr Silaev, eine schillernde Figur der Moskauer Subkultur. Er war selbst Teil anti-faschistischer und anarchistischer Gruppen, die sich in Moskau Straßenschlachten mit Neo-Nazis lieferten. Unter anderem organisierte er 2010 einen Protest gegen die Abholzung des Wäldchens Chimki bei Moskau, durch das eine Autobahn gebaut werden sollte. Im Zuge des Protests ließ die russische Staatsanwaltschaft viele Aktivisten aus der anti-faschistischen Szene verhaften. Silaev floh daraufhin in die EU und erhielt in Finnland politisches Asyl. Russland gelang es, ihn auf eine Interpol-Liste gesuchter Krimineller setzen zu lassen. Daraufhin wurde Silaev 2012 bei einem Aufenthalt in Spanien verhaftet, dann aber wieder freigelassen. Nach internationalen Protesten nahm Interpol Silaev von der Fahndungsliste. Im Moment lebt er in Granada, Spanien, und arbeitet als Journalist für russische Zeitschriften.  

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jetzt.de: Dein Buch „Exodus“ erzählt von Ereignissen, die du zwischen deinem 18. und deinem 25. Lebensjahr erlebt hast. Damals warst du Teil einer antifaschistischen Gruppe in Moskau. Wie bist du zu der Gruppe gekommen?
Piotr Silaev: Also, natürlich geht es in dem Buch um persönliche Ereignisse. Aber es ist auch ein fiktives Werk. Und der Erzähler hat vielleicht Züge von mir, aber ich bin dann auch jemand anders. Den Autor sollte man nicht für einen schizophrenen Wahnsinnigen halten, der seine Komplexe und Neurosen in einem Buch verarbeitet. Auch ich habe meine Komplexe, Ängste und Sonderlichkeiten, aber ich würde sie niemals in einen Text packen, der zur Veröffentlichung gedacht ist. Aber es stimmt, dass ich im Alter von 17, 18 Jahren ein Teil von antifaschistischen Gruppen war und sofort in den Krieg mit Nazis hineingezogen wurde, der damals eskalierte. Dieser Krieg tobte vor allem zwischen 2003 und 2008. 2007 war ein Höhepunkt, als wir Oberhand bekamen und die Nazi-Szene aus den Straßen von Moskau verdrängen konnten. Aber mit dem Buch wollte ich eher unsere russische Gesellschaft beschreiben und nicht nur den subkulturellen Krieg zwischen Antifaschisten und Nazis.    

Ist der Straßenkampf, von dem du erzählst, auch heute noch Realität?  
Die Nazi-Bewegung in Russland wird existieren, solange die Autoritäten die politische Existenz dieser Nazis dulden, fördern und für sich ausnutzen. In ganz Europa haben sich Subkulturen für ein gutes Sammelbecken von rechten Parteien erwiesen, die diese Nazis für politischen Stimmenfang und Subventionen nutzen. Aber bei uns, wo Politiker und Beamte nicht selten sagen, dass „wir eine starke, junge nationale Jugend als unsere patriotische Antwort zu den modernen Herausforderungen brauchen“, ist das natürlich besonders gefährlich. Gerade jetzt, wo das russische Regime einige politische Probleme hat und sich ziviler Protest breit macht, hört man wieder solche Sätze, um Nazis für sich zu gewinnen und in den Straßenkrieg ziehen zu lassen. Dort gehen sie dann, geduldet und geschützt von Polizei und Politik, gegen Schwule, Lesben oder Einwanderer vor. In den Medien wird das dann als „patriotische Rache der russischen Jugend gegen das organisierte Verbrechen von ethnischen Gruppen“ verkauft. Diese Nazigruppen würden gern wieder die Kontrolle über die Straßen von Moskau bekommen. Aber die bewaffneten Antifaschisten-Gangs hindern sie daran.  

Wie wichtig war dir selbst die politische Idee, als du in antifaschistischen Gruppen aktiv warst?
Mit unserer anfänglichen Crew, die aus zehn bis 15 Kids bestand, nahmen wir die Nazis als Trainingsobjekt, um stärker zu werden und dann die Straßen von Moskau politisch beeinflussen zu können. So funktioniert das Straßenleben – du musst bestimmte Gruppen besiegen, dann bekommst du mehr Einfluss. Und dann kannst du mehr Veranstaltungen organisieren und am Ende hast du eine größere politische Lobby. 2003 beispielsweise wurdest du einfach dafür zusammengeschlagen, wenn du kein Nazi warst oder ein politisches Event organisiert hast. Die damals existierende organisierte linke Jugend war friedlich und wurde deswegen ständig verprügelt. Sie wurde in den Untergrund gedrängt und konnte so keine Ziele erreichen. 
 
Und deine Gruppe hat das geändert – mit Gewalt?
Wir wollten die Situation in Moskau ändern. Und je mehr Kämpfe wir gewonnen haben, desto mehr Zulauf bekamen wir. Wir haben zahlreiche Events organisiert: Konzerte, Festivals, Seminare, Workshops. Im Buch gibt es eine Episode, wo ich das erste anti-faschistische Musikfestival in Moskau beschreibe. Das war 2007. Den Erlös haben wir an ein Waisenhaus gespendet. Rund um das Festival gab es den ganzen Tag Schlägereien mit attackierenden Nazi-Gruppen. Aber wir haben sie zurückgeschlagen – und danach haben sie nie wieder versucht, ein Festival von uns offen anzugreifen. Sie haben sich von da an vor allem auf Menschenjagden und kleinere Attacken konzentriert. Aber dieses Festival war gut für unser Image in der Presse und bei den Bürgern von Moskau. Auf einmal waren wir die, die sich um obdachlose Teens sorgten und gleichzeitig die Nazis in ihre Schranken wiesen. Von diesem Image zehrt unsere Gruppe heute noch, was uns aber auch zum Nummer-1-Ziel für politische Repressionen macht.  

Gewalt ist scheinbar das, was die Jugendlichen in deinem Buch antreibt. Eine Metapher für die russische Gesellschaft?
Die schlimmsten Ereignisse, die ich selbst erlebt habe, habe ich noch nicht mal in das Buch aufgenommen. Es geht mir nicht nur um „die Gewalt“, wie du sagst. Man muss verstehen: Gewalt in allen Formen ist das Überlebensintrumentarium. Sie ist in allen Schichten vertreten. Daran ist nichts Besonderes, in dieser Hinsicht funktioniert Russland genau wie jedes Dritte Welt-Land. Mit Gewalt beherrscht das Regime die Gesellschaft und verteidigt damit seine Geschäfte. Aber die postsowjetische Gesellschaft ist sehr komplex. Und sie ist gerade für den Westen nicht leicht zu verstehen.

Inwiefern? 
Selbst im heutigen Russland können sich solche autokratischen Regime wie das von Putin, davon bin ich überzeugt, nicht lange halten. Es gibt viele in der Gesellschaft, die sich an andere Lebensstandards, Freiheiten und bessere Sozialsysteme erinnern und die sich unbewusst und intuitiv, gegen die Regeln des Regimes wehren und die sich nicht alles vorschreiben lassen wollen. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich die zu einer zivilen Miliz zusammentun, um sich gegenseitig zu unterstützen und helfen. Wenn ihnen das gelingt, können sie immer mehr Druck ausüben und so ihren Einfluss vergrößern. Aber allein Gewalt reicht natürlich nicht aus, um etwas zu verändern. Man braucht einen administrativen und zivilgesellschaftlichen Körper, der von einem mehr verlangt als nur Kampfkünste. Das haben wir ja auch mit unsereren Aktivitäten umgesetzt und bewiesen, dass man mit Strukturen erfolgreich sein kann. Ich bin diesen Weg der Veränderung ja selbst gegangen. Vom Straßenkampf zum strukturellen Protest und zivilen Ungehorsam. Und frag jetzt nicht, ob wir glauben, dass das etwas Großes in Russland verändern könne. Natürlich glauben wir, dass das alles letzten Endes keinen Sinn hat. Aber wir müssen es zumindest versuchen.   

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