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"Tagebücher sind mehr als ein innerer Monolog"

Tine Nowak ist Kuratorin der Ausstellung „@bsolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog“. Ein Gespräch über die Aktualität privater Gedanken
lisa-rank

Tine Nowak (34) hat ihre Magisterarbeit über Autobiographien geschrieben und ist eine der KuratorInnen der Ausstellung „@bsolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog“, die noch bis 30. August 2009 im Berliner Museum für Kommunikation zu besichtigen ist. Das Blog zur Ausstellung findet man unter tagwerke.twoday.net. Die Ausstellung umfasst über 300 Tagebücher und Weblogs. In ihr werden die Anfänge des Tagesbuchschreibens aufgezeigt und die Praxis des privaten Schreibens an vielen Beispielen erläutert. Beim Besuch der Ausstellung läuft man übrigens die ganze Zeit über mit Tagebuch-Zitaten bedruckte Filzmatten und es ist so still wie in einer Bibliothek. Endlich eine Ausstellung, die Tagebücher und Weblogs – analog und digital – auf Augenhöhe behandelt. Erst einmal: Danke dafür! Tina Nowak: Uns ging es darum, die Klischees zu unterwandern. Tagebücher sind nicht immer nur der innere, therapeutische, seelenächzende Monolog, der nur für einen selber geschrieben ist. Genauso wenig funktionieren Blogs immer nur als nach außen gerichteter Seelenstriptease ohne Niveau. Das kann so sein im Extrem, aber muss es eben überhaupt nicht. Uns war es wichtig, den persönlichen Schreibvorgang zu thematisieren, ob im papiernen Tagebuch oder im Weblog. Bei beidem findet zum Beispiel ein altmodischer, stiller Schreibvorgang statt. Gibt es denn das klassische Vorhängeschlosstagebuch überhaupt noch? Absolut. Aus Papier und mit Vorhängeschloss. Da muss man nur mal in die einschlägigen Läden reingucken. Vor allem die für Kinder und Jugendliche haben oft noch Schlösser. Jedoch findet man die Schlösser auch im Internet. Bei den klassischen Tagebuch-Bloganbietern, wo viele Teenies täglich schreiben, gibt es oft die Funktion, das Blog nur mit einem Passwort einsehen zu können. Also hängt man hier quasi auch ein Schloss davor. Kommt man sich nicht aber komisch vor, wenn man im Laufe der Vorbereitung einer solchen Ausstellung sehr intime Einblicke in Tagebücher bekommt? Nö, eigentlich nicht. Man liest ja keine Tagebücher von Menschen, die man kennt. Das sind immer fremde Personen und dadurch entsteht eine Distanz. Aus so einem persönlichen Tagebuch wird dann einfach nur eine Perspektive auf ein Leben. Und mit Leben sind wir ja auch dauernd in Romanen oder Filmen konfrontiert. So ein Tagebuch ist dann etwas Ähnliches und subjektiv authentisch. Oft sind die Einträge ja auch schon ein bisschen älter und liegen Jahrzehnte zurück. Oder die Autoren sind schon gestorben. Dass man etwas ganz aktuelles aus einem Tagebuch zu lesen bekommt, passiert eher selten. Bei Blogs ist das ein bisschen anders, aber da ist das Mitlesen anderer ja auch eine bewusst gewählte Option.

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Ist das papierne Tagebuch denn auf dem absteigenden Ast? Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwann niemand mehr auf Papier Tagebuch schreiben wird. Das ist mit anderen Medien ja auch so, dass immer modifiziert wird je nach Nutzergruppe. Es entwickelen sich neue Formen, aber die alten Versionen sterben deswegen nicht aus. Vielleicht schreiben weniger Leute auf dem Papier, aber die, die noch schreiben, die zelebrieren das oft richtig. Denen gibt der Vorgang des Schreibens mit Tinte auf Papier einfach viel. Den Jüngeren fällt das langsame, handschriftliche Schreiben allerdings zunehmend schwerer. Ihre Praxis ist eine andere. Sie sind es gewohnt, viel per Tastatur zu schreiben und wie verrückt zu kommunizieren. Gab es bestimmte Kriterien zur Auswahl der Tagebücher und Blogs, die man in der Ausstellung besichtigen kann? Zu Beginn meiner Recherche habe ich ein eigenes Blog zur Ausstellung geschrieben und habe zuerst einmal einen Aufruf gestartet, der jedoch nicht sehr erfolgreich war. Das hatte ich mir schon anders vorgestellt. Letztendlich ist die Ausstellung natürlich eine sehr subjektive, aber doch weite Auswahl zu den Stichworten „Spiegel“, „Ich“, „Identität“ und „Tagebuch“ geworden. Alles in allem habe ich anderthalb Jahre lang einfach unglaublich viel gelesen und wurde dabei von einem sehr guten Team unterstützt. Wir haben Zitate und Tagebücher in einem Wiki gesammelt und uns am Ende für die entschieden, die gerade in Berlin zu sehen sind. Welches war denn das spannendste Tagebuch, das dir bei der Recherche über den Weg gelaufen ist? Das Schönste habe ich eigentlich bei Anke Gröner www.ankegroener.de gefunden. In ihrem Blog bin ich auf den Text gestoßen, in dem sie vom Tagebuch ihres Großvaters erzählt, der schon längst verstorben ist. Anscheinend hat er jedoch über Jahre hinweg Tagesnotizen auf Holzscheite geschrieben und die in einem großen Holzstapel zum Feuermachen versteckt. Dort schrieb er kurze Sätze über seinen Garten, seine Familie oder das Wetter, die er wahrscheinlich auch immer mal wieder verbrannt hat. Der neue Besitzer des Grundstücks hat in den Holzstapeln diese Notizscheite des Großvaters gefunden und sie der Familie vorbeigebracht. Plötzlich waren sie dann mit Nachrichten eines Familienmitglieds konfrontiert, das eigentlich schon von ihnen gegangen ist. Mich hat das sehr gerührt. Auch weil Anke Gröner ihrem Großvaters mit dem Text posthum ein Denkmal gesetzt hat. Vor allem tagebuchartige Weblogs, wie sie auch hier bei jetzt.de zu finden sind, werden oft als dilettantisch und unrelevant beschimpft… Es werden ja nicht nur Blogger als Dilettanten abgestempelt sondern auch die klassischen Tagebuchschreiber, das ist nichts Neues. Diese Amateurkritik gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert. Alles, was von Massen irgendwann betrieben wird, machen solche nieder, die von diesem Geschäft profitieren. Ganz einfach, um sich etablieren und herausstellen zu können. Jedoch sind Tagebuchblogs relevant, weil jeder Mensch durch das Internet die Möglichkeit bekommt individuell auszusieben, was für ihn wichtig ist und was nicht. Jeder kann selber auswählen, was ihn berührt. Relevant ist vielleicht nicht die Masse an Information, jedoch unsere Möglichkeiten, damit umzugehen. Dabei wird es unwichtig, ob diese Information, sei es ein persönlicher Tagebucheintrag oder eine klassische Nachricht, für 500 000 Menschen relevant ist oder nur für mich allein. Denn sie wurde trotzdem publiziert und kann mich persönlich weiterbringen. Das ist das Tolle daran. Zum Schluss noch: Schreibst du selber Tagebuch? Ich leide am Papier. Ich finde Papier unbefriedigend, weil ich es nicht durchhalten kann. Ich blogge jedoch. Aber je mehr ich arbeite, desto seltener wird auch das. Damals habe ich mit dem Bloggen angefangen, weil ich einfach schreiben wollte, mittlerweile blogge ich ja auch beruflich zur Ausstellung. Deswegen wird das private Schreiben zur Zeit auch sehr vernachlässigt.

Text: lisa-rank - Fotos: tagwerke.twoday.net

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