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Und weg ist er!

Momentan stolpert man im Netz haufenweise über Fotos von "Manginas" - also von Männern mit zwischen die Beine geklemmtem Penis. Aber warum tun sie das? Auf der Suche nach Antworten mit Erziehungswissenschaftlerin Julia König.
pia-rauschenberger

jetzt.de: Auf Instagram kursieren gerade zahlreiche Fotos von Männern, die sich den Penis zwischen die Beine klemmen. Als Mangina bezeichnet man das. Haben diese Männer alle eine Sehnsucht eine Frau zu sein?
Julia König: Beim Mangina-Trend gibt es mindestens zwei unterschiedliche Ebenen. Einerseits gibt es Menschen, die sich mit Transgender-Identitäten und generell der Begrenzung von Geschlechterrollen auseinandersetzen, die also Gegenentwürfe in Szene setzen, wie etwa im Mangina-Magazin. Was anderes sind meinem Eindruck nach die jungen Typen, über die wir jetzt reden: die sich ihren Penis zwischen die Beine klemmen und ihr Selfie dann auf Instagram taggen. Bei denen läuft das ganze Bild darauf hinaus, dass es einen jungen Mann zeigt, bei dem etwas nicht zu sehen ist, und deshalb denke ich, das bedeutet nicht, dass sie gerne eine Frau sein würden. Das ganze Selfie verweist auf die Lücke, auf das, was fehlt. Das ist ja auch das Lustige daran. Und daran wird auch deutlich, dass da etwas Lustvolles mitschwingt in dieser Selbstinszenierung.  

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Momentan äußerst beliebt auf Instagram: Die Mangina.

Warum denn lustvoll?
Zunächst ist es schon eine Herausforderung, so ein Bild von sich ins Netz zu stellen. Das muss man sich erstmal trauen. Und im Zusammenhang damit ist dieser spielerische Umgang mit der Vergewisserung, dass „er“ noch da ist und man ihn nur nicht sehen kann, selbst lustvoll. Einerseits traut man sich, die Phantasie zuzulassen, keinen Penis zu haben, und andererseits ist das Ganze ungefährlich, weil es vorübergeht. Es erinnert mich an das „Fort-da-Spiel“.  

Was ist denn das?
Ein Spiel, ähnlich wie das Verstecken, das Kinder gerne spielen. Freud hat mal seinen Enkel beobachtet, der in einer Zeit, in der seine Mutter öfter weg war, gerne alle seine Spielsachen durch sein Zimmer schmiss und das mit einem langgezogenem „oooohhh“ kommentierte. Wenn die anderen die Spielsachen dann wieder suchten und schließlich aufhoben, rief der Junge ganz freudig „daaaaaa“. Kinder finden das ja oft ziemlich lustig, wenn Sachen weg sind und dann wieder hervorkommen. Freud hat darin erkannt, dass das Kleinkind die Erfahrung verarbeitete, dass etwas Wichtiges zwar eine Weile weg war, dass es aber auch immer wiederkam. Letzteres hatte deswegen etwas sehr Beruhigendes für den Kleinen, weil er die Beziehung zur Mutter in dem Spiel symbolisch darstellte. Und hier sehe ich dann schon eine Parallele zu dem Mangina-Phänomen auf Instagram: Dass man mit der Idee spielt, dass etwas fort sein könnte und sich gleichzeitig darüber freut, dass es aber eigentlich noch da ist. 

Ein Mangina-Foto sollte von Instagram gelöscht werden -  es sah zu sehr wie eine echte Vagina aus

Freud hat ja auch vom Penisneid gesprochen. Gibt es eigentlich auch so was umgedreht, für Männer? Also einen Vaginaneid?
Ja, wenn man das allgemeiner versteht und sagt, ja Geschlechtlichkeit bedeutet eigentlich immer, dass man nicht alles auf einmal sein kann.  Dann geht der Riss der Geschlechtlichkeit durch alle.  Die Melancholie darüber, nicht alles zu können, gibt es auch bei Männern, was sich zum Beispiel in Neid darauf verwandeln kann, dass Frauen Kinder gebären können.  

Werden sich die Männer gerade besonders bewusst drüber, dass sie nicht alles können und fotografieren sich deshalb mit Manginas?
Also den Mangina-Trend würde ich vielleicht schon als Reaktion auf Verunsicherungen hinsichtlich der Geschlechterrollen sehen. Man tut so, als ob man keinen Penis hätte und gibt sich weiblich und findet das total lustig. Ich denke, das Lustige besteht vor allem darin, dass eben auf den Bildern eine unmissverständliche Täuschung in Szene gesetzt wird. Diese Dimension scheint mir ganz stark in den Bildern. In den Videos wird ja vermutlich auch deswegen so viel gekichert und getrunken, weil ja alle wissen, dass sie „in Wirklichkeit“ einen Penis haben.  

Frauen machen solche Witze hingegen ja selten. Fehlt da die Lockerheit?
Ja, es ist für Frauen schwieriger, in der öffentlichen Selbstdarstellung ähnlich wahrgenommen zu werden, wie Männer, und das hängt natürlich mit dem bestehenden Geschlechterverhältnis zusammen. Das ist schon daran zu erkennen, dass gerade auf Instagram generell Fotos von Frauen entfernt werden, auf denen etwa ihre Schamhaare zu sehen sind. Das gilt als unschön, unsauber, unhygienisch und soll nicht gesehen werden. Schön zu sehen ist das an einem Post, in dem ein Instagram User klagt, dass sein Mangina-Foto gelöscht wurde, weil es zu feminin, weil es zu sehr „like a vagina“ aussähe. Die Mangina darf man sehen, weil sie keine Vagina ist, die sonst nämlich auf Instagram sofort gelöscht werden müsste. Was auf den Mangina-Fotos also imitiert wird, ist nicht die Vagina, sondern vielmehr die Abwesenheit von einem Penis wie eine Leerstelle, man sieht einfach gar nichts. Nur so ein paar Haare.

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 Julia König ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Frankfurt. Sie forscht u.a. zu kindlicher Sexualität.

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