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"Wir wollen nicht dozieren, sondern anregen"

Im Take-Away-Restaurant "Conflict Kitchen" in Pittsburgh werden nur Speisen aus Ländern serviert, mit denen die USA in einem Konflikt stehen. Informationen zu den Ländern gibt es auf der Verpackung dazu. Ein Interview mit Mitinitiator Jon Rubin
veronika-wawatschek

Auf der Karte stehen kubanische Bohnen mit Reis, iranische Fladen und venezolanische Wraps. Klingt nach typisch-amerikanischem Take-away-Restaurant. Allein: In der Conflict Kitchen wird nur Essen aus Ländern serviert, mit denen sich die USA in einem Konflikt befinden. Alle sechs Monate wechselt die Küche des Lokals. Im Interview erklärt Mitinitiator Jon Rubin die Idee.

Jetzt.de: Jon, was ist die Conflict Kitchen?
Jon Rubin: Unser Restaurant ist in Pittsburgh, einer postindustriellen Stadt in Pennsylvania. Wir bieten nur Essen aus Ländern an, mit denen die USA in irgendeiner Weise in Konflikt stehen. Und dieses Essen kommt dann eingewickelt und verpackt in Interviews mit Leuten, die dort leben, und Hintergrundinfos zu dem jeweiligen Land.

Das klingt nach harter, politischer Kost…
Naja, wir versuchen, mit unseren Gästen in Kontakt zu treten, uns mit ihnen zu unterhalten, mit ihnen zu diskutieren. Wir wollen, dass Fremde auf der Straße darüber ins Gespräch kommen, sich über das jeweilige Land und die Politik dort unterhalten. Außerdem machen wir auch noch Extra-Veranstaltungen, zum Beispiel ein Live-Skype-Dinner, bei dem wir das Gleiche gekocht haben wie eine Gruppe in Teheran. Wir hatten aber auch eine Dating-Party mit kubanischer Musik und kubanischem Essen. Wir möchten einfach, dass sich die Menschen ein bisschen mehr Gedanken machen.

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Wollt Ihr die Leute unterrichten? Oder was ist euer Ziel?
Wir wollen nicht im schulischen Sinn dozieren, nach dem Motto: Das ist richtig und das ist falsch. Zugegeben, wir sind vielleicht eher links orientiert. Aber wir wollen niemandem eine Ideologie aufzwingen. Eine Situation soll nicht verkürzt und vereinfacht dargestellt werden. Klar, wenn jemand was faktisch Falsches erzählt, weisen wir darauf hin. So eine Falschinformation soll ja nicht weitergegeben werden. Es soll sich aber auch niemand verschreckt fühlen. Eher wollen wir eine Grundlage liefern, so dass unsere Gäste Lust bekommen, selbst weiter zu recherchieren. Normalerweise erzählen wir einfach, wie beispielsweise das Leben in Kuba aussieht. Wir wollen also anregen, Wissen austauschen.

Wie kommt das bei Euren Gästen an?
Eigentlich sehr gut. Klar, Pittsburgh ist nicht San Francisco. Da komme ich ursprünglich her, wahrscheinlich einer der liberalsten Orte der Welt. Aber im Vergleich zu anderen Landesteilen ist Pittsburgh dann doch recht offen. In letzter Zeit sind einige Leute zu uns gekommen, die nichts von der eigentlichen Restaurant-Idee wussten und auch absolut keine Ahnung von Kuba hatten. Das ist wirklich spannend. Die Leute sind sehr neugierig. Gerade ziehen wir ins Stadtzentrum um. Wir hoffen, dass wir dadurch mehr Laufkundschaft bekommen.

Wer kommt denn zur Conflict Kitchen?
Ach, das ist ganz bunt gemischt, es sind so etwa 40 bis 50 Gäste am Tag. Da sind Leute darunter, die in der Nähe arbeiten oder wohnen. Manche kommen auch gezielt, sie haben von uns gehört oder gelesen. Sie interessieren sich für die Diskussionen. Normalerweise kommen auch Leute aus dem jeweiligen Land, das gerade auf der Speisekarte steht.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?
Ich hab schon mal ein Restaurant gehabt, „the waffle shop“, auch eine Art Kunstprojekt. Eigentlich unterrichte ich nämlich Kunst an der Uni in Pittsburgh. „The waffle shop“ war ein Restaurant mit einer Live-Stream-Talkshow. Die Gäste waren Teil der Show. Irgendwann unterhielt ich mich mit Dawn Weleski, meinem Projektpartner, über Pittsburgh und dass es dort so wenig ethnische Vielfalt gibt. Und da kam uns die Idee, dass wir gerne Essen servieren würden, dass es bisher noch nicht in Pittsburgh gibt.

Da hättet Ihr vielleicht auch Weißwürste und bayerisches Bier auf die Karte setzen können…
Ja, aber als wir die Speisekarte planten, fiel uns auf, dass wir nur Gerichte aus Ländern ausgesucht hatten, mit denen die USA zufälligerweise in Konflikt stehen. Und da dachten wir, das könnte eine tolle Gelegenheit sein, die Stadt quasi mit so viel politischer Diskussion wie möglich zu infiltrieren.

Aus welchen Ländern stammten das Essen und die Infos bisher?
Wir haben mit Iran begonnen, dann Afghanistan, danach Venezuela und Kuba. Aktuell informieren wir uns zu Nordkorea, die Recherchen dauern in der Regel bis zu sechs Monate. Auf der Liste steht außerdem noch der Gazastreifen und das Westjordanland.

Und wie steht es um die aktuelle amerikanische Politik? Steht der Wahlkampf auch auf der Speise- oder Diskussionskarte?
In gewisser Weise schon. Aktuell ist Kuba auf der Karte, und da geht es natürlich auch um das Embargo und ob es bestehen bleibt, sollte Obama eine zweite Amtszeit bekommen. Andererseits hat Romney kürzlich angekündigt, einen Exil-Kubaner zum Vizepräsidenten machen zu wollen. Man muss dazu wissen, dass die Exil-Kubaner sehr stark in Florida vertreten und eher rechts orientiert sind. Sie wären für eine Verlängerung des Embargos. In den Diskussionen kommen schon manchmal Bezüge zur aktuellen US-Politik auf. Man muss aber auch sagen, dass wir Amerikaner zwar, wie ich glaube, sehr gut darin sind, die Innenpolitik zu analysieren. Bei der Außenpolitik und den Beziehungen zu anderen Ländern aber hapert es oft.

Text: veronika-wawatschek - Foto: Conflict Kitchen

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