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Zehn Jahre Immergut: „Eine Indie-Szene gibt es nicht mehr"

Das Immergut-Festival in Neustrelitz wird dieses Jahr zehn. Im jetzt.de-Interview spricht Mitgründer Daniel Kempf über den Boom der letzten Jahre und erklärt, warum er in Zukunft keine Festivals mehr veranstaltet
xifan-yang

Das Immergut wird dieses Jahr zehn Jahre alt. Zeltest du noch gern oder wird dir das langsam zu blöd? Ich hasse Zelten. Ich bin in Neustrelitz aufgewachsen, mein Vater wohnt noch in der Nähe. Ich schlafe lieber in einem richtigen Bett. Campen war irgendwie noch nie meine Welt. Du hast 1999 mit einem guten Freund das Festival gegründet. Ja, es war eine tolle Zeit. Ich persönlich bin aber dieses Jahr das letzte Mal Mitveranstalter.

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Daniel Kempf Warum? Vielleicht bin ich jetzt mit 30 zu alt für Festivals. Nein, mir selbst ging es beim Immergut immer um etwas, das ich aus Leidenschaft mache. Unser Leitmotiv war: Wir buchen unsere aktuellen Lieblingsbands und hoffen, dass auch andere Leute das gut finden. Wir haben damals ein Festival für eine kleine Liebhaberszene gemacht. Diese Immergut-Szene gibt es aber nicht mehr. Inwiefern? Die Bandlandschaft im Indiepop ist sehr unüberschaubar geworden. Es gibt heute viel, viel mehr Bands als wir noch angefangen haben. Musik ist durch das Internet heute viel leichter zu erreichen – und das Angebot übersättigt total. Wir hatten früher noch diese eingeschworene Szene, die sich alle mehr oder weniger auf dieselben Bands einigen konnten. Es gab für uns wenige elementare Bands wie Tocotronic oder Slut, nicht hundert verschiedene. Viele Bands aus der „deutschen Indiehölle“, wie Thees Uhlmann das Immergut mal beschrieben hat, sind mittlerweile im Mainstream angekommen. Müsstet ihr, die Tomte und Kettcar von Anfang an gefördert habt, nicht davon profitieren? Es gibt kaum eine deutsche Indieband, die noch nicht bei uns war. In gewisser Weise profitieren wir bestimmt davon, mit vielen deutschen Bands sind wir befreundet, sie sind ja quasi mit uns groß geworden. Wir kriegen heute die eine oder andere Band möglicherweise ein bisschen preiswerter als andere Festivals, vielleicht eben auch aus alter Verbundenheit. Da du Tomte ansprichst: Die spielen mittlerweile auch bei Rock am Ring und kriegen alleine große Konzerthallen voll. Es ist also nichts besonderes mehr, wenn sie bei uns auf dem Immergut auftreten.

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Zehn Jahre Immergut Wie sehr spürt ihr den finanziellen Druck im Musikbusiness? Wir waren ja seit Anfang ein gemeinnütziger Verein. Wir wollten mit Immergut nie Geld verdienen. Die Ticketpreise sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Für uns war es nicht interessant, den Boom auszuschlachten. Wir haben unsere Preise immer mal wieder leicht angehoben, aber eben nicht um noch mehr Profit zu machen. Wir haben das Geld ins Festival und ins Booking investiert und sind dabei geblieben, nur 5000 Karten pro Jahr zu verkaufen. Leider sind aber auch wir immer mehr darauf angewiesen, wirtschaftlich zu arbeiten. Wir müssten größere internationale Bands möglichst exklusiv für uns buchen, angfristig wohl eher Bands aus der Liga Bloc Party oder Franz Ferdinand, damit wir auch zukünftig genug Besucher haben. Andererseits können wir nicht dieselben Gagen zahlen wie zb das Hurricane. Ein gutes Line-Up zu machen, ist in erster Linie ein finanzielles Problem geworden. Wir können nicht mehr wie früher nur junge Bands buchen, die noch keiner kennt. Auf der nächsten Seite: warum Polarkreis18 heute von manchen Gästen verteufelt werden und das Tocotronic-Gedächtnis-Outfit der Vergangenheit angehört


Manche werfen euch bestimmt vor, eure Ideale zu verraten. Das kann sein, ja. Nehmen wir Polarkreis18, die dieses Jahr wieder bei uns sind. Die haben wir schon mal gebucht, als sie noch keiner kannte. Damals hätten wir nie gedacht, dass sie irgendwann soviel Erfolg haben würden. Da gibt’s bestimmt einige, die sie jetzt verteufeln. Die sagen: Die passen nicht mehr dazu. Aber wir müssen auch aus wirtschaftlichen Gründen auf Nummer sicher gehen. Abgesehen davon finden wir Polarkreis18 immer noch großartig. Das Melt! macht übrigens gerade auch diese Entwicklung durch, die haben dieses Jahr Oasis. Hat sich mit der Musik auch das Publikum gewandelt? Festivalgänger sind eher jüngere Menschen, im Durchschnitt zwischen 18 und 25 Jahren, Schüler und Studenten. Das ist bei uns auch nicht anders. Die sind heute mit ganz anderen Bands aufgewachsen als ich. Es laufen nur noch wenige mit Seitenscheitel, Trainingsjacke und Bandbuttons auf dem Festivalgelände herum. Die typischen Tocotronic-Fans eben. Und was trägt man jetzt auf dem Immergut? Übergroße Sonnenbrillen. Klingt so, als wäre das nicht mehr deine Welt. Ist es auch vielleicht nicht mehr wirklich. Das Immergut war mal ein Familientreffen. Die Leute haben sich entschuldigt, wenn sie sich gegenseitig auf die Füße getreten sind. Das ist mittlerweile seltener geworden, denke ich. Auch zu uns kommt immer mehr Partypublikum, Spinner, die schon um 14 Uhr stramm sind und denen es völlig egal ist, wer gerade auf der Bühne steht. Für die ist Musik nur Fastfood, Hauptsache man kann ein bisschen dazu abspacken. Gab es irgendeinen Moment, in dem dir das klar wurde? Da gab es eine Situation vor zwei Jahren. Wir hatten die Auflage vom Ordnungsamt, dass um spätestens halb vier nachts die Musik der Aftershowdisco zu Ende sein musste. Als es soweit war, haben wir sie runter gedreht, wie es verlangt wurde. Die Leute kamen darauf gar nicht klar, ein paar haben skandiert: „Auf die Bühne!“ Dann haben die die Bühne gestürmt, das Zelt wurde besetzt und es ging so weit, dass sie angefangen haben die Veranstalter, also uns, zu beschimpfen. Als würden wir ihnen was Böses wollen. Die Situation war kurz vorm Eskalieren und wir mussten schließlich die Security holen. Das war schon gegenüber uns und allen Helfern ein sehr respektloses Verhalten. In dem Moment war ich sehr enttäuscht. Ich hab mir gedacht: Für solche Leute willst du kein Festival machen. Wurde das Festivalmachen irgendwann zur Gewohnheit? Ein bisschen schon. Ich glaube, das ist wie bei Ärzten, die schon lange im Beruf sind. Am Anfang fühlen sie noch mit den Patienten und irgendwann ist jede Operation nur noch Routine. Was waren im Rückblick deine besten Immergut-Momente? 2006, Yeah Yeah Yeahs. Und als Deichkind 2005 bei uns gespielt haben, bevor sie mit „Remmidemmi“ durch die Decke gegangen sind. Damals sind alle im Forum abgegangen und haben geschimpft: Wie kann bloß eine Hiphop-Band auf dem Immergut spielen? Beim Auftritt von Deichkind sind im Zelt dann aber alle durchgedreht, wie ich es bei uns noch nie erlebt habe. Und welche Bands haben in deinem ewigen Traum-Line-Up gefehlt? Ben Folds, Death Cab For Cutie, Postal Service. Und Buffalo Tom. Bei Buffalo Tom waren wir mal ganz knapp dran. Wir haben denen einen super Slot als Headliner im Zelt angeboten – schön im Dunkeln, und dann haben sie doch lieber nachmittags in Haldern auf der Hauptbühne gespielt. Da war ich schon ein bissl traurig.

Text: xifan-yang - Fotos: Immergut e.V.

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