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"Es landen nicht nur irgendwelche dummen Schlägertypen beim IS"

Joachim Gerhards Söhne Jonas und Lukas sind vor zwei Jahren abgehauen - mit dem IS nach Syrien.
Interview: Christina Waechter
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    Foto: Walter Breitinger

Joachim Gerhard hat zwei Söhne, Jonas und Lukas. Beide sind vor zwei Jahren zum Islam übergetreten und nur wenige Monate später, von Gefährdern angeworben, zusammen mit zwei Freunden heimlich nach Syrien gefahren. Seitdem hat Gerhard sie nicht mehr gesehen – und seit einem Jahr auch keinen Kontakt mehr zu ihnen. Darüber hat er nun geschrieben: "Ich hole euch zurück - ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Söhnen" heißt das Buch, in dem er von dieser Zeit erzählt, von seinen vielen Reisen an die syrische Grenze,  Telefonaten mit seinen Söhnen, Todesnachrichten per WhatsApp - und einer Wiederauferstehung per Telefon. Wir haben mit ihm gesprochen. 

jetzt: Herr Gerhard, Ihre beiden Söhne sind mit mit 21 und 17 Jahren zum Islam übergetreten und nur wenige Monate später, Ende 2014 zum IS nach Syrien gegangen – seitdem haben Sie sie nicht mehr gesehen. Wie geht es Ihnen?

Joachim Gerhard: Es geht mir soweit gut, weil ich immer die Hoffnung habe, dass sie noch leben. Und ich weigere mich zu glauben, dass die beiden für den IS kämpfen. Sie sind nach Syrien gegangen, aber ich bin davon überzeugt, dass sie dorthin gegangen sind, um den Menschen dort zu helfen.   

In Ihrem Buch schildern sie einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, in denen Sie zwischen Hoffnung, Ohnmacht, Todesnachrichten, Wiederauferstehungen schwanken. Wie hält man das aus?

 Das fragen mich viele Freunde. Ich halte es nur aus, weil ich fest glaube, dass meine beiden Söhne leben und ich sie bald – oder irgendwann – in den Arm nehmen kann. Auch wenn ich seit März 2015 keinen Kontakt mehr zu ihnen habe.

 

Sie schreiben „Meine Jungs sind gute Jungs“. Sie schreiben auch, dass Sie versucht haben, nachzuvollziehen, wie ihre Radikalisierung vorgegangen ist. Wissen Sie mittlerweile, was da passiert ist?

So wie ich das verstanden habe, läuft das immer nach einem ähnlichen Prinzip ab: Sie fangen erst langsam an, den jungen Leuten den Islam näherzubringen. Wenn die sich dann offen dafür zeigen, folgt ein schleichender Prozess, in dem immer wieder getestet wird, wie empfänglich sie für die Botschaften des Islamischen Staats sind. Und dann geht es irgendwann los mit den Videos aus Syrien, wo ihnen gezeigt wird, wie Kinder, Frauen und Männer – ihre Brüder und Schwestern – sterben. Bei meinen Söhnen war es ein ehemaliger Schulkamerad, der, wie ich später erfahren habe, schon seit zwei Jahren in der Szene war. Aber das wusste natürlich keiner. Der hat sie mit in die Moschee genommen und sie dazu gebracht, zu konvertieren und dann immer weiterbearbeitet.

 

"Meine Jungs sind gute Jungs!"

 

Aber gleichzeitig hatten Ihre Söhne doch immer die Möglichkeit, sich über andere Quellen zu informieren.

Wenn diese Truppe erst mal jemanden in der Hand hat, wird der 24 Stunden am Tag bearbeitet. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sie ständig überwacht wurden. Diese Typen haben sie ununterbrochen angerufen, SMS geschickt, sie getroffen, um sie zu bearbeiten. Mein jüngerer Sohn hatte eine Freundin, die nicht zum Islam konvertiert ist. Die hat mir später erzählt, wie sie sich einmal mit ihm in einem Park getroffen hat – und kurze Zeit später ist ein Auto mit lauter jungen Männern langsam vorbeigefahren. So lange, bis die beiden irgendwann entnervt aufgegeben haben und sich dann auch bald trennten.

 

Sie beschreiben, dass Ihre Söhne eine vollkommen normale Kindheit hatten. Was, glauben Sie, haben die beiden im Islam gesucht oder gefunden, was sie vorher vermisst hatten?

Ich weiß nicht genau, was oder ob sie überhaupt etwas gesucht haben. Mein Sohn hat mir nur einmal gesagt: Wir sind nur sehr kurze Zeit hier auf der Erde und in der Zeit müssen wir viel Gutes tun, um ins Paradies zu kommen. Daran hat er fest geglaubt. Und beide haben mir erklärt, dass der Islam der richtige Glaube für sie ist. Dass man dort gesund lebt, keinen Alkohol trinkt, nicht raucht, keine Drogen nimmt und nur gesundes Fleisch isst. Und natürlich wurde ihnen von den IS-Anwerbern das Blaue vom Himmel versprochen. Die haben ihnen versprochen, sie könnten sich in Syrien frei bewegen, jederzeit wieder nach Hause gehen und würden dort Häuser bekommen. Ihre Neugier und Hilfsbereitschaft wurde ausgenutzt. Erst als sie unten waren, haben sie gemerkt, dass das alles nicht stimmte.

 

Ihre Söhne, schreiben Sie, sind der „medialen Gehirnwäsche des IS“ auf den Leim gegangen. Obwohl sie klug, nett, interessiert und reflektiert waren. Irgendwie kriegt man das bei der Lektüre nicht zusammen. Schaffen Sie das mittlerweile?

Es ist keineswegs so, dass nur irgendwelche dummen Schlägertypen beim IS landen. Ich habe in der Zeit, seitdem meine Jungs abgehauen sind, viele betroffene Eltern kennengelernt. Ein Ehepaar hatte einen Anwaltssohn, der seinen Eltern gesagt hat, er fährt in die Türkei, um auszuspannen – die haben ihn nie wiedergesehen. Ein anderer junger Mann, ein Ingenieur, hat seinen Eltern erzählt, er würde nach Saudi-Arabien gehen, um dort Arabisch zu lernen. Denen wurden dann irgendwann vom Verfassungsschutz ein Foto ihres Sohns mit der schwarzen IS-Flagge gezeigt. Das sind alles schlaue junge Männer und Frauen, die vorher nie etwas mit Gewalt zu tun hatten. Und die dann in Syrien landen, weil sie ein vollkommen falsches Bild davon hatten, was sie erwarten würde.

Meine Jungs hatten Unmengen an Spielzeug, Klamotten und Kinderbüchern im Auto dabei, als sie zur syrischen Grenze gefahren sind. Da wurden sie dann abgeholt und über die Grenze gebracht und dann in Pick-Ups sechs Stunden ins Gebiet des IS gefahren. Und erst da haben sie gemerkt, was Sache ist: dass sie von da an in einer Art Freiluftgefängnis lebten.

 

Haben Sie denn in der Zeit vorher mit den beiden über den IS gesprochen?

Natürlich! Als mir die beiden eröffnet haben, dass sie zum Islamischen Glauben übertreten, war das eines der ersten Themen. Ich habe sie gleich gefragt: „Ihr geht aber nicht nach Syrien?“, das haben sie immer verneint. Sie haben mich auch ein paar Mal in die Moschee mitgenommen und da war das nie ein Thema, die Predigten waren nie radikal. Ich habe mich nur gewundert, dass so viele junge Leute da waren. Aber ich fand es auch nicht schlecht, dass sie keine Drogen nehmen, nicht rauchen und nicht trinken.

 

"1600 Elternteile, um die sich niemand kümmert"

 

Wissen Sie, wie vielen Eltern es so ähnlich geht wie Ihnen? Nach Schätzungen sind bislang mehr als 800 Deutsche nach Syrien gereist.

Ich weiß von einem meiner Söhne, dass angeblich 1400 registrierte Deutsche im IS-Gebiet sind. Aber selbst wenn es nur 800 Deutsche sind, dann sind das 1600 Elternteile, um die sich niemand kümmert. Und die leiden alle so wie ich und meine Ex-Frau, nur dass ich mit meinem Kummer an die Öffentlichkeit gehe. 

 

Das Kapitel „Die Lossagung“ ist vielleicht das härteste im ganzen Buch. Darin beschreiben Sie zwei Videos, in denen sich Ihre Söhne von Ihnen lossagen. Sie schicken Ihnen per WhatsApp zwei Videos und sagen darin: „Jeder Bruder hier im Islamischen Staat, jeder Muslim ist mir lieber als du selber, obwohl du mein eigener Vater bist. Warum? Weil du gegen den Islam arbeitest. Jeder einzelne Bruder ist mir lieber als du.“ Können Sie beschreiben, was da in Ihnen vorgegangen ist?

Das war eine Katastrophe! Ich hatte vorher eine ganze Woche lang nichts gehört. Irgendwann um vier Uhr morgens ging das Handy und ich habe ganz glücklich gesehen, dass es eine Nachricht von meinem älteren Sohn Jonas war. Und dann kam die Lossagung. Das Schlimmste war, zu denken: was haben die aus meinen Jungs gemacht? Wir hatten wirklich ein sehr inniges Verhältnis. Und dann kommt so ein Video.

 

Die Sprache, die Ihre Söhne verwenden, klingt extrem künstlich, gar nicht so, wie normale Jungs sprechen. Können Sie erklären, warum das so ist?

Das ist dieses IS-Gelaber, das sie sich irgendwann aneignen. Ich habe Insider kennengelernt, die auch so geredet haben. Kurdische Soldaten haben mir auch erzählt, dass die Kämpfer teilweise unter Drogen gesetzt werden. Sie bekommen auch fast keinen Schlaf. Da verliert man irgendwann den Verstand und macht nur noch das, was einem angeschafft wird.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sie ständig Kontakt zur deutschen Polizei hatten, trotzdem im Alleingang versucht, die Söhne rauszuholen. War das, was Sie da getan haben, eigentlich legal?

In die Türkei kann man ja immer fahren – und sogar nach Syrien darf man offiziell als Deutscher einreisen. Das meiste von dem, was ich getan habe, war legal, es gab vielleicht ein paar Sachen, die nicht ganz astrein waren.

 

"Niemand hat Lust, sich damit zu beschäftigen"

 

Gab es denn Angebote von Seiten der deutschen Regierung, sich um Ihre Söhne zu kümmern?

Für die deutschen Behörden war das Thema abgehakt, sobald meine Jungs ausgereist waren. Die beobachten die Mädchen und Jungs, wenn sie in die Szene reinrutschen, aber sie wollen gar nicht, dass sie wieder zurückkommen. Meine Söhne wurden sogar bei ihrer Reise nach Syrien fotografiert und jeder einzelne im Auto wurde von der Polizei angerufen und gefragt, wohin sie fahren und was sie machen. Es ist unglaublich zermürbend, wenn man zu Behörden geht und um Hilfe bittet – und die machen nichts. Da sitzen 18 Leute vom Staatsschutz in ihren Büros und warten, bis die Eltern weinend ankommen. Erst als ich ihnen ein paar Adressen aus dem Umfeld meiner Jungs gebracht habe, haben sie langsam angefangen, diese Leute zu durchleuchten. Mein Erlebnis war: Die haben keine Lust, sich damit zu beschäftigen. 

   

Nach fast eineinhalb Jahren sagte Ihnen die Kripo, dass Ihre Kinder in Kobane ums Leben gekommen sind. Das glauben Sie aber nicht, oder?

Das war so: Ich wollte nach Kobane, weil ich den Hinweis bekommen hatte, dass meine Söhne dort angeblich im Gefängnis sitzen. Über Umwege habe ich die Adresse dieses Gefängnis bekommen. Ich wollte dann ein Visum, um offiziell nach Syrien einreisen zu können. Irgendwann wollte dann der Staatsschutz mit mir über die Reise nach Kobane reden. Da wurde mir dann eine dreiviertel Stunde erklärt, wie gefährlich das sei – nur um mir im Anschluss daran zu sagen, dass sie von ganz oben die Mitteilung bekommen hätten, dass meine Söhne letztes Jahr im März im Kampf um Kobane ums Leben gekommen seien. Als ich dann nach Beweisen gefragt haben, kam heraus, dass sich diese „Mitteilung“ auf Informationen stütze, die sie von mir bekommen hatten. Und deshalb glaube ich es ihnen einfach nicht.

  

Wie geht es weiter? 

Wir müssen jetzt einfach weiter hoffen und abwarten.

 

Noch mal: wie hält man das aus?

Naja, der Alltag läuft mittlerweile wieder fast normal weiter. Ich habe einen sehr großen Freundeskreis, der hinter mir steht und mich unterstützt. Und ich habe eine neue Partnerin, die mir sehr hilft. Und dann gibt es noch den riesengroßen Kreis von Menschen, die wir in dieser Zeit international kennengelernt haben. Und die machen uns alleine durch Mails oder Anrufe Mut. Das ist wirklich der Wahnsinn, welche Unterstützung meine Ex-Frau und ich da bekommen. 

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"Ich hole euch zurück - ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Söhnen" von Joachim Gerhard mit Denise Linke ist bei Fischer Verlage erschienen und kostet 14,99 Euro. 

 

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