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Gut, Mensch!

Flüchtlingshilfe wäre in München ohne die vielen tausend Freiwilligen unmöglich. Aber was heißt es, die alle zu koordinieren? Ein Tagebuch von Dominik Herold, der das weiß.
jetzt-redaktion
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    Foto: Juri Gottschall

Als München in diesem Sommer über Nacht zu einer Drehscheibe für die Verteilung von Flüchtlingen wurde, hätte die Stadt ohne das Engagement der vielen Tausend Freiwilligen vermutlich große Schwierigkeiten gehabt, binnen zwei Monaten mehr als 135 000 Geflüchtete willkommen zu heißen. Mittlerweile ist aus dem improvisierten Helfer-Netzwerk, das von einem Linienbus am Hauptbahnhof aus koordiniert wurde, etwas Neues entstanden: Der Bus wurde gegen ein Büro in der Nähe des Hauptbahnhofes ausgetauscht. Und die beiden freiwilligen Helfer Asya Unger, 30, und Dominik Herold, 23, sind seit Anfang November hauptberuflich damit beschäftigt, die mehr als 6000 Freiwilligen zu koordinieren. Für uns hat Dominik eine Woche lang Tagebuch geschrieben.

10. November

Anfang der Woche gingen unsere Lebensmittelvorräte am Hauptbahnhof zur Neige. Die ankommenden Geflüchteten bekommen ein sogenanntes „Care-Paket“, das Fisch, Käse, Brot, Saft und andere abgepackte Lebensmittel enthält. Weil die Zahlen der Ankommenden schwanken, können wir die Bestellungen nicht auf Monate vorausplanen. Wir müssten sonst viele Lebensmittel wegschmeißen. Heute rief gegen 14 Uhr die zuständige Schichtleiterin am Hauptbahnhof bei uns an, dass kein Brot mehr da sei – die Lieferung war einfach nicht gekommen. Während wir im Hintergrund bereits die verantwortliche Stelle bei der oberbayrischen Regierung kontaktierten, versuchten wir ad hoc, die Essensbestellung für den Tag zu organisieren. Wir fuhren also mit unserem Transporter diverse Supermarktketten an, um Hunderte von Bananen, Äpfel, Datteln und weitere Lebensmittel zu besorgen.

 

Weil wir aus Erfahrung wissen, dass die Ankommenden sich sehr über Essen aus ihrem Kulturkreis freuen, hielten wir noch bei einem türkischen Geschäft, um Fladenbrot zu kaufen.

 

Als wir mit ungefähr 350 Broten an der Kasse standen, bat uns der Verkäufer, diese spenden zu dürfen. Er sei selbst vor einigen Jahren als Geflüchteter über Griechenland nach Deutschland gekommen. Da er zwölf Stunden am Tag arbeite, schaffe er es aber leider nicht, sich in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren. Nun wolle er zumindest das Brot bezahlen.

 

Ich zögerte kurz, ob ich die Spende annehmen sollte. Der Mann ist in dem Laden nur angestellt. Die 50 Euro sind für ihn vermutlich verhältnismäßig viel Geld. Aber als ich sah, wie wichtig es ihm war, seinen Beitrag leisten zu können, entschied ich mich, sein Angebot anzunehmen. Am Ende verließ ich mit fünf Kisten Fladenbrot den Laden. Hinter mir ein glücklicher Verkäufer, vor mir wartende Geflüchtete, die noch nichts von ihrem kleinen Glück wussten, dass sie heute nicht Toast sondern Fladenbrot bekommen würden.

 

11. November

Auch, wenn wir schon seit mehreren Monaten helfen und dabei unser Handy mehrmals stündlich klingelt, gibt es immer wieder Anrufe, die auch uns überraschen. Heute rief uns eine junge Frau an, deren Vater sie gerade etwas panisch kontaktiert hatte: Er stehe irgendwo im oberbayrischen Nirgendwo mit seinem Auto – und einem geflüchteten jungen Mann auf der Rückbank. Die Kommunikation: schwierig. Der Vater konnte weder Arabisch noch Englisch, sondern ausschließlich Bairisch.

 

Wir riefen den Vater also an und versuchten, mithilfe des Google-Übersetzers herauszufinden, was los war, während wir einen am Bahnhof helfenden Dolmetscher zu uns in den Laden riefen. Der konnte schnell helfen:

 

Der junge Syrer war mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Weg nach Köln. Während er bereits mit dem Gepäck in den Zug eingestiegen war, verpassten Frau und Kinder den Zustieg. Das Problem: Er hatte sämtliches Gepäck, sie dagegen das Handy, Geld und alle Dokumente. An der nächsten Haltestelle stieg er also aus. Der Bayer hatte den jungen Mann bei dem Versuch aufgegabelt, zu Fuß zurück zum letzten Bahnhof zu laufen. Nachdem die Situation geklärt war, brachte der nette Mann den Syrer zu dem Bahnhof, wo zum Glück seine Familie sehnsüchtig auf ihn wartete. In dem Kommunikationswirrwarr aus arabischen Wortfetzen und bayrischer Hilflosigkeit hat am Ende eines gesiegt: die Geste eines Menschen, trotz aller sprachlichen Barrieren helfen zu wollen – und das Vertrauen, sich helfen zu lassen, auch wenn man den anderen nicht versteht.

 

12. November

Immer wieder schreiben uns Menschen, dass sie helfen möchten. Neben den Tausenden Spontanhelfern und Helferinnen gibt es auch viele, die ein Sabbatical einlegen, eine Pause im Studium machen oder im Ruhestand sind und uns ihre Zeit schenken wollen. Heute war zum Beispiel eine Mutter zum ersten Mal bei uns, die gerade in Elternzeit ist und uns mehrmals pro Woche unterstützen will, während ihre Tochter in der Kita ist. Das Bemerkenswerte daran: Die Menschen bieten das von sich aus an. Sie gehen aktiv auf uns zu und fragen nach, ob und wie sie uns unterstützen können. Es geht ihnen um die Sache, sie wollen Helfen, sich einbringen in einem Team und auch die einfachsten Aufgaben übernehmen – auch wenn sie im echten Leben vielleicht mittelständische Unternehmen führen oder Ähnliches tun.

 

Durch dieses tolle bürgerschaftliche Engagement können wir auf eine unglaublich breitgefächerte Expertise zurückgreifen. Unsere Aufgabe war von Anfang an also weniger, qualifizierte Leute für verschiedene Aufgaben zu finden, als vielmehr, ihre Expertise ausfindig zu machen und das Potenzial umzusetzen. Also: Wo und wie können wir und sie helfen? Was können die Institutionen nicht abdecken? Was liegt im Rahmen unserer Möglichkeiten und was schaffen wir nicht?

 

Schnell war klar: Es geht darum, eine Struktur zu schaffen und eine gemeinsame Richtung festzulegen. So entstand mit dem Infobus eine mobile Anlaufstelle, von der aus die Kommunikation geleitet wurde. Und der Ankerpunkt unseres Engagements war die Perspektive der Geflüchteten und die Frage, wie wir die ankommenden Menschen konsequent notversorgen können. Und von dieser Basis aus haben wir versucht, die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Münchner zu koordinieren.

 

13. November

Neben den Menschen, die Zeit spenden, gibt es viele, die uns Geld oder Kleidung geben. Viele wunderbare Spenden, die uns täglich erreichen und die Arbeit um ein Vielfaches erleichtern – und manchmal auch Dinge, die uns schmunzeln lassen: Kurze Röcke, Hotpants oder High-Heels lassen sich zum Beispiel nur schwer vermitteln. Gerade im Winter.

 

Aber dass diejenigen, die jahreszeiten-spezifisch spenden, auch manchmal daneben liegen können, zeigte heute ein netter Mann, der uns Skischuhe spenden wollte. Wir mussten ihm leider sagen, dass die weiterreisenden Geflüchteten damit nicht viel anfangen können. Aber vielleicht zeigt diese ungewollt komische Geste auch einen ersten Schritt in Richtung Integration und Kulturaustausch: Wenn man die Spende des Münchners als Zeichen sieht, das sagt: „Skifahren kann man lernen, ich gebe dir die passende Ausrüstung an die Hand. Willkommen in deiner neuen (klimatischen) Heimat.“

 

Heute kam ein Anruf von einem unserer Schichtleiter, ob wir Regale und Kartons kaufen könnten. Ohne die würden die Kleiderkammern nicht weiter funktionieren. Eigentlich ein sehr konkretes Anliegen, und trotzdem wurde es dann ein wenig kompliziert.

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    Foto: Juri Gottschall

Der Vorteil unseres so spontanen und zufälligen Zusammenschlusses an Helfern ist dessen Heterogenität. Die Erfahrungen und Kompetenzen sind breit gefächert und das Potenzial immens. Der Nachteil an so einer basisdemokratisch organisierten Vereinigung ist, dass man sehr viel Rücksprache halten muss, um weiter so offen arbeiten zu können.

 

Heißt im konkreten Fall: Bevor man Regale kaufen kann, müssen sehr viele Menschen ihr Okay geben. Der E-Mail-Verkehr hatte aber eh schon abstruse Ausmaße, und ich erhielt kaum noch Feedback von den Menschen, mit denen ich intern Rücksprache halten muss, wenn ich Geld ausgeben soll. Gleichzeitig wusste ich, dass die Sachen dringend benötigt wurden. Das Beispiel zeigt, dass der Weg von einer spontanen Initiative hin zu einer strukturierten Vereinigung einen Balanceakt darstellt. Wir dürfen unsere Flexibilität und Mobilität nicht verlieren, sind gleichzeitig aber auch nicht gefeit vor Überbürokratisierung. Was hilft? Abwägen und manchmal auch nur etwas abwarten: Am Ende kam die Lösung für unser Regale-Problem ganz einfach über unseren E-Mail-Verteiler. Alle sagten letztlich doch sehr schnell: „Kauf die Sachen“, der Standort bekam seine Regale und die Arbeit konnte weitergehen.

 

14. November

Wenn wir die Information bekommen, dass ein Zug mit 500 Menschen ankommt, dann rufen wir als erstes unsere Schichtleiter am Hauptbahnhof an und setzen sie darüber in Kenntnis. Parallel fragen wir ab, ob irgendwer zusätzliche Helfer, Essen oder Kleidung braucht. Wenn irgendwas davon gerade nicht oder nicht mehr da ist, starten wir einen Aufruf über die Social-Media-Kanäle.

 

Dafür benutzen wir vor allem unsere Website fluechtlingshilfemuenchen.de, die Facebook-Seite München ist bunt und den Twitter-Account MünchenHilft. Und wir versuchen, so transparent wie möglich zu sein und die Münchner mit ins Boot zu holen. Denn uns ist wichtig, dass wir eine Initiative bleiben, bei der alle, die helfen wollen, mitmachen können.

 

15. November

Sprache ist eines unser wichtigsten Themen. Menschen, die aus dem Arabischen, Farsi, Paschtu, Urdu oder einer anderen Fremdsprache übersetzen brauchen wir eh immer. Aber auch die eigene, die deutsche Sprache hat manchmal Tücken in unserer Arbeit. Da wäre nur zum Beispiel der Begriff „Flüchtling“. Viele, auch prinzipiell sensibilisierte Menschen, benutzen den natürlich. Aber wir finden, er verdinglicht und verkleinert die Menschen. Deshalb benutzen wir ihn nicht, sondern sprechen eben von Geflüchteten.

 

Ein Beispiel, dass auch wir Muttersprachler mit dem Deutschen Probleme haben können, ist mir in den vergangenen Wochen aufgefallen: Wir rufen auf unserer Website zu Spenden auf und passen die Liste regelmäßig an. Die Menschen haben dann die Möglichkeit, die Spenden bei uns in der Hirtenstraße vorbeizubringen, von wo aus wir sie an die Unterkünfte verteilen. Da wir bei der ganzen Organisation einen hohen Papierverbrauch haben, haben wir auf der Spendenbedarfsliste auch den Punkt „Kopierpapier“ aufgelistet.

 

Nachdem heute auch am dritten Tage nacheinander ein älterer Herr mit einem Stapel Toilettenpapier vorbei kam, wurden wir skeptisch und bemerkten nach kurzem Überlegen den offensichtlichen Verleser. Jetzt haben wir das „Kopierpapier“ erst einmal aus der Liste genommen. Die Kopier- ebenso wie die Klopapiervorräte sind fürs Erste ausreichend gefüllt.

 

16. November

Nach den vielen Wochen hat sich mittlerweile eine gewisse Routine eingespielt. Wir haben viele tägliche Aufgaben: Essens- und Kleiderbestellungen, das Abtelefonieren der Standorte und die interne Vernetzung. Ich rufe also am Standort Richelstraße an und frage: „Wie ist der Stand? Sind alle bestmöglich ausgestattet? Ist irgendwo Bedarf?“ Parallel zu diesen täglichen Aufgaben gibt es aber noch etwas, das man Projektentwicklung nennen könnte. Da fallen Aufgaben rein, wie die Erweiterung des Helfer-Pools. Wir schulen Leute, die gerne intensiver helfen möchten und genug Zeit haben, auch ein tiefergehendes Engagement zu übernehmen. Denn Integration hört ja nicht in den Notunterkünften auf, sondern ist ein langwieriger Prozess.

 

17. November

In den vergangenen Wochen war es in München relativ ruhig, was vor allem daran liegt, dass weniger Geflüchtete bei uns ankommen. Viele Münchner und Münchnerinnen hat besonders die spontane und bürgerbezogene Hilfe angesprochen, bei der man aus einem ganz selbstverständlichen inneren Pflichtgefühl das tat, was getan werden musste: Menschen in Not helfen.

 

Die aktuelle Lage erscheint für die meisten potenziellen Helfer etwas intransparent. Und deshalb denken vielleicht viele, dass ihre Hilfe gar nicht mehr gebraucht wird. Aber genau da möchten wir ansetzen: Das, was in München vor allem in den vergangenen drei Monaten geschehen ist, sollte nicht wie ein großes, aber nur kurz brennendes Leuchtfeuer verpuffen, sondern langfristig genutzt werden. Wir müssen den Menschen Plattformen bieten, damit die Unterstützung am Ende auch da ankommt, wo sie gebraucht wird. Hilfe, egal ob spontan oder langfristig, darf nicht an irgendwelchen abstrusen bürokratischen Hürden scheitern.

 

18. November

Eigentlich halte ich nichts von Glorifizierung. Oft verliert man dadurch den Fokus auf das Eigentliche und das Ganze wird zu reiner Selbstdarstellung. Heute ist aber etwas passiert, das das Gegenteil für mich bedeutet: Schon in der Hochphase im September bekamen wir Anfragen vom Münchner Stadtmuseum, dem Haus der bayerischen Geschichte in Augsburg und dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn. Sie wollten Dinge ausstellen, die exemplarisch für unsere Arbeit sind. Damals verständigten wir uns darauf, einiges aufzuheben und uns dann in einer ruhigeren Phase zu treffen.

 

Heute war es soweit: Die Vertreter der Museen besuchten uns im Büro und schauten sich etwaige Exponate an. Mich hat fasziniert, wie interessant die Mitarbeiter all die Dinge fanden, die für uns so banal sind: Organigramme, Helferwesten, selbstgemachte Plakate in ausländischer Sprache, liegengebliebene Taschen von Geflüchteten. Sogar Kuriositäten wie die High Heels oder Skischuhe könnten ihren Platz im Museum finden.

 

Da wurde mir einmal mehr klar wie wunderbar surreal das sein kann, was wir täglich tun, wenn man es sich bewusst macht. Aber: Durch unser aller Engagement schreiben wir nicht nur die Zeilen einer humaneren Gegenwart, sondern auch den Satzanfang einer Zukunft für weitere Generationen. Vielleicht heißt es in zehn Jahren: „Wie eine Weste den Westen veränderte – ein Zeichen der Humanität“.

 

 

Das Büro in der Hirtenstraße 2 ist von Montag bis Samstag zwischen 12 und 17 Uhr besetzt.

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