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Inseln der Leere

Um sie herum blüht zwar das Leben - sie selbst aber laden gar nicht zum Verweilen ein: eine Reise an die Plätze der Stadt, die immer nur dazwischen liegen.
juri-gottschall

In fast jedem Viertel Münchens gibt es einen Platz, der überhaupt nicht zu seiner Umgebung passt. Diese Plätze sind Orte, die zwar jeder kennt, aber niemand in Ruhe ansieht. Es scheint, als würden die Menschen hier immer einen Tick schneller gehen als in den Straßen nebenan. Weil hier niemand bleiben und verweilen will, obwohl die Plätze zumindest formal mit ihren Bänken, Brunnen und Bäumen eigentlich alles bieten, um sich niederzulassen.

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Die Plätze liegen immer überall dazwischen. Zwischen den Zielen, die man eigentlich aufsucht, wenn man zu Fuß durch die Stadt geht. Zwischen den schönen, lieblichen und lebendigen Ecken, die mit ihren Cafés, Läden und Bars die Viertel prägen. Vielleicht ist das aber auch richtig so. Vielleicht braucht die Stadt solche Plätze, an denen es auch mal nichts gibt: Zwischenreiche des Bummelns, Atempausen des Flanierens. Und vielleicht ist es dann auch kein Wunder, dass kaum jemand sie beachtet.

Wir wollten das ändern. Wir haben uns dort aufgehalten und hingeschaut. Denn bei genauer Betrachtung haben die Plätze alle viel gemeinsam, aber darüber hinaus so viel Einzigartiges, dass man ihnen sogar Charaktereigenschaften und Namen geben kann.

Der Traditionalist

Der Rotkreuzplatz, das Zentrum Neuhausens, ist ein echter Nostalgiker. Selbst als er in den Achtzigern mal modern war, haben sich seine Gestalter schon auf Traditionen besonnen. Deshalb sieht man hier auch vor allem eins: Backsteine, die vermutlich eine Hommage an die Ziegelvergangenheit Münchens sind. Auf der einen Seite das Klinkermassiv des Kaufhofs, der für viele Menschen den Hauptgrund darstellt, diesen Platz zu überqueren. Auf der anderen Seite willkürlich platzierte, gemauerte Bänke, in ihrer Materialkonsequenz nur von bunten Kacheln unterbrochen. Den Mittel- und Höhepunkt des Platzes bildet das „Steinerne Paar“, ein massives Wasserspiel aus zwei Personen, die an versteinerte Lego-Figuren erinnern. Eine Bedeutung bleiben sie dem Betrachter zwar schuldig, aber natürlich sind auch sie konsequent aus Backstein geformt.

Typisch für einen Traditionalisten gibt es am Rotkreuzplatz sogar einen Maibaum. Oder steht der hier nur, damit beim Betreten des Platzes niemand denkt, dass er nach Hannover gebeamt wurde?

Verlässt man den Platz, herrscht schon eine Straße weiter wieder erfrischende Klarheit und Jetztzeit: Sanierte Altbauen, Sarcletti, Ruffini, hippe Cafés, Kneipen und Pizzerien (siehe auch Text „Meine Straße“ unten).


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Der Wartende

Am Hohenzollernplatz zog vor 25 Jahren die „Honzi-Clique“ anderen Jugendlichen die Jacken ab – zumindest in einer Kult gewordenen Folge der Foto-Lovestory der Bravo. Heute wartet hier eine Familie der Zeugen Jehovas vergeblich auf Kundschaft.

Der Hohenzollernplatz wartet auch. Vielleicht auf den Moment, in dem er endlich im Jetzt ankommt. Erste Anzeichen dafür sind immer wieder zu spüren: Das „Erste Schwabinger Kartoffelhaus“ ist einem französischen Restaurant gewichen, daneben hat eine Frozen-Yogurt-Filiale aufgemacht, in der aber selbst an manchem Augustsonntag keine Kunden zu finden sind. Und an der Ecke zur Hohenzollernstraße ziehen immer neue Restaurants in die Kellerräume ein.

Aber dann dreht man sich um und sieht doch wieder nur den Brunnen. Er steht hier seit 1980, mit seiner goldenen Schnecke auf dem Rand, deren Bedeutung wahrscheinlich nur der Künstler kennt. Ringsherum stehen Nachkriegsbauten, „Serviced Apartments“ und Billigsupermärkte und es beschleicht einen das Gefühl, dass auch dieser Platz noch sehr lange warten wird. Immerhin Blumen gibt es hier, zwischen herrschaftlicher Herzogstraße und dem klassizistischen Nordbad. Schöne, frische, gepflegte Blumen in großen Kübeln. Aber eben auch die Zeugen Jehovas.

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Der Vergessene

Der Platz an der Ecke Schwanthaler-/Schießstättstraße trägt keinen Namen und wirkt auch deshalb so anonym. Vielleicht ist er einfach vergessen worden. Dabei hat er durchaus was zu bieten. Zum Beispiel den sogenannten „Röhrenbrunnen“, der geometrisch leicht versetzt das Zentrum des Platzes markiert. Vielleicht ist diese Asymmetrie ein Versuch, den Platz interessanter zu machen. Vielleicht auch nur ein Ablenkungsmanöver, damit man nicht merkt, dass seine Röhren überhaupt kein Wasser führen. Das wurde wohl auch vergessen.

Dafür gibt es – wie oft an vergessenen Orten – viel Wildnis in Form von Unkraut. Müll und Reste von irgendwie allem findet man hier mehr als woanders – als kämen sie von den direkt angrenzenden Containern hinübergeweht. Auch fremde Sprachen hört man viele. Die sprechen die alten Männer, die sich hier tagein tagaus auf den Bänken zum Kartenspielen treffen. Frauen und Kinder sieht man hingegen kaum, nur manchmal eilt noch jemand mit einer vollgepackten Saturn-Tüte zu seinem parkenden Auto. Dafür sieht man viel kontrastreiche Architektur: vom ehemaligen Gasthof Riedwirt, der als das verlassene Dönerhaus bekannt ist und seit Jahren verfällt, bis zu den Hochhäusern oberhalb der Theresienwiese, die den Platz umrahmen und ihm seine schattige, schluchtenhafte Anmutung geben.

Der Platz ist ein ziemlicher Fremdkörper im Westend der italienischen Kaffeemaschinen- und Modeläden. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre hier immer Herbst. Und sogar jetzt zur Wiesnzeit herrscht im Gegensatz zum restlichen Westend überraschende Stille.





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Der Unentschlossene

Der Sendlinger-Tor-Platz besteht eigentlich aus drei einzelnen Plätzen, unterbrochen von befahrenen Straßen. Und er ist auch sonst mehr als viele vergleichbare Orte in München: Er ist gleichzeitig Kirchenvorplatz, zentraler Tram-Bahnhof, Teil des anschließenden Nußbaumparks und Tor zwischen Glockenbachviertel und Feierbanane.

Auch ihn ziert natürlich ein Brunnen, an dem sich niemand aufhält. Er hört auf den schlichten wie bezeichnenden Namen „Sendlinger-Tor-Platz-Brunnen“, wirkt ein bisschen wie ein kleiner Stachus und wurde vor ein paar Jahren nicht nur saniert, sondern extra mit einer „Windwächteranlage“ ausgestattet, die seine Fontänen bei Sturm in der Höhe reduziert, damit sein Wasser die Menschen nicht zu sehr belästigt. Von denen gibt es hier allerdings eh nicht so viele.

Trotzdem fühlt es sich hier großstädtisch an. Die vielen Trams und Busse, die Hektik an den Fußgängerampeln, der Verkehr auf der Sonnenstraße, deren Breite wir dem Größenwahn der Nazis zu verdanken haben. Das alles lässt den Platz sehr lebendig wirken. Und trotzdem tun sich in alle Himmelsrichtungen Stadtviertel auf, die mit dem ranzigen und leicht trüben Gefühl an diesem Ort so gar nichts zu tun haben.


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Der Verbindende

Der Platz hinter dem Altstadtring, der von der Herzog-Wilhelm-Straße umsäumt wird, lässt sich nur schwer einordnen. Das liegt an seiner so uneinheitlichen Umgebung: Am nördlichen Ende findet man eine der wenigen innerstädtischen Tankstellen samt Parkhaus, am südlichen die völlig aus der Zeit gefallene Bar Roy, eines der letzten noch existierenden Zeugnisse der wilden Achtziger in München.

Dass der namenlose Platz ein Bindeglied zwischen Altstadt und Bahnhofsviertel ist, zeigt sich auch an der Nutzung der Gebäude an seinen lang gezogenen Grenzen: Auf der einen Seite ein Hotel, Passagen, Hinterausgänge und gegenüber kleine Handwerksbetriebe, die sich so auch zwischen Viktualienmarkt und Marienplatz befinden könnten. Noch mehr Innenstadtflair schaffen die Fußgängerzonenleuchten, die es außerhalb ihres natürlichen Lebensraums sonst fast nirgends gibt. Und dann diese Skulpturenauswahl: Klassische, spielende Pferde stehen hier den Achtzigerjahren in Form eines dunklen Kloßes gegenüber, der sich erst bei genauerem Hinsehen als Denkmal für Clemens Brentano zu erkennen gibt.



Text: juri-gottschall - Fotos: juri-gottschall

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