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"Wer sich langweilt, ist selbst schuld"

Nur Musikmachen, das ist Gomma-Gründer Mathias Modica längst nicht mehr spannend genug. Der Kampf gegen die Eintönigkeit steht bei allem, was er anpackt, im Mittelpunkt. Ein Gespräch über den Münchner Sound und die Gefahr, wenn ein Innnenarchitekt eine Bar einrichtet.
josef-wirnshofer

Schon erstaunlich, wie entspannt Gomma-Chef Mathias Modica (41) zum Interview erscheint. Die Jubiläums-Party zum 15. Label-Geburtstag steht an, die Compilation „Pop Futuro“ ist gerade einen Monat draußen, obendrein hat Gomma eine neue Ausgabe des Postermagazins „Amore“ veröffentlicht. Zwischendurch nimmt Modica als „Munk“ noch ein neues Album auf. Stress? Merkt man ihm nicht an. Stattdessen nippt er gelassen an einem Glas Mineralwasser vor dem Katopazzo, einer Bar in der Maxvorstadt, zu deren Betreibern er gehört. Das ist er nämlich auch noch: Hobby-Gastronom.
 
jetzt.de München: Mathias, wann war dir zuletzt wirklich langweilig?
Mathias Modica: Eigentlich nie. Langeweile ist unnötig, denn es gibt so viele schöne Sachen, die man machen kann. Wer sich langweilt, ist selbst schuld.

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Jacke zu und los: Mathias Modica hat viel zu tun.

Machst du deshalb so viele verschiedene Sachen? Ist dir Musik allein zu eintönig?
Irgendwie schon. Ich komme aus einem sehr kulturellen Haushalt, mein Vater ist Musiker und unser Haus war immer voller Theater- und Kunstmenschen. Als Kinder sind wir viel gereist und in Museen gegangen, das war Teil der Erziehung. Wer einseitig interessiert ist, ist ein langweiliger Gesprächspartner.

Dein Vater war Rektor an der Münchner Hochschule für Musik. Wie findet er deinen Werdegang?
Ihm wäre natürlich lieber gewesen, wenn ich Pianist geworden wäre und mit den Berliner Philharmonikern spielen würde. Aber mein Klavierstudium habe ich mit 22 geschmissen. Inzwischen sieht er, dass wir zwar Popkultur machen, aber nicht auf einer Massenverblödungsebene, sondern mit der Idee, etwas Neues zu schaffen.

Hast du deshalb vor 15 Jahren mit Jonas Imbery Gomma gegründet?
Wir haben beide Platten gesammelt und Musik gemacht. Andere Plattenfirmen haben aber nie auf unsere Anfragen reagiert, also mussten wir es selbst in die Hand nehmen. Unsere erste Compilation hieß „Anti-NY“ und sie sollte ein Statement gegen das sein, was damals der Mainstream in der elektronischen Musik war. Nach diesem Prinzip haben wir auch unsere Partys veranstaltet. Disco-Abende während der Hochphase von Techno. Wenn die Leute sagten: „Was soll das denn, geht ja gar nicht“, dann fühlte ich mich bestätigt.

Woher diese Liebe zum Gegenreflex?
Das war auch Teil der Erziehung. Mein Vater hat immer gepredigt: Was alle machen, sollte man grundsätzlich vermeiden. Wenn jeder in den Urlaub nach Mallorca fährt, ist das kein Beweis, dass es gut ist. In die Gegenrichtung zu laufen hat uns auch als Label immer ausgemacht.

Wogegen wolltet ihr euch aufstellen?
Die elektronische Musikszene war um 2000 sehr scheuklappenmäßig, das fanden wir langweilig, da gab’s keinen Fortschritt. Wir wollten keines dieser Labels werden, die immer die gleiche musikalische Idee verfolgen, im besten Fall einen kleinen Hype erleben und tot sind, sobald der Hype vorbei bist.

"Heute nennt ja die halbe Welt Giorgio Moroder als Hauptinspiration."

Nach welchen Kriterien habt ihr dann eure Acts ausgesucht?
Am Anfang haben wir viele Freunde unter Vertrag genommen, die selbst keine Plattenfirma gefunden haben. Davon abgesehen müssen Gomma-Künstler eine klare, eigenständige Sprache haben. Es muss spürbar sein, dass sie was Eigenes tun. Und die meisten unserer Acts sind Instrumentalisten, die in irgendeiner Weise eine musikalische Ausbildung und Ahnung von Musiktheorie haben und wissen, wie man eine Melodie schreibt.

Über Gomma heißt es oft, dass ihr den Munich-Disco-Sound von Giorgio Moroder fortführt. Seht ihr das selbst auch so?
Nein, wir nehmen diesen Vergleich aber keinem übel. Wir sind nun mal aus München und haben uns für dieses Disco-Phänomen zu einer Zeit interessiert, in der das sonst niemand getan hat. Heute ist ja die halbe Techno-Welt dem Disco verfallen und nennt Moroder als Hauptinspiration. Wir haben uns damals aber total reingefuchst und die absurdesten Disco-Platten ausgegraben. Diese Art von Disco hat uns interessiert: Elektronische Musik, aber mit echten Instrumenten.

Du hast mal gesagt, in München gebe es wahnsinnig viele „A-bisserl-was-geht-immer-Leute“, die sich nicht aus dem Mainstream hinaus wagen. Konntet ihr dadurch schneller auffallen?
In München gibt es halt eine große bürgerliche Schicht, die lieber erst mal alte Werte bewahren will und alles Fremde kritisch analysiert. Das ist eine Haltung, die der Stadt sehr nützt, die kulturell aber bremsen kann. Darauf aufbauend war es relativ einfach, eine Gegenposition zu beziehen und Aufreger zu schaffen. Wobei es hier auch immer Leute gab, die kreativ auf allerhöchstem Niveau gearbeitet haben. Im Design zum Beispiel Mirko Borsche und Thomas Kartsolis, mit denen wir seit unserer Gründung zusammenarbeiten. Die haben uns immer gestützt, das war immer auch das Gomma-Fundament.

Ihr wart mit dem Label ziemlich schnell auch in Städten wie London, Paris oder Tokyo erfolgreich. Habt ihr mal überlegt, aus München wegzugehen?
Ich selbst habe fast fünf Jahre in Marseille gelebt, seit drei Jahren pendle ich jetzt zwischen Kreuzberg und Haidhausen. Aber unser Büro war immer hier. Vor allem aber haben wir unsere ganze Infrastruktur hier, wir arbeiten mit sehr vielen Grafikern und Leuten aus der Kunstakademie zusammen. Darum können wir hier einfacher Projekte realisieren als in einer anderen Stadt.

>>> Wie man eine Bar am besten einrichtet und warum ein Innenarchitekt dabei keine Rolle spielen sollte.


Wie hat München sich in den vergangenen 15 Jahren verändert?
Die Stadt ist viel kulanter geworden im Umgang mit Bars und Subkultur. Das hat München unfassbar viel gebracht. Die Stadt braucht innovative Leute, die hier bleiben oder herziehen, wenn sie nicht irgendwann zu einem Altenheim für Gutbetuchte verkommen will. Diese Leute wollen ein lebendiges, interessantes Nachtleben. Ein Diplomingenieur, der mit Ende 20 hierher kommt, auch. Das hat die Stadt jetzt, man hat Popkultur wohl als Standortfaktor erkannt. In den Neunzigern war alles tot, allein schon wegen der Sperrstunden.

http://www.youtube.com/watch?v=AftdHOR78iM

Wie hat sich dadurch die Clublandschaft verändert?
Es gibt einfach viel, viel mehr als früher. In Europa findet man vielleicht drei Städte, in denen es mehr Clubs gibt als hier. London, Berlin und wahrscheinlich noch Ibiza-City. In München konnte man viele Bands sehen, lange bevor sie in andere Städte kamen. Dafür sollten eigentlich die Jungs vom Atomic Café einen Preis bekommen: Als es deren Laden noch gab, haben die ja unzählige Bands sehr früh nach München geholt.

"Grundregel: Lass eine Bar niemals von einem Innenarchitekten einrichten."

Seit 2002 betreibst du an wechselnden Orten die Rubybar, bist außerdem Teilhaber des Katopazzo und hast vor ein paar Wochen die Miao Bar am Hauptbahnhof eröffnet. Braucht ein Label heute mehrere Standbeine?
Nein, mir macht das einfach Spaß. Einen Raum zu finden, ihn umzugestalten, sich mit Künstlern irgendwelche Sachen zu überlegen, die es in der Stadt vorher nicht gab. Es ist ein Hobby.
Das sich aber schon rechnen sollte. . .
Klar, draufzahlen will keiner. Ich betreibe diese Bars ja mit Freunden, weil ich selbst viel unterwegs bin. Das läuft alles recht familiär und soll in erster Linie Spaß machen. Ernähren müssen wir uns davon nicht, darauf hätte ich keine Lust.

Was macht für dich eine gute Bar aus?
Ähnlich wie bei Gomma-Platten: Es muss eine eigenständige Idee dahinter stecken, sie darf sich nicht an irgendeiner Mode orientieren. Die Einrichtung soll bewusst irritieren. Wenn manche Gäste sagen, dass es es furchtbar aussieht, bin ich beruhigt, weil ich offensichtlich nicht den Mainstream-Geschmack bediene.

Also wieder dieser Gegenreflex.
Natürlich. Die Grundregel ist: Niemals von einem Innenarchitekten einrichten lassen, sondern von bildenden Künstlern. Es soll ja nicht aussehen wie in einer Hotellobby.

Und welches ist momentan das beste Viertel in München, um eine Bar aufzumachen?
Nachdem das Glockenbachviertel jeden Charme verloren hat, würde ich sagen: die Randviertel, Giesing und Moosach zum Beispiel. Und natürlich der Hauptbahnhof. Das ist das einzige Einwanderer-Viertel in München, die Atmosphäre ist offen und international. Seit ich mich dort öfter aufhalte, mag ich München doppelt so gern.

Bis zum 15-Jährigen muss man es als Plattenfirma erst mal schaffen – vor allem seit Downloads und Streams an den Verkaufszahlen sägen. Ihr habt eure Tracks in den ersten Jahren gleich selbst auf illegale Plattformen geladen. Hat das was gebracht?
Ich denke schon. Als wir das Label gegründet haben, war nicht wirklich abzusehen, dass ein paar Jahre später die Musik überall kostenlos zu haben ist. Aber es war klar: Es wäre Blödsinn, sich dagegen zu sperren. Stattdessen haben wir versucht, Neuerungen zu verstehen und sie für uns zu nutzen. Die Digitalisierung hat sich für uns als extrem produktiv herausgestellt, ohne sie gäbe es uns wahrscheinlich nicht mehr.

Wieso?
Davor hätte ich irre viel Geld ausgeben müssen, um Aufmerksamkeit in Ländern wie Kanada oder Mexiko zu bekommen. Hätte einen Promoter zahlen und Platten dorthin schicken müssen. Heute bist du über das Netz direkt in Kontakt mit den Leuten und wir haben überall auf der Welt Fans, die kostenlos unsere Videos, News und Musik weiterverbreiten. So können unsere Künstler überall Konzerte spielen und werden weltweit auf Festivals eingeladen.

Viele Labels jammern trotzdem noch.
Klar, für viele war es auch der Ruin. Aber Veränderung gibt es immer und bis man versteht, wie die neuen Regeln funktionieren, ist halt Wilder Westen. Diese Chaos-Phase musst du überleben. Ich mag den Wilden Westen.

Manche eurer Acts sind nach ein paar Platten zu größeren Labels abgewandert und wurden weltbekannt. Nick McCarthy von Franz Ferdinand, der mit seiner ersten Band bei Gomma angefangen hatte, WhoMadeWho oder Daniel Avery. Frustriert das nicht?
Nein, das war immer okay. Wir waren nie ein Label, das seine Künstler bis zur Popstar-Reife begleiten kann. Wir machen das aus Passion und bringen Musiker raus, die wir cool finden. Wenn ein Act dann wirklich zündet, kann ich nicht leisten, was er womöglich bräuchte: die ganze Management-Arbeit, der finanzielle Support bei Konzerttouren. In manchen Fällen waren wir an den späteren Platten beteiligt, außerdem verkaufen sich die frühen Alben erfahrungsgemäß ganz gut, wenn ein Act zu einer größeren Firma wechselt.

Gibt es Momente, in denen du überhaupt keine Musik hören willst?
Klar. Wenn ich am Sonntagabend von einer viertägigen DJ-Tour zurückkomme und tagelang nur lauten Sound um die Ohren hatte, ist es auch mal schön, an der Isar zu sitzen und den Vögeln zuzuhören.

Text: josef-wirnshofer - Foto: Gomma / S. Notopoulos

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