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Der Feind in der Tasche

Julia kaufte und kaufte. Die Rechnungen bezahlte sie nie, sondern versteckte sie einfach in der Handtasche. Immer mehr 18- bis 25-Jährige verschulden sich, weil das Haben-Wollen größer ist als die Vernunft.
kathrin-hollmer

Julias* Misere ist in ihrer Handtasche gewachsen. Ein Jahr lang hat sie darin Handy- und Versandhausrechnungen gesammelt. In der Handtasche deshalb, weil da außer ihr niemand hineinsieht. Sorgfältig hat Julia alles aufbewahrt – nur bezahlt hat sie keine einzige Rechnung. Inzwischen sind mindestens noch einmal so viele Mahnungen hinzugekommen.

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Wenn man Julia in ihrer Wohnung im Münchner Stadtteil Moosach besucht, vermutet man nicht, dass sie 8 000 Euro Schulden hat. Julia hat braune, glänzende Locken, trägt eine rote Stoffhose und einen grauen Pulli und sitzt in einem Wohnzimmer mit Flachbildfernseher, Surround-Sound-Türmen und einer Wii. Auf dem Esstisch steht ein Laptop, daneben liegt ein iPad. Die Wand ist grün gestrichen, in einer Ecke kleben Fotos von ihrer zweijährigen Tochter, die Vorhänge und die Kissen auf der großen Couch sind farblich aufeinander abgestimmt. Sie bietet eine Tasse Kaffee an und drückt auf ihre Senseo-Maschine. Julia hat alles, was man braucht. Nur bezahlt hat sie nicht alles davon.

Heute weiß sie nicht mehr, wie es so weit kommen konnte. „Ich habe immer gedacht, es ist ja noch eine Woche Zeit, die Rechnung zu bezahlen, noch ein Tag – und dann war die erste Mahnung da“, sagt sie und schaut aus dem Fenster. Bevor sie weiterspricht, zögert sie kurz. „Mich hat das schon nervös gemacht. Aber ich habe es irgendwie immer verdrängt.“

In der Handtasche waren die Rechnungen gut aufgeräumt. Nur die 8 000 Euro Schulden, die waren immer noch da.

So wie Julia geht es vielen jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren. Fast 400 000 Jugendliche in dieser Altersgruppe sind in Deutschland verschuldet. Erschreckend ist aber nicht nur diese Zahl, sondern auch der Trend. Im „Schuldenbarometer“ der Wirtschaftsauskunftei Bürgel wurden in den ersten drei Quartalen 2012 in dieser Altersgruppe vier Prozent mehr private Insolvenzfälle als im Vorjahr verzeichnet, insgesamt waren von den 18- bis 25-Jährigen 2012 fünf Prozent mehr verschuldet als im Vorjahr. In allen anderen Altersgruppen sind die privaten Insolvenzfälle um vier Prozent gesunken.

Julias Schwester ist irgendwann aufgefallen, dass etwas nicht stimmt, dass Julia oft nachdenklich ist. „Als sie mich darauf ansprach, wusste ich nicht, was ich sagen soll, ich habe ihr einfach den ganzen Packen Rechnungen hingelegt“, sagt Julia. Außer ihrer Familie weiß bis heute niemand von ihren Schulden, auch ihr neuer Freund nicht.

Ihre Schwester hat damals gleich im Internet nach einer Schuldenberaterin gesucht. Normalerweise muss man mit Wartezeiten bis zu einem Jahr rechnen. Julia hatte Glück und bekam nach zwei Wochen einen Termin in der Beratungsstelle.

Julia ist alleinerziehend und gehört damit genau zur Risikogruppe in ihrer Altersstufe, wie aus der Studie der Wirtschaftsauskunftei Bürgel hervorgeht. Was so gut wie alle verschuldeten Jugendlichen gemeinsam haben: Sie haben einfach mehr gekauft, als sie sich leisten konnten – Klamotten und Handys, Tablet-Computer, Fernseher oder ein Auto.

Unterstützung finden Jugendliche und junge Erwachsene grundsätzlich bei jeder Schuldenberatungsstelle. In München gibt es eine spezielle Anlaufstelle für Jugendliche, die an die Münchner Arbeiterwohlfahrt angegliedert ist. Dort arbeitet Christina Huber. Sie und zwei Kolleginnen bieten in ihrem Büro Beratungsgespräche für unter 26-Jährige an. Meistens sind ihre Klienten zwischen 20 und 23.

Wer zu Christina Huber kommt, hat in der Regel keinen Überblick über seine Schulden. Viele haben nicht mal wie Julia eine Handtasche voller Rechnungen, sie haben ihre Post weggeworfen oder verbrannt. Darum beantragt Christina Huber mit ihnen eine Selbstauskunft bei der Schufa oder fragt im Schuldnerverzeichnis beim Amtsgericht nach. Erst dann erfahren die meisten, wie hoch ihre Schulden eigentlich sind. „Im Erstgespräch klären wir, welches Einkommen derjenige hat, ob er Sozialleistungen, Elterngeld, Kindergeld oder als Auszubildender Berufsausbildungsbeihilfe bekommt, ob alles beantragt ist oder er Unterstützung braucht. Manche fragen, was die GEZ ist und was passiert, wenn man das nicht zahlt“, sagt Christina Huber. Oft sind es Basics, die sie erklären muss: Kontoauszüge lesen, einen Brief verfassen.  

Auch Julia hat bei ihrem ersten Beratungstermin erfahren, wie hoch ihre Schulden insgesamt sind. 8 000 Euro, verteilt auf Mobilfunkanbieter, Mode- und Spielzeugversandhäuser. Allein die Mahnungen machen 3 000 Euro aus. Für den Vater des Kindes, ihren damaligen Freund, hat sie den Handyvertrag unterschrieben, damit sie beide ein iPhone bekommen. Das Haben-Wollen war ein paar Mal zu oft stärker als die Vernunft. Und das ist für sie das Schlimmste: zu wissen, dass sie an ihrer Situation selbst schuld ist. Der Großteil der offenen Rechnungen ist für Sachen, die sie im Internet bestellt hat.

Christina Huber beobachtet oft, dass junge Leute für ihre Freunde Verträge unterschreiben und dann dafür bürgen. Die meisten haben Schulden bei Mobilfunkanbietern oder Versandhäusern, manche bei den öffentlichen Verkehrsunternehmen oder der GEZ. Dass nur unter jungen Men-schen die Zahl der Verschuldeten steigt, erklärt sie sich mit einer Mischung aus schlechtem Verdienst und dem Wunsch, trotzdem dazuzugehören: „In der Ausbildung oder neben dem Studium verdient man nicht so gut, das ist keine Situation, in der man Raten für einen Fernseher abstottert oder eine teure Handyrechnung zahlt.“ Auch die Wirtschaft trage eine Schuld: „Ohne viele Informationen angeben zu müssen, bekommt man heute einen Laptop auf Ratenzahlung oder eine Kreditkarte.“ Markenprodukte und Statussymbole wie ein iPhone sind bei Christina Hubers jungen Klienten meistens ein Thema: „Sie versuchen, über teure Kleidung und Handys mit Gleichaltrigen mitzuhalten, die aber teilweise in einer ganz anderen finanziellen Situation sind“, sagt sie. „Oft sind die Eltern auch verschuldet und haben ihren Kindern nicht beigebracht, wie man richtig konsumiert. Die Jugendlichen stecken meistens in komplexen Lebenssituationen. Wenn man die kennt, kann man ihnen gar nicht mehr so richtig böse sein.“ Der Vater von Julias Tochter hat bis heute keinen Unterhalt gezahlt. Zwei Jahre waren sie zusammen. Als er erfahren hat, dass sie schwanger ist, hat er sie verlassen. Julia war gerade im sechsten Monat. Damals hat sie nach einer Ausbildung als Verkäuferin gejobbt. In dieser Situation ist es fast unmöglich, Schulden abzubauen.
 
Seit Oktober hat Julia regelmäßig Termine bei Christina Huber. Manchmal treffen sie sich jede Woche, manchmal nur alle zwei Monate. Im Durchschnitt begleitet Huber ihre Klienten ein halbes Jahr lang. „Viele kommen aber zum Erstgespräch und merken, dass hier ihre Schulden nicht gemanagt werden, sondern dass sie auch etwas tun müssen“, sagt Christina Huber. Danach lassen sich viele nicht mehr blicken.
 
Dabei schaffen es die wenigsten allein den Weg aus ihrer persönlichen Finanzkrise. Zu zahlreich und zu kompliziert sind die Möglichkeiten. Die letzte davon ist das Insolvenzverfahren. „Da gibt es viele Auflagen und für junge Menschen, die meist Schulden von weniger als 10 000 Euro haben, ist das selten eine gute Lösung“, sagt Christina Huber. Sechs Jahre lang muss man besonders sparsam leben und so viele Schulden wie möglich abstottern. In dieser Zeit und noch drei Jahre danach hat man einen negativen Schufa-Eintrag. Man muss in Vollzeit arbeiten und ein volles Einkommen haben. „In der Ausbildung ist das nicht der Fall, da kann es passieren, dass die Gläubiger die Restschuldenbefreiung nach den sechs Jahren nicht gewähren“, erklärt Christina Huber. Julia will auf keinen Fall privat Insolvenz anmelden. Auch Abstottern ist im Moment keine Option. Sie bekommt Hartz IV, einen Unterhaltsvorschuss und Kindergeld. „Mir bleiben im Moment ungefähr 400 Euro zum Leben, wie soll ich da noch Raten zahlen?“, fragt sie. Julia hofft auf eine Vergleichszahlung. Das könnte so aussehen: Sie versucht, sich 1 000 Euro bei Freunden und Verwandten zu leihen und bietet den Gläubigern je 100 bis 200 Euro an. Julia ist zuversichtlich, dass das klappt: „Die kennen meine Situation und sind froh, wenn sie überhaupt etwas bekommen.“

Ab Februar will Julia wieder anfangen zu arbeiten, am liebsten in einem Büro. Sie ist froh, dass sie endlich wieder einen Plan hat. Durch ihre Tochter und die Termine bei Christina Huber hat sie einen festen Tagesablauf. „Wenn ich meine Tochter nicht hätte, wäre mir alles egal, aber ich will, dass sie später etwas aus sich machen kann“, sagt sie. Gleich geht sie zu einem Bewerbungstraining für alleinerziehende Mütter. Julia zieht ihre Jacke an. Während sie einen Schal um ihren Hals wickelt, sagt sie: „Seit ich bei der Schuldenberatung bin, ist in meinem Kopf wieder alles geordnet, ich habe das Gefühl, ich mache etwas, um aus meiner Situation herauszukommen. Alleine wäre ich kaputt gegangen.“ Dann nimmt sie ihre Tasche in die Hand. Darin sind nur ein Geldbeutel, ein Handy und ein Schirm.

(*Name von der Redaktion geändert)



Text: kathrin-hollmer - Illustration: Tuong Vi Pham

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