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Die Geschichte von Laura und Daniil

Er hat in Russland drei Frauen beschützt und wurde dafür verprügelt. Sie kennt ihn nur als Koma-Patienten in Bonn und kümmert sich seit einem halben Jahr aufopfernd um ihn.
timo-stukenberg

Wenn Laura Dülpers dem 25-jährigen Daniil zärtlich mit der rechten Hand über die Wange streichelt, schüttelt er den Kopf. Sie trägt einen grünen Kittel und Mundschutz, ihre Finger stecken in Gummihandschuhen. Mit der freien Hand stützt sie sich auf sein Krankenbett. Der 25-jährige Russe liegt in der Bonner Rehaklinik, dass er seinen Kopf überhaupt bewegen kann, ist schon ein Erfolg. Seit er vor einem Jahr zusammengeschlagen wurde, liegt er im Wachkoma.

  Im Juni hörte die 23-jährige Medizinstudentin Laura zum ersten Mal Daniils Geschichte. Die hatte sie so berührt, dass sie seitdem für ihn kämpft – bis zu zwölf Stunden am Tag. Krankenhausberichte durchsehen, Visa und Gerichtsurteile übersetzen, Polizeiunterlagen besorgen, Vollmachten erstellen, Pressekonferenzen organisieren und vor allem: Spenden sammeln. Mehr als 1 000 Mails habe sie schon an Stiftungen, Vereine und Firmen verschickt, um damit auf Daniil aufmerksam zu machen, sagt sie. „Ich bin eine Getriebene. Daniil ist die ganze Zeit in meinem Kopf.“

  Daniils Geschichte ist tragisch: Er wollte anderen helfen und wurde selbst zum Opfer. Vor rund einem Jahr schützte er drei Frauen in seiner Heimatstadt Beresniki in Russland vor einer Vergewaltigung. Die Frauen konnten fliehen, doch die drei Täter überwältigten ihn und traten noch auf seinen Kopf ein, als er bereits am Boden lag. Seitdem liegt Daniil im Wachkoma. In einem russischen Krankenhaus magerte er dann so stark ab, dass seine Eltern im April entschieden, Daniil in einer Reha-Klinik in Bonn behandeln zu lassen – wovon Laura zwei Monate später schließlich erfuhr.

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Laura Dülpers

  Ein halbes Jahr später klingt sie erschöpft, wenn sie davon erzählt, wie viele Menschen Daniil nicht helfen wollen. Doch sie will sich nicht entmutigen lassen, gerade in der Vorweihnachtszeit, in der die Menschen in der Regel mehr spenden. „Jetzt muss ich eine richtige Kampagne machen“, sagt Laura. Doch ihr Engagement forderte bereits seinen ersten Tribut. Durch ihre wichtige Physikumsprüfung ist die Medizinstudentin durchgefallen, „weil das mit Daniil echt viel geworden ist“, sagt sie. Sie habe schlicht keine Zeit zum Lernen gehabt. So sehr hat sie sich in die Organisation von Daniils Krankenhausaufenthalt reingekniet, dass sie mittlerweile unverzichtbar für Daniils Familie ist. „Mir war schon klar, dass ich damit ein Risiko eingehe“, sagt Laura. Trotzdem will sie weitermachen. „Zur Not muss man eben weniger schlafen.“

  Laura ist zwar entschlossen, Daniil zu helfen. Doch die Zeit wird knapp für den jungen Russen: Ein Monat Behandlung in der Reha-Klinik kostet rund 25 000 Euro. Bis Anfang 2013 finanziert die Dominik-Brunner-Stiftung Daniils Behandlung noch. Die Stiftung wurde nach dem tragischen Tod Dominik Brunners in München Solln gegründet. Er war im September 2009 gestorben, weil er zwei Menschen vor gewalttätigen Jugendlichen verteidigen wollte. Laura hatte die Stiftung um finanzielle Unterstützung für Daniil gebeten. Ohne eine neue Anschlussfinanzierung aber muss Daniil danach wieder zurück nach Russland. „Dann wird er sterben – mit großer Wahrscheinlichkeit“, sagt Laura ruhig. 

  Ob sie Daniils Fall nicht wütend mache? Nein, sie sei nicht der Typ für Wut, sagt sie. Und seit sie auf einer Station für krebskranke Kinder gearbeitet habe, habe sie sich auch an das Gefühl der Hilflosigkeit gewöhnt. „Man muss in solchen Momenten einfach funktionieren. Wenn man nur da steht und weint, dann hilft man nicht.“ Stattdessen lacht Laura viel, spricht schnell und mit kräftiger Stimme. Ihre Bewegungen sind ruhig, aber entschieden. Zum Beispiel, wenn Sie Daniils Mutter via Dolmetscherin erklärt, wie sie als nächstes mehr Spenden einsammeln wollen: Mehr als 1 00 Briefe sollen dabei helfen, alle handsigniert.

  Den Patienten Daniil kennt Laura nun schon länger als ein halbes Jahr. Wer Daniil war, bevor er ins Wachkoma fiel, weiß sie nur aus den Erzählungen seiner Mutter. Er sei sportlich und beliebt gewesen, habe geboxt und sei noch immer amtierender Tennismeister in seiner Heimatstadt, erzählt sie. Es ist aber nicht nur diese enorme Fallhöhe, die Laura an Daniils Geschichte so berührt. Sie hat in ihrer Kindheit selbst einmal Gewalterfahrungen gemacht. „Ich weiß, welches unsägliche Verbrechen Daniil an den drei Frauen verhindert hat“, sagt sie mit fester Stimme. „Deswegen ist Daniil für mich ein Held und es tut weh ihn leiden zu sehen.“

  Als Daniils Mutter eine DVD mit Fotos aus Daniils Vergangenheit einlegt, macht Laura zwei Schritte zurück in Richtung Wand und stützt sich daran ab. Der Bildschirm zeigt Daniil als durchtrainierten, lachenden, jungen Mann. Davor auf dem Bett, angeschlossen an eine Ernährungssonde, liegt der fast vollständig bewegungsunfähige Daniil von heute. Die Tränen schießen Laura in die Augen, sie presst die Lippen zusammen. Sie kämpft mit sich selbst. Gegenüber Daniil und seiner Mutter will Laura eigentlich Zuversicht ausstrahlen. Heute gelingt es ihr aber nicht ganz. Bei all der Geschäftigkeit, mit der Laura sich um Daniils Angelegenheiten kümmert, verhehlt sie nicht, wie nah ihr die Situation geht. „Im Moment weine ich ziemlich viel, weil ich immer denke, mein Gott, wenn ich jetzt irgendwo versage, dann muss er sterben“, sagt sie und in ihrer Stimme schwingt wieder ein wenig von der großen Erschöpfung mit. Sie habe schließlich für Daniil hier ein Stück weit die Verantwortung übernommen. Je schneller ihnen das Geld ausgeht, desto größer wird der Druck.

  Daniils Mutter, die ihren Sohn 24 Stunden pro Tag betreut, hat Laura wegen ihrer Hilfe längst in ihr Herz geschlossen. Weil sie aber kein Wort Englisch oder Deutsch spricht, ist die Frau vollkommen auf Lauras Engagement in Bonn angewiesen. Zum Abschied drückt sie die Studentin fest an ihre Brust, küsst sie auf die Wange und sagt: „Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich mir wünschen, sie wäre genau so wie Laura.“

 
Spendenkonto für Daniil:
dominik-brunner-stiftung.de/node/422


Text: timo-stukenberg - Foto: timo-stukenberg

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