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Die zwei Seiten der Gewalt

Am Samstag kommt „Free Fight“ nach Deutschland. Führt der Kampfsport tatsächlich zu einer Verrohung der Gesellschaft?
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Und dann will der Kerl sich auf ihn stürzen, wie geschossen schleudert seine Faust auf Peters Kopf zu. Aber Peter duckt sich, packt seinen Gegner um die Cargo-Shorts, worauf die beiden sich überschlagen und auf den Boden knallen, so fest in einander verknotet, dass es aussieht wie ein Spinnentier. Ein Leib, acht Arme und Beine, das ist „Free Fight“, das ist der Kampfsport „Mixed Martial Arts“, den bei uns bislang kaum jemand kennt. Das Spinnentier wälzt sich nun eine Weile, kaum merklich, kämpft mit sich selbst, die nackten Füße stemmen sich in den Boden oder versuchen, zum fremden Bauch zu treten. Hände in abgeschnittenen Boxhandschuhen zerren an Armen, kaum zu ahnen, wer wen festhält und wem es gelingen wird, sich aus der Umklammerung zu lösen. Der Wurf am Ende dieser Szene aber war so rasant, so spektakulär, dass Peter Sobotta, 22, eine Videoaufnahme davon unter dem Titel „best of“ auf seine Homepage stellte, mit der er für sich und für Mixed Martial Arts, MMA, wirbt. Bei MMA wird nicht geboxt oder gerungen oder getreten – es wird geboxt und gerungen und getreten und die Kämpfer dürfen Wurftechniken, Hebel und Aufgabegriffe anwenden. Deshalb ist MMA angeblich ein Skandal und wird gern mit Extremvokabular erklärt. Der Playboy schreibt vom „blutigen Kampf um Sein und Nichtsein“, von einem „derben Spektakel“ nach der „archaischen Regel: Du oder ich“. Die Frankfurter Allgemeine sieht bei MMA „Schreckensbilder weitab vom Sport“ und die Bild am Sonntag befindet: „Nichts auf der Welt ist härter“. Die Reaktionen auf Free Fight pendeln schon seit den Anfängen in den 90ern zwischen moralischer Entrüstung und einer untergründigen Faszination am Wolf, der da im Mensch aufzutauchen scheint, wenn sich zwei Sportler mit kaum gepolsterten Händen entgegentreten. Der Sport vereint verschiedene traditionelle Kampftechniken und ist, so tönt der US-amerikanische MMA-Verband Ultimate Fighting Championship (UFC), der „erfolgreichste Kampfsport der Welt“. Kombinierte Vollkontaktkämpfe dieser Sorte sind in Brasilien unter dem Namen vale tudo („alles geht“) beheimatet, sind in Japan unter dem Namen shooto populär und in den USA ein größeres Geschäft als Boxen. Das soll jetzt auch bei uns so werden. In Deutschland trainieren nach Schätzung der Free Fight Association, des größten deutschen MMA-Verbandes, bislang gut 4000 Sportler das Freistilkämpfen. Aber jetzt will die amerikanische UFC auch an das Interesse und den Geldbeutel der Deutschen. Seit einiger Zeit werden UFC-Kämpfe im DSF übertragen, und kommenden Samstag (13. Juni) veranstaltet der Verband aus Las Vegas erstmals eine seiner Kampfnächte in Deutschland. In der bis zu 20.000 Zuschauer fassenden Lanxess-Arena in Köln werden Männer mit mächtigen Muskeln und Namen wie Wanderlei „Axe Murderer“ Silva antreten, aber auch, in einer niedrigeren Gewichtsklasse, der mit seinen 77 Kilo vergleichsweise schmale Peter Sobotta. Seit Wochen wirkt Free Fight pulstreibend auf die Sportler und ihre Fans – und auf die Kritiker der Sportart.


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Politiker und Journalisten sagen und schreiben, dass der Sport schiere Gewaltgier bediene oder sie gar auslöse. Dabei haben sie meist eine ganz bestimmte Kampfsituation vor Augen, in der – wie es die Regeln dieses Sports erlauben – ein am Boden liegender Kämpfer von seinem Gegner Schläge zum Kopf einsteckt. Und zwar als augenscheinlich Wehrloser. „Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal, siebenmal, achtmal, neunmal, zehnmal, elfmal, zwölfmal, dreizehnmal“: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zählt anlässlich eines Profikampfes in Las Vegas die Schläge und stellt am Ende die rhetorische Frage: „ein Skandal?“ Dass MMA moralisch fragwürdig ist, scheint derart klar zu sein, dass Begründungen dafür offenbar gar nicht erst ausgesprochen werden müssen. Kritiker fragen, ob es nicht besorgniserregend sei (oder gar primitiv), wenn Menschen sich für einen so gewaltsamen Sport begeistern? Die Stadt Köln setzte nun durch, dass die UFC-Veranstaltung am Samstag nur volljährige Zuschauer besuchen dürfen. Die Gefahr, dass Kinder die Kämpfe nachahmten, sei zu hoch. Es geht um das Tabu „körperliche Gewalt“, es geht um den gesellschaftlichen Konsens, dass sie zu verurteilen ist. Es geht aber auch um diese Frage: Kann man einfach so behaupten, dass Free Fight unsere Gesellschaft brutaler macht? Der Gewaltforscher Gunter A. Pilz von der Universität Hannover sagt, er sei „kein Freund dieses überaus brutalen Sports“. MMA moralisch zu beurteilen hält er trotzdem für verfehlt: „Man muss sich fragen: Warum machen die das?“ Nach Pilz ist es nichts Einzigartiges, sondern Teil eines gesellschaftlichen Trends. Ob nun Studenten zum Free Fight gehen oder Manager 2000 Euro zahlen, damit sie im Survival-Camp in der Lüneburger Heide Kakerlaken essen müssen – beide Male stehe die Suche nach existenziellen Erfahrungen dahinter, die im gesellschaftlichen Leben strukturell unterdrückt würden. „Es gibt kaum Räume, in denen wir offen Emotionen zeigen können. Erlebnisse wie ein Fußballspiel oder eben ein Kampf können dann zum Vehikel werden, um Bedürfnisse zu befriedigen, die wir im Alltag zurückhalten.“ Pilz zeichnet ein Bild zum besseren Verstehen. Gesellschaft und Sport, sagt er, könne man sich wie Welt und Parabolspiegel vorstellen. Was das gesellschaftliche Leben kennzeichnet, erscheint im Spiegel verkehrt herum und zugleich fokussiert. Hier die Tabuisierung körperlicher Gewalt – dort exzessive Gewalt. Die Pointe ist, dass diese Umkehrung ihren Wert hat, sagt der Soziologe Pilz: „Es ist durchaus denkbar, dass jemand beim Kampfsport seinen Triebhaushalt ins Lot bringt und sich dadurch im normalen Leben soweit unter Kontrolle hat, dass er Entsagungs-, Frustrations- und Enttäuschungserfahrungen nicht auf ungesetzliche, gesellschaftlich tabuisierte Weise verarbeitet. Das kann kathartischen Effekt haben.“ Können wir also etwas davon haben, wenn wir Schicksalsschläge anderer Menschen oder Gewalt gegen Unterlegene ansehen? Oder stumpfen wir dabei nur ab? Ruft man bei Peter Danckert von der SPD an, Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, spricht der von einem nur „quasi-sportlichen Anstrich“, den MMA habe, und der nichts an der „ungeheuerlichen Brutalität“ der Kämpfe ändere, die junge Zuschauer „zur Nachahmung anregt“.


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Danckert fürchtet Zuschauer, die vergessen, dass Hebeltechniken im echten Leben, zwischen Küche, Schule und Supermarkt, nicht erlaubt sind. Seine Furcht ähnelt der Annahme, dass es nur eine Frage der Zeit sei, ehe Counterstrike-Spieler Wirklichkeit und Spiel durcheinanderbrächten. Genauso wie Gewaltfilmen vorgehalten wird, sie brutalisierten die Schulhöfe, wird MMA vorgeworfen, dem Sport mangele es an dem, was Wissenschaftler als die „Insularität“ des Sports gegenüber dem „Kontinent des Alltags“ bezeichnen. Einfacher gesagt: Free Fight sei zu leicht mit dem echten Leben zu verwechseln. Belege für diese These fehlen allerdings und oft vorgebrachte Gründe für den Hass auf Free Fight bröckeln schnell. So sind die Fausthiebe auf den am Boden liegenden Kämpfer keinesfalls das zentrale Element im MMA. Viele Free Fights bestehen vorwiegend aus Bodenkampf, der für den ungeübten Blick eher langweiliges Stemmen und Schieben ist – weniger spektakulär als ein Boxkampf oder gar Wrestling. (Ein Sport, dem seltsamerweise nur selten Gewaltverherrlichung vorgeworfen wird.) Die Verletzungsdichte im Free Fight ist im Übrigen nicht grundsätzlich anders als in anderen Sportarten wie Turnen oder Basketball. Und die verbreitete Behauptung, MMA sei Kämpfen ohne Regeln, ist falsch. Sie entstammt wohl dem Brad-Pitt-Film „Fight Club“ oder legendhaften Erzählungen aus den Zeiten, in denen Free Fight tatsächlich nahezu unreglementiert war – Mitte der 90er in den USA etwa. Damals gab es beinahe ein landesweites Verbot des „menschlichen Hahnenkampfes“, wie Senator John McCain die Ausprägung der Kämpfe einmal nannte. Diese Version von Kampfsport hat nichts mit dem MMA zu tun, das heute an deutschen Kampfsportschulen trainiert wird. Es gibt Verbände, es gibt immer mehr technisch umfangreich ausgebildete Kampfsportler, Kampfrichter, Schutzausrüstung und strenge Regeln – bei den Profis wie bei den Amateuren. Behauptungen wie diejenige, das „äußerst brutale Ultimate Fighting“ habe „mit sportlicher Fairness nichts zu tun“ (Tagesschau), setzen sich mit diesen Gegebenheiten offenbar nicht auseinander. Sicher ließe sich streiten, ob Free Fights schön sind; ob die gesundheitlichen Vorsichtsmaßnahmen ausreichen oder welche pädagogischen Fähigkeiten Kampfsportlehrer haben sollten. Doch darüber wird nicht gestritten. Stattdessen findet munteres Free Fight-Bashing statt; mit Argumenten, die eher wie Ahnungen wirken. Dass Free Fight bedrohlicher aussieht als es ist, liegt wohl an der Inszenierung durch das Unternehmen UFC. Vor acht Jahren kauften die Brüder Frank und Lorenzo Fertitta aus Las Vegas den damals insolventen Verband und sorgten dafür, dass Free Fight in den USA wieder erlaubt wurde. Die Fertittas führten ein umfassendes Regelwerk inklusive Gewichtsklassen, ärztlicher Kontrolle und Dopingverbot ein und machen heute angeblich jedes Jahr einen Umsatz von circa 250 Millionen US-Dollar. Die Fertittas garnierten den Sport mit viel Drumherum. UFC-Veranstaltungen sind multimediale Rock-, Licht- und eben auch Kampfspektakel, die MMA auf eine spezielle Weise präsentieren, die sich sinnbildlich im „Octagon“ verdichtet, das bei den Kämpfen den Boxring ersetzt. Der achteckige Käfig, umschlossen von mannhohem Maschendraht, erinnert an einen dreckigen Hinterhof, an ein Gefängnis. Das, was MMA eigentlich ist, wird von der UFC-Show überschattet. Nur so ist auch der etwas krude Auftritt des Boxkommentators Werner Schneyder zu verstehen, den das ZDF kürzlich ausstrahlte. Im Interview behauptete Schneyder zunächst, dass die Gesellschaft „darunter leidet, dass die Jugend sich zunehmend brutal gibt, dass es in den Schulhöfen zugeht, wie seinerzeit in der Ganovenkaschemme“. Vor diesem Hintergrund erklärte er den „perversen Zirkus“ Free Fight für „verwerflich, für bedrohlich, für ärgerlich, für unverantwortlich“, nämlich zu einer „Anleitung zur Unbedenklichkeit von Gewalt“. Eigentlich wollte er aber nur die Echtheit der UFC-Kämpfe anzweifeln, die er für „Fiktionen“ wie im Wrestling hält, also für gewaltverharmlosende Fakes. Kämpfer würden das abstreiten und Zuschauer würden es bezweifeln, aber wichtiger an dieser Wahrnehmung ist: Wenn Schneyder Free Fight problematisiert, meint er offenbar die Weise, wie dieser Sport bei der UFC präsentiert wird. „Die Kritiker interessieren sich nicht für den Sport, sondern haben von Anfang an ihr Vorurteil“, sagt Andreas Stockmann, der sich als Vorstandsmitglied der Free Fight Association gegenüber den Ressentiments ohnmächtig sieht. Er würde lieber häufiger über die „faszinierend hohe technische Komplexität“ seines Sports sprechen, den er „kinetisches Schach“ nennt. Der angehende IT-Systemkaufmann Peter Sobotta aus Balingen betrachtet es gar als „kleine Mission eines jeden engagierten Kampfsportlers“, zu zeigen, dass MMA ein Sport und kein Straßenkampf ist. Mit der Überzeugungsarbeit fing er als Teenager an, als er nicht dem Wunsch der Eltern entsprechend Flöte, sondern Judo und Kickboxen lernen wollte und mit 17 schließlich seinen ersten MMA-Kampf hatte (von dem er den Eltern vorsichtshalber erst beim Nachhausekommen erzählte). Inzwischen unterstützen Vater und Mutter den 22-Jährigen mit Sportlerkost bei der Vorbereitung auf die UFC-Veranstaltung in Köln, wo er neben Dennis Siver als einer von zwei Deutschen Teilnehmern in den Käfig steigen wird. „Ein absoluter Traum“, sagt er, obwohl seine Börse mit 4000 Dollar (und 8000 Dollar für einen Sieg) kaum der Rede Wert ist im Vergleich zu den 250.000-Dollar-Börsen für die berühmten US-Kämpfer.


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Mit welchen Argumenten überzeugt man also selbst natürliche Bedenkenträger wie Eltern von der Unbedenklichkeit einer Sportart bei der es „etwas rauer zugeht“, wie Peter es nennt? „Sie sehen, was dahinter steckt“, sagt Peter. „Sie sehen, dass MMA mich glücklich macht.“ Was dahinter steckt, springt vielleicht am ehesten ins Auge, als Peter Fotos von seinem letzten Besuch im Trainingscamp der „Berserker“, also der „im Rausch Kämpfenden“ zeigt. Die „Berserker“ trainieren in einem ehemaligen deutschen Bunker in Stettin – „ohne Heizung, ohne Fenster, ohne Sauna“, sagt Peter. Das Camp ist ein großes, unrenoviertes, unmöbliertes, ungemütliches Ohne, in dem ein paar junge Männer Pratzenarbeit machen. Es ist dieser Purismus, der Peter begeistert. „Du brauchst nicht mehr als eine Badehose, um trainieren zu können. Es geht um nichts anderes als um die beste Kampftechnik.“ Was hinter MMA steckt, ist für ihn das Ideal, etwas auf das Wesentliche zu reduzieren. Kein Bling-Bling, kein Verbeugen vor der Matte wie in weltanschaulich fundierten Kampfkünsten, kein Trainieren in hochtechnisierten Fitnessstudios, keine rechte Ideologie, keine linke. Vielleicht beschreibt Peter die Gegenwelt zu einer Gesellschaft im Überfluss, die dazu tendiert, Fußbodenheizung und Drittfernseher zur Grundausstattung des Lebens zu rechnen. Sein Sport dürfte das Gegenstück zu einer undurchschaubaren Gegenwart darstellen, die zum Beispiel in eine Krise geriet, weil komplexe Anlage-Konstrukte ihre eigene, schwer beeinflussbare Dynamik entwickelten. „Viele Gründe sprechen dafür“, hat Joyce Carol Oates in ihrem Essay „Über Boxen“ geschrieben, „dass sich Boxer gegenseitig bekämpfen, weil ihnen die wirklichen Gegner, auf die sich ihre Wut richtet, nicht zugänglich sind. Man bekämpft, was einem am nächsten liegt, was verfügbar ist, was sich anbietet.“ Was Free Fighter bekämpfen würden, wenn ihre Arme denn lang genug wären, das wären vielleicht die Ursachen für das Krisengefühl dieser Zeit: Die betriebsbedingten Kündigungen, die platzenden Generationenverträge, die Finanzkrisenohnmacht. Während sich draußen ehemalige Gewissheiten verflüchtigen, handelt MMA auf dem Boden der Tatsachen. Der Ring scheint einer der wenigen verbleibenden Orte zu sein, an dem ein gleichwertiger Gegner greifbar ist. Wer dort verliert, weiß wenigstens, gegen wen.

Text: friederike-knuepling - Illustrierte Free Fight-Szenen: K. Bitzl

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