Partner von

"Erst im vierten Anlauf habe ich den Koran zu Ende gelesen"

David Mayonga rappt und scratcht als 'Roger Reckless'. Im Interview erklärt er, warum er sich vor zwei Jahren für ein Leben als Moslem entschieden hat.
philipp-mattheis


jetzt.de: Der Islam ist nicht gerade die Religion mit dem besten Ruf. Warum bist du Moslem geworden?
David: Als Jugendlicher habe ich nicht an Gott geglaubt. Ich bin katholisch aufgewachsen, war im Religionsunterricht, konnte mit dieser Gottesvorstellung aber nichts anfangen. Ich habe über dieses Thema immer viel nachgedacht, mich aber als Existenzialist gesehen, also jemanden, der Gott als von Menschen gemachte Vorstellung begreift, nicht als tatsächlich existent. Es ging los, als ich mit meiner jetzigen Freundin zusammengekommen bin. Ich war einfach so dermaßen glücklich, dass ich mir dachte: Da muss doch noch was sein. Ist doch nicht normal, dass es mir so gut geht! Ich habe dann wieder die Bibel gelesen und dachte: Nee, das ist es nicht.

Hattest du vorher viel mit dem Islam zu tun?
Ich bin mit vielen Moslems aufgewachsen, aber ich habe das immer nur als Tradition von denen, nie als Religion wahrgenommen. Ausschlaggebend war mein Freund Khalil, der immer seinen Vater zitierte. Das waren sehr warmherzige, positive Sachen. Ich fragte mich, wie das sein kann, dass dieser Mensch solche Sätze sagt, während es sonst heißt, der Islam sei eine aggressive Religion.

Oft neigen Konvertiten zum Extremismus.
Ein Bekannter, ein Deutscher, von mir hat früher viel gekifft, geklaut, gesprüht - die ganze Palette. Als er sich bekehrte, trug er nur noch arabische Gewänder, die Dschellaba, und dann verschwand er plötzlich. Er sagte, er sei jetzt eine Woche mit der Moschee verreist. Nach zwei Wochen war er immer noch nicht zurück und auch nach drei Wochen nicht. Wir dachten: Krass, der ist jetzt in einem Terrorcamp!

Was ist mit ihm passiert?
Der war am Anfang eben sehr enthusiastisch, wusste aber nur wenig. Je mehr er über den Islam erfahren hat, desto ruhiger ist er geworden. Tatsächlich ist er nach ein paar Wochen wieder aufgetaucht. Die sind in Moscheen gegangen und haben gegen radikalen Islamismus gepredigt.

Wie hat dein Umfeld auf deine Konvertierung reagiert?
Jeder genauso, wie ich es gerade nicht erwartet hatte. Von meiner Mutter dachte ich, sie würde meinen Entschluss voll akzeptieren. Sie war aber sehr skeptisch, sie ist der Meinung, nur schwache Menschen brauchen Regeln. Mittlerweile aber ist es in Ordnung für sie. Meine Freundin war krass überrascht, hat sich dann aber sehr mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie weiß teilweise mehr über das Thema als ich. Mein Vater, überzeugter Katholik, der jeden Sonntag in die Kirche geht, hat sich wahnsinnig gefreut. Den meisten meiner Freunde ist es wurscht.

Wie wird man eigentlich Moslem?
Man muss das Glaubensbekenntnis vor einem Zeugen, einem anderen Moslem aufsagen. Das ist alles.

Und wie lief das bei dir?
Über das Telefon. Ich gebe Goethe-Institut-Workshops und bin deswegen manchmal auf Reisen unterwegs. Das war kurz vor einem Flug nach Westafrika. Ich habe einen befreundeten Moslem angerufen und das Glaubensbekenntnis aufgesagt. Seitdem bin ich Moslem.

Hast du den Koran gelesen?
Ich habe dreimal angefangen und habe das Buch jedes Mal wieder weggelegt, als ich auf eine Passage stieß, an der ich die vielen Vorurteile bestätigt fand. Erst beim vierten Anlauf habe ich das Buch zu Ende gelesen - dann wollte ich konvertieren. Ich glaube, man muss den Koran als Ganzes lesen. Erst dann versteht man das Buch wirklich. Es ist voller eindeutiger und mehrdeutiger Passagen. Jeder muss für sich entscheiden, was wörtlich zu nehmen ist und was man besser im übertragenen Sinn verstehen sollte.

Man könnte sagen, du machst es dir ein bisschen einfach...
Für mich ist diese Religion einfach etwas sehr Positives. Ihr Inhalt bedeutet für mich, als gutes Beispiel voranzugehen. Ich will versuchen, gut zu sein. Ich vermeide, Schlechtes zu sagen, Schlechtes zu denken. Das ist alles.

Hast du dich anders gefühlt, nachdem du das Glaubensbekenntnis gesprochen hattest?
Ein bisschen. Ich habe Flugangst und die bekämpfe ich normalerweise, in dem ich mir vorstelle, jetzt gleich abzustürzen. Ich bin also nach dem telefonischen Glaubensbekenntnis ins Flugzeug gestiegen, habe im Koran geblättert und mir vorgestellt abzustürzen. Es war ok, ich hatte keine Angst.

Wie äußert sich jetzt deine Religion im Alltag? Betest du fünfmal am Tag?
Ich versuche es. Aber das erste Gebet schaffe ich selten, das ist ja bei Sonnenaufgang, zur Zeit kurz nach fünf Uhr.

Trinkst du Alkohol?
Anfangs habe ich trotz meiner Konvertierung getrunken. In Afrika waren sie sehr entspannt. Sie meinten: Mach dir keinen Stress, das kommt alles Stück für Stück. Anschließend habe ich eine Zeit lang ganz auf Alkohol verzichtet. Letztens feierte ein guter Freund Junggesellenabschied, da konnte ich nicht Nein sagen. Früher hat mich das noch unter Druck gesetzt. Aber der Punkt ist: Ich höre auf mich selbst, mir ist bewusster, dass Saufen mir nicht gut tut.

Gehst du denn jeden Freitag in die Moschee?
Auch hier: Ich versuche es, aber schaffe es nicht immer.

Wie läuft das dort ab?
Das Mittagsgebet ist tatsächlich überall auf der Welt gleich. Zuerst wäscht man sich, dann folgt eine Ansprache des Imam und anschließend betet man.

Auf Deutsch?
Zuerst auf Arabisch, dann auf Deutsch. Aber das ist in jeder Moschee ein bisschen anders. Das ganze dauert etwa eine halbe Stunde. Manche bleiben noch länger und machen Bittgebete.

Der Islam hat auch nicht gerade das Image, Frauen gut zu behandeln. Wie erlebst du das?
Das würde ich zum Beispiel ganz anders formulieren. Es geht darum, wie Männer die Muslime sind, ihre Frauen behandeln. Ich lege den Koran für mich so aus, dass Frauen hundertprozentig gleichberechtigt sind. Die meisten Frauen, die ich kenne, tragen das Kopftuch freiwillig. Ich gebe Workshops für Jugendliche und dort ist mir aufgefallen, dass es vor ungefähr zwei Jahren eine Wende gab: Plötzlich entschieden sich viele Mädchen dafür, ein Kopftuch zu tragen. Im Koran steht lediglich: Die Frau soll sich verhüllen. Meine Interpretation davon ist, dass Frauen nicht barbusig herumlaufen sollten.

Was denkst du, woran liegt das, dieser freiwillige Griff zum Kopftuch auch bei jungen Frauen?
Ich glaube, sie wollen zeigen: Ich bin Muslima. Viele Moslems fühlen sich falsch verstanden, weil in den letzten Jahren ein verzerrtes Bild des Islams gezeichnet worden ist.

Wie meinst du das?
Es gibt im Islam keine Autorität wie den Papst im Christentum. Deswegen nehmen viele kleine und eben auch radikale Gruppen für sich in Anspruch, die Religion zu vertreten. Und hier denken die Menschen dann, dass diese Gruppen, wie bei den Katholiken der Papst, die ganze Gemeinde der Muslime vertreten. Doch das stimmt eben nicht.


Text: philipp-mattheis - Foto: Juri Gottschall

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren