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"Es gibt keine größeren Beatsteaks-Fans als uns!"

Arnim Teutoburg-Weiß über Glück und Gitarrensoli - und darüber, dass er sich seit dem Unfall eines Kollegen erwachsen fühlt.
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Arnim, wenn man derzeit durch Berlin geht, trifft man überall auf dein Gesicht, zusammen mit dem Slogan „Gentleman of the Year“, der Name eurer neuen Single. Ihr seid quasi omnipräsent. Man könnte also sagen . . .
Arnim Teutoburg-Weiß: . . . dass die Plattenfirma ihren Job macht! (lacht)
. . . und vielleicht auch: Ziel erreicht!
Wir wollen schon, dass man unseren Kram mitbekommt, ja. Und die Plakate sehen jetzt ja auch ganz gut aus.

Wolltet ihr schon immer so groß wie möglich werden?
Hmm, so groß wie möglich . . . nein, darauf haben wir es eigentlich nie angelegt und machen es auch jetzt nicht. Dazu wollen wir viel zu sehr anders sein. Klar, wir hatten nie Angst davor, Popmusik zu spielen und generell über den Tellerrand einer Rockband zu sehen. Aber wir tun nicht alles dafür, dass 80 Millionen Deutsche die Beatsteaks kennen.

Gab es ein anderes, übergeordnetes Bandziel?
Wir wollten immer eine Band sein, die wir selber richtig geil finden. Das haben wir geschafft. Es gibt keine größeren Beatsteaks-Fans als uns!

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Der Berliner Arnim Teutoburg-Weiß (Mitte) ist Gitarrist, Sänger und Fan der Beatsteaks.

Man sieht sich ja selbst nicht beim Großwerden zu, aber wenn du die vergangenen zehn Jahre überblickst: Was waren die wichtigsten Punkte, was hat zum Erfolg geführt?
Punkt eins: Wir haben irgendwann gesagt, dass wir das mit den Nebenjobs mal lassen und nur noch die Band machen. Punkt zwei: Wir haben diesen Typen namens Moses Schneider . . .
. . . den Produzenten und Studiobetreiber in Berlin . . .
. . . aufgesucht. Weil der geil sein sollte. Punkt drei: Wir haben mit Moses Schneider ein Album gemacht, und der Song „Hand in Hand“ wurde in der Mitte doch nicht gekürzt – das Solo ist geblieben. Punkt vier: Wir haben das Erfolgsalbum und damit uns selbst nie wiederholt. Das war’s. Seitdem ist die Spitze des Erfolgsbarometers eigentlich auch schon erreicht.

Was wollt ihr jetzt noch?
Dass uns unsere Musik weiterhin gefällt. Dann weiß ich, dass wir glücklich sind.
Wart ihr das nicht immer in der Vergangenheit?
Es gab schon auch Phasen, in denen wir uns wahnsinnig gemacht haben und auch der Ego-Kampf mal ausbrach. Damit sind wir aber durch. Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, den man nicht so leicht erreicht. Weil man nicht so leicht durchhält bis hierhin. Jetzt haben wir gerade 80 000 Tickets für eine Tour verkauft, die noch nicht mal plakatiert ist. Es läuft extrem gut. Wir müssen eigentlich nur noch darauf aufpassen, dass wir nicht abheben.

Der Pop hat euren Erfolg gesichert, oder?
Pop ist für mich auf jeden Fall kein Schimpfwort. Gute Popmusik muss auch nicht unbedingt eine Öffnung der breiten Masse gegenüber sein. Die Smiths haben sich darüber bestimmt keine Gedanken gemacht und sind trotzdem eine der größten Popbands aller Zeiten geworden. Auch viele andere Bands, von Nirvana bis Outkast, haben nicht unbedingt die Punk-Flagge geschwungen, sondern ihr eigenes Ding gemacht. Genau wie The Clash. Die haben feinste Popmusik gemacht und sich trotzdem nicht selbst verraten. Das sind große Vorbilder.

Punk, hatte man bisher den Eindruck, war bei euch eher eine Attitüde.
Genau. Wenn ich mir unsere erste Platte anhöre, wollten wir damals alles sein, am liebsten zehn Bands auf einmal. Im Laufe der Zeit haben wir dann unser eigenes Ding gemacht.

Sprecht ihr im Proberaum darüber, ob an bestimmten Songs noch etwas gedreht werden sollte, damit sie im Radio gespielt werden?
Nein. Wir haben gelernt, dass so was immer nach hinten losgeht. Über die Songs, die von uns im Radio liefen, haben wir nicht nachgedacht. Und die Songs, über die wir tatsächlich nachgedacht haben, haben nicht funktioniert. Deswegen nehmen wir zum Beispiel auch das Wort „Single“ nicht in den Mund, bevor ein Album fertig ist. Auch das Management und die Plattenfirma müssen uns bis dahin mit solchen Dingen in Ruhe lassen – sonst gibt’s Ärger.

Warten die Leute vom Label mit ihren Single-Fragen wirklich so lange?
Ja, bis auf ein Mal. Eben bei diesem „Hand in Hand“. Da wollte jemand das Solo rausschneiden. Das haben wir natürlich nicht mitgemacht. Ist aber alles längst verziehen.

http://www.youtube.com/watch?v=vTreZYI1a2A Das Video zu "Gentleman of the year".

Redet ihr mit erfolgreichen Kollegen wie Seeed oder Jan Delay übers Geschäft?
Nein. Wenn ich Pierre (Baigorry, Seeed-Sänger; Anm. d. Red.) treffe, reden wir darüber, was er gerade macht und was wir gerade machen. Und dann spielen wir uns die Sachen gegenseitig vor. Wir sind alle zu sehr mit unserer Musik beschäftigt, als dass wir das Geschäft zum Thema machen. Ich meine: Wir leben unseren Traum! Unsere Band ist unser Beruf geworden, und das nur, weil wir uns dafür den Arsch aufgerissen haben. Wenn man meine Frau nach den Beatsteaks fragt, sagt sie: „Der Typ ist nie da – immer ist die Band wichtiger!“ Weil wir einfach arbeiten wie blöde. Aber reflektieren? So viel Zeit habe ich gar nicht.

Gibt es etwas, das du an deinem Job nicht magst?
Ich mag nicht, dass ich nicht mitkriege, dass meine Tochter schon das ein oder andere Wort sagen kann. Und dass Freundschaften unter dem Banddruck leiden. Peter, unser Gitarrist, ist mein bester Freund, aber ich habe manchmal nichts von ihm, weil wir jeden Tag nur über Moll- und Dur-Akkorde reden. Insgesamt haben wir es jetzt aber schon besser raus, uns um unsere Familien und Freunde zu kümmern, als noch vor fünf, sechs Jahren.

Woraus habt ihr gelernt?
Der Unfall unseres Drummers Thomas hat alles gerade gerückt. Seitdem haben wir wirklich versucht, jeden Bullshit in unseren Leben irgendwie zu vermeiden.

Er ist im Sommer 2012 so schwer gestürzt, dass nicht klar war, ob er je wieder Schlagzeug spielen könnte. Du hast mal gesagt, dass du dich seither ernsthaft erwachsen fühlst.
Ja, das stimmt. Es war dieses ganze eine Jahr, das viel verändert hat. Meine Tochter wurde geboren und Thomas ist ganz schlimm aufs Maul gefallen. Das war alles so krass. Seitdem bin ich auf jeden Fall erwachsen.

Wie drückt sich das aus?
Darin, dass ich nicht mehr so viel über mich selbst nachdenke. Ich bin eher damit beschäftigt, mich um andere zu kümmern, auf andere zu achten. Und mir geht’s gut damit. Ich bin glücklich.

Hast du seit dem Unfall nicht auch mehr Ängste?
Zumindest ist mir alles irgendwie bewusster geworden. Klar, wenn man ein Kind in die Welt setzt, hat man auf jeden Fall immer Angst. Aber es ist auch voll schön. Ich habe vor allem Respekt vor unserer Zeit. Die ist kurz, und ich will sie nutzen.

Das Album „Beatsteaks“ erscheint am Freitag.



Text: erik-brandt-hoege - Foto: Warner

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