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Familienbande

Pauline und Til sind Cousin und Cousine - und ein Liebespaar. Die Geschichte ihrer Beziehung ist auch die Geschichte eines Kampfes gegen Vorurteile.
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Tief in der Nacht bebt die Erde. Gläser klirren, Blumenvasen wackeln, eine Tür knallt zu. Pauline und Til blicken einander erschrocken an. „War das ein Zeichen?“, geht es Til durch den Kopf. Er hat soeben zum ersten Mal Pauline geküsst, im Atelier seines Vaters. Das schönste, spannendste Mädchen, das ihm bisher begegnet ist. Und dann, ausgerechnet in dem Moment, in dem sich ihre Lippen berührten, kam das Erdbeben. „Das ist bestimmt ein Zeichen“, denkt er. Aber vielleicht kein gutes. Pauline ist seine Cousine.

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Fünf Tage ist es her, dass sie sich wiedergesehen haben, zum ersten Mal seit sie vor 20 Jahren im selben Sandkasten spielten. Für ein Familienfest in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg ist Til aus Berlin, Pauline aus Paris angereist. Sie sitzt mit der Familie auf der Terrasse, Til kommt nach Hause. Als er in ihr Gesicht sieht, wird ihm heiß, schnell dreht er ihr den Rücken zu: „Ich mach mal schnell Kaffee.“ Durchatmen. Was ist da eben passiert? Er hat plötzlich einen ganz trockenen Mund bekommen, nur ein „Good to see you“ hat er herausgebracht. Auch Pauline ist verwirrt. Dieser blonde Lockenkopf gefällt ihr, sein fein geschnittenes Gesicht, sein Lachen. Kann man sich etwa in einen Verwandten verlieben und die ganze Familie – Onkel und Tanten, Eltern, die zahlreichen Geschwister – sitzt am Kaffeetisch und schaut zu?

Til und Pauline, beide Mitte 20, sind füreinander wie Fremde: Sie sprechen noch nicht mal dieselbe Sprache. Vor mehr als 30 Jahren ist Paulines Vater nach Frankreich ausgewandert, seither hat er die Familie seiner Schwester, Tils Mutter, nur selten gesehen. Doch jetzt haben Pauline und ihre Eltern Urlaub genommen, sie bleiben fünf Tage in Deutschland, um bei den Vorbereitungen für das Fest zu helfen. In der Zeit zwischen dem ersten Treffen beim Kaffee und dem Kuss, bei dem die Erde bebt, zeigt Til Pauline sein Elternhaus, die Stadt, die Weinberge in der Umgebung. Fast jede Minute verbringen sie zusammen, schlafen wenig, wollen die kurze Zeit nutzen. Sie reden über Musik, Kunst, Bücher, lachen viel, zeichnen gemeinsam in Paulines Skizzenbuch. Einmal berühren sich ihre Hände für eine Sekunde, es fühlt sich an wie tausend Nadelstiche. Und ständig geht ihnen durch den Kopf: „Wir dürfen das nicht.“

Das nächste Familientreffen wird zum Versteckspiel.

Am Tag nach dem Erdbeben, 5,6 auf der Richterskala, das stärkste in der Region seit mehr als zehn Jahren, fährt Pauline mit ihren Eltern wieder nach Frankreich. Til bleibt zurück im Gefühlschaos. Seine kleine Schwester merkt, dass sich zwischen den beiden mehr als nur Freundschaft entwickelt hat. Als sie eine Anspielung macht, winkt er ab: „Quatsch, das geht ja gar nicht.“ Er weiß, dass es doch geht. Und wie seltsam es sich anfühlt. Klar, früher haben Cousins ihre Cousinen geheiratet, in Adelskreisen oder in orientalischen Familien tun sie es noch heute. Es ist nicht verboten, das weiß er. Aber was würde die Familie sagen? Außerdem hat er seit Jahren eine Freundin. Auch der ältere Bruder hat die Annäherungen beobachtet.

„Du bist doch nicht etwa in sie verliebt?“
„Und wenn doch?“
„Es würde Mama das Herz brechen.“
„Sie würde es verstehen.“
„Da bin ich mir nicht sicher.“
„Wir werden sehen.“
„Du bist verrückt.“
„Vielleicht.“

Til bekommt sie nicht aus dem Kopf. Mit Pauline hat er sich zum ersten Mal „ganz“ gefühlt, vollständig. Er, der Künstler, der Poet der Familie, oft bewundert, manchmal belächelt. „Plötzlich war jemand da, der genauso war wie ich, mit dem ich all meine Gedanken teilen konnte“, sagt er. Er will dieses Mädchen wieder sehen. Til fährt nach Berlin und beendet seine Beziehung.

Auch Pauline kann den Kuss nicht vergessen. Im Auto der Eltern auf der Fahrt nach Paris will sie am liebsten weinen und lachen zugleich. Wohin gehören die Gefühle für Til? War das nur eine Laune, ein kleines, harmloses Abenteuer? Sie muss herausfinden, was zwischen ihnen ist – sonst wird sie vielleicht die größte Chance ihres Lebens verpassen. Zurück in ihrer WG bucht sie für ihn ein Ticket von Berlin nach Paris. Er soll zu ihr kommen. Sie will herausfinden, wie es sich anfühlt, mit ihm zusammen zu sein, ohne die ganze Familie um sie herum. Wenige Tage später steht Til vor der Tür.


Aus Tagen werden Wochen, aus dem seltsamen Gefühl wird Liebe, aus Cousin und Cousine ein Paar. Til zieht zu ihr in die WG, er kann auch von Paris aus an seiner Abschlussarbeit für die Filmhochschule arbeiten. Wenn seine Mutter anruft, sagt er, er sei für ein Projekt in Paris. Auch Pauline spricht mit ihren Eltern nicht darüber, dass Til nun bei ihr wohnt. Je ernster es ihr mit ihm wird, desto seltener meldet sie sich. Das nächste Familientreffen wird zum Versteckspiel. Sie küssen sich heimlich. Danach bricht Pauline den Kontakt zu ihren Eltern ganz ab. Keine Anrufe, keine Mails. Sie hat Angst vor Fragen, will am Telefon nicht lügen.

Schließlich schreibt sie einen Brief. Ein Bekenntnis zu Til, eine Beichte vor den Eltern. Wenig später hört sie auf ihrer Mailbox die Stimme ihres Vaters. „Wir sind überhaupt nicht böse“, sagt er. Er freue sich, habe jetzt wieder eine direkte Verbindung zu seiner Familie, mit der er so lange fast nichts zu tun hatte. Die Mutter reagiert kühl, sie ist skeptisch, ob die Beziehung halten wird. „Was ist, wenn es mal wieder nur eine kurze Romanze ist?“, fragt sie. „Was werden dann die Verwandten sagen?“ Paulines Bruder drückt seine Meinung drastisch aus: „Vergiss es“, sagt er. „Er sieht dir sogar ähnlich.“ Pauline nimmt die Reaktionen ziemlich gelassen, sie hat im Kopf alle möglichen Reaktionen durchgespielt. „Ihr werdet schon sehen“, sagt sie, ein bisschen trotzig. So sicher war sie sich einer Liebe noch nie.

Auch Til will seine Eltern nicht länger anlügen. Er fährt zu ihnen und erzählt ihnen alles. „Ich habe ihnen erklärt, dass es im Leben darum geht, glücklich zu sein – und dass mich Pauline glücklich macht.“ Er hat Glück, seine Eltern verstehen ihn. Doch in der Kleinstadt macht die Nachricht schnell die Runde. Inzest, das ist ein großes Wort, darüber reden die Leute. Das sei doch bestimmt nicht erlaubt, auf jeden Fall aber „nicht mehr normal“, gefährlich.

Dabei sind Sex und Heirat zwischen Cousin und Cousine als Verwandtschaftsbeziehung dritten Grades in Deutschland legal. Noch bis ins 19. Jahrhundert war in Westeuropa die Heirat innerhalb einer Familie durchaus üblich. So heiratete etwa Kaiser Franz Joseph seine Cousine Sissi, und Elsa Einstein ihren Vetter Albert. Sogar der berühmte Evolutionsbiologe Charles Darwin war mit seiner Cousine ersten Grades vermählt. Trotzdem komisch, finden auch Tils Freunde. „Das kannst du auf keinen Fall machen!“, ist ein Satz, den Til oft gehört hat. Auch von seinem besten Freund. „Doch, das kann ich auf jeden Fall“, antwortet er und denkt: „Lass sie reden.“

In der Kleinstadt macht die Nachricht schnell die Runde. Inzest, darüber reden die Leute.

Jemand schreibt auf Paulines YouTube-Account einen Kommentar unter ein selbst gedrehtes Video, auf dem sie in verschieden lustigen Posen zu sehen ist. „Hey, wie geht's deinem Cousin? Vor 50 Jahren wäre man für das, was ihr macht, gehängt worden“, stand dort. Er muss Pauline gegoogelt haben, nachdem er von den beiden gehört hatte, offenbar spricht sich eine solche Beziehung auch im Freundeskreis und darüber hinaus herum. Til hat dem anonymen Schreiber geantwortet, ruhig und sachlich. Aber innerlich brodelte er. Warum mischen sich Leute in seine privaten Angelegenheiten ein? Er bekam nur eine noch gehässigere Nachricht zurück. Til glaubt, die große Ablehnung rühre daher, dass viele Leute sich so eine Beziehung für sich selbst nicht vorstellen können. „Ihr könnt ja niemals Kinder haben“, sagen die Leute oft. Auch Paulines Vater, ein Arzt, erwähnt das Risiko von Fehlbildungen, das bei Cousin-Cousine-Verbindungen mit fünf Prozent doppelt so hoch liegt wie bei nicht miteinander Verwandten.

Die beiden können dieses Argument nicht nachvollziehen. „Wer sucht sich denn seinen Partner aus, weil er mit ihm direkt ein Kind machen will?“ fragt Til. Auch er klingt trotzig. „Es mag ja sein, dass man sich den Partner normalerweise unbewusst so aussucht, dass man sich mit ihm gut fortpflanzen kann. In dem Fall ist es aber ein gutes Gefühl zu wissen, dass da noch etwas anderes ist, was Menschen zusammenbringt. Etwas anderes als der pure Fortpflanzungsdrang.“

Pauline hat Deutsch gelernt, nach ein paar Monaten ihre Stelle als Produktionsassistentin in Paris gekündigt und ist mit Til nach Berlin gezogen. Dort führte sie eine Weile eine kleine Galerie. Seit wenigen Wochen wohnen die beiden wieder in Paris, in einem Zweizimmer-Apartment bei Montmartre. Im Gang stehen Gemälde, auf riesigen Schreibtischen liegen Filmkameras, Fotoapparate; es gibt einen Schnittplatz für Videos. Hier leben und arbeiten sie als freie Filmemacher und Künstler, seit vier Jahren sind sie jetzt schon ein Paar. Mehr als eine Romanze.

Sie tragen Lederjacken, auf ihren Köpfen sitzen kleine zipfelige Wollmützen, bei ihr auf dem Kurzhaarschnitt, bei ihm auf der frisch rasierten Glatze. Auf Paulines T-Shirt steht ein Spruch: „Legalize Gay“. Es ist ein Zeichen der Solidarität. Sie verachtet die konservativen Franzosen, die seit Monaten zu Hunderttausenden gegen die Homo-Ehe auf die Straße gehen. „Jeder soll doch lieben, wen er will“, sagt sie. Eigentlich müsste auf dem T-Shirt ein anderer Spruch stehen: „Legalize Love“. Til und Pauline wissen, wie es ist, sich für seine Liebe rechtfertigen zu müssen.

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