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Ich meide die Universität

Soll ich studieren, nur, weil ich es kann? Unsere Autorin erzählt, warum sie trotz Abitur Abstand von der Hochschule nimmt
mercedes-lauenstein

Ein lauer Sommerabend in meinem Heimatdorf. Wir sitzen auf der Terrasse des Elternhauses einer Freundin. Wir, das sind gut zwei Dutzend junge Leute, die sich alle noch vom Gymnasium kennen. Selbst bei den jüngsten von uns, und dazu gehöre ich, ist das Abitur nun schon zwei Jahre her. Bis auf mich und einen Jungen, der gerade seinen Zivildienst um ein Jahr verlängert hat, sind mittlerweile alle stolze Studenten. Und während ich da so sitze und mich die Erzählungen von „Ersti-Partys“, Klausurenstress und WG-Kühlschränken nur müde nicken lassen, weiß ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis gleich das „Und wann fängt bei dir das Studium an?“-Fass aufgemacht wird. Schließlich sitzt auch Lottes Mutter neben mir. Und besorgte Mütter sind gut im Fass aufmachen. Da geht es auch schon wieder los: „Und, wann . . .“ Ich greife nach meinem Weinglas, blicke trinkend in den dunklen Nachthimmel und suche nach den passenden Worten. Es ist nicht leicht, sein nichtstudentisches Leben zu rechtfertigen. Allein die Frage nach dem Studienbeginn offenbart ja schon, dass es sich zumindest für die Mutter eines Abiturienten bei dem Studium um die erwartete Konsequenz seines Schulabschlusses handelt. Wer einmal etwas werden will, der muss studieren. Ohne akademischen Abschluss ist man heutzutage schließlich gar nichts. Macht man dennoch lieber eine Tischlerlehre, ist das zwar schon kritisch, aber noch in Ordnung. Es folgt dann ein zwangstolerantes „Ist eben nichts für den Jungen, so ein Studium“ (was dem leicht respektlosen Satz „Was er nicht im Kopf hat, hat er eben in den Händen“ bedrohlich nah kommt). Aber immerhin: Er bildet sich fort. Täte er das nicht, geriete er sehr leicht in Verdacht, ein fauler und interessenloser Flegel zu sein. Ich passe in keines dieser beiden Muster und stehe etwas ratlos dazwischen. Weder bin ich faul, noch interessenlos. Ich kann mit dem Gedanken zu Studieren im Grunde nämlich sehr viel anfangen. Deshalb habe ich ja überhaupt erst mein Abitur gemacht. Ich wollte, dass mir die Türen zu einer großen Karriere offen stehen. Ich wollte die volle Wahlfreiheit. Was ich über das Studium weiß, entspringt den Erzählungen meiner Eltern und ihrer Freunde. Zu deren Zeit war ein Studium eine Überzeugungstat. Es war der Ausdruck einer Sehnsucht nach Weltverbesserung. Bildung war scheinbar der Weg, sein Querdenkertum zu etablieren und all seine Lebensträume Stück für Stück selbst umzusetzen. Das hörte sich nach großer Freiheit und Selbstverwirklichung an. Das entsprach mir sehr. Was ich vom heutigen Bachelor-Studium weiß, stammt aus Erzählungen studierender Freunde. Wenn die von Anwesenheitspflicht, von genau festgelegten und sehr eingeschränkten Seminarkombinationen reden und davon, dass diese Seminare auch noch oft überfüllt sind und dass nebenher oft nicht einmal mehr Zeit für einen Nebenjob bleibt – dann klingt es, als sei von dieser Freiheit nicht mehr viel übrig. Als sei das Studium nur mehr eine dürftige Erweiterung der Schule; oder viel mehr noch der sichere Weg, sich freiwillig einer humankapitalistischen Wirtschaftsmaschinerie zu unterwerfen. Das hört sich nach Entmündigung an. Von echtem Gefühl jedenfalls, von Bildung im Sinne von Selbstbildung ist gar keine Rede mehr. Mit einem System, das so funktioniert, kann ich mich nicht anfreunden.

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Wenn ich wenigstens zu denen gehörte, die Ärzte, Anwälte oder Manager werden wollen und sich deshalb für ein bestimmtes Studium entscheiden; oder wenn ich zu jenen gehörte, die sich so sehr für Archäologie begeistern, dass sie all ihre Zeit ausschließlich diesem Fachgebiet widmen wollen. Dann würde ich die mangelhaften Rahmenbedingungen einfach tapfer ertragen. Doch für mich kämen bloß Studiengänge wie Philosophie, Ethnologie und Sprache, Fotografie, Kunst, Mode, Film oder allgemeine Kulturwissenschaften in Frage. Ich müsste mich dabei aber für eines entscheiden, dabei interessiert mich so vieles. Die wenige Zeit, die mir neben einem solchen Studium bliebe, müsste ich darauf verwenden, mir das Leben als Student überhaupt erst leisten zu können. Ich würde sie kellnernderweise verbringen, abends. Tagsüber säße ich in großen Bibliotheken, um fantastische Werke der Menschheit bis in ihre Facetten zu zerlegen, um auf diese Art jeden Charme heraus zu analysieren. Ich müsste fortan meine eigenen Arbeiten im professoralen Kauderwelsch verfassen, obwohl ich deren Inhalt wahrscheinlich viel verständlicher auf einer halben Seite aufschreiben könnte. Keine drei Monate würde ich durchhalten ohne das Studentenleben zu verfluchen. Ich würde wissen, dass ich mir all das, was mir im Studium interessant erscheint, auch ohne dieses angeeignet hätte. Ich glaube nämlich daran, dass Interessen die eigene Bildung selbst regulieren können. Ein neugieriger und intelligenter Mensch wird immer gebildet sein. Er wird immer wissen, wovon er spricht und warum. Ich würde dieses Studium also, genau wie so viele andere orientierungslose Abiturienten auch, tatsächlich nur um des Abschlusses willen vollziehen. Aus Prestigegründen. Dass mir das etwas armselig erscheint, steht auf einem anderen Blatt. Hätte ich neben diesem Studium aber wenigstens noch genügend Zeit, mich um Dinge zu kümmern, die mir am Herzen liegen, dann würde ich das sogar in Kauf nehmen. Ich will mich durch praktisches Arbeiten ausprobieren, Menschen beobachten, Geschichten erfahren und versuchen, das, was mir beruflich vorschwebt, schon mindestens in einer Art Light-Version anzupacken. Ich möchte ganz nah an meinen Interessen und Träumen entlang klettern. Nicht mehr, wie in der Schule, in einem Meer von Nebensächlichkeiten ständig nur darum kämpfen, überhaupt noch Luft zu bekommen. Ich glaube, ich bin mit diesem Wunsch nicht alleine. Auch andere in meinem Alter wissen, dass ein Studium nicht das umfasst, was sie wirklich interessiert. Aber es fehlt ihnen an Mut und Zutrauen, sich eine Alternative zu überlegen. Es hat ihnen schließlich schon in der Schule niemand gesagt, dass es okay ist, einfach bloß seinen Interessen zu folgen. Das heißt nicht, dass ich nicht an meinem Weg zweifle. Wie schon im vergangenen Sommer frage ich mich auch dieses Jahr wieder, ob der klassische Weg an eine Hochschule nicht doch, irgendwie, der bessere für mich wäre? Doch viel mehr als Mut und Zutrauen fehlt mir der Wille, mich einem System zu beugen, das mir nicht einleuchtet. Deshalb werde ich auch dieses Jahr keine Bewerbung um einen Studienplatz in den Briefkasten stecken. Ich bin einfach nicht bereit dazu, diesen großen Lebenshorizont, der sich jeden Tag immer weiter vor meinen Augen ausbreitet mit den Scheuklappen eines Bachelorstudiums zu ersetzen. Zumindest nicht jetzt. Also schlucke ich den Wein hinunter, gucke Lottes Mutter an und antworte: „Ich glaub’ nicht, dass so ein klassisches Studium etwas für mich ist. Deshalb werde ich es lassen. Ich halte mich einfach an meine Interessen. Und ich glaub’, dass mich das früher oder später ohnehin an den richten Platz bringt.“

Text: mercedes-lauenstein - Foto: cydonna/photocase.de

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