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Im Zeugungsstand

100 Euro, Pornohefte und viele nette Damen: Ben hat sich seinen ersten Arbeisttag als Samenspender eigentlich schlimmer vorgestellt.
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  Die Wände sind weiß gefließt, Neonröhren werfen ein helles, aber kaltes Licht auf den zwei Quadratmeter kleinen Raum. Es gibt ein Waschbecken, ein Klo und ein weißes Handtuchregal ohne Handtücher. Nichts Spektakuläres. Es könnte ein Klo in jedem beliebigen Krankenhaus sein – nur geht man hier nicht rein, um seine Blase zu leeren. Erst auf den zweiten Blick erkennt man den kleinen Flachbildschirm in einer Raumecke und das daneben hängende DVD Fach mit Filmen wie „Sex Stories of Passion“ oder „Vivian Schmitt – die neue Gina Wild“. 

  Ben ist 28 Jahre alt, 1,75 Meter groß, schlank, sportlich, hat studiert und ist freier Fotograf. Was nach einer Kontaktanzeige klingt, war seine Eintrittskarte zum Auswahlgespräch in die Samenbank München-Solln. Hier bewerben sich viele junge Männer, um schnell an Geld zu kommen. Pro Schuss gibt es bis zu hundert Euro. Arbeitsaufwand: Eine Viertelstunde. Bevor Ben die Klinik zum ersten Mal betritt, musste er eine Online-Bewerbung ausfüllen. Gefragt waren Angaben zu seiner äußeren Erscheinung wie Größe und Gewicht, zu seinen persönlichen Interessen, zu seiner Bildung und seiner Motivation, Samen zu spenden. Außerdem musste er ein aktuelles Foto einreichen. Seine Bewerbung überzeugte, denn er wirkte ganz normal. Viele andere Männer, so Constanze Bleichrodt, die Geschäftsführerin der Samenbank, reichen Fotos mit nackten Oberkörpern ein, auf denen sie ihre Muskeln spielen lassen. Sie halten sich für unwiderstehlich, schwärmen von ihrer Perfektion und wollen ihre Gene weitergeben. „Aber die Samenbank ist nicht dazu da, um deren Narzissmus zu befriedigen“, sagt Frau Bleichrodt. Auffällig sei auch, dass sich überdurchschnittlich viele Männer unter 1,70m bewerben. Über die Gründe kann sie nur spekulieren, jedenfalls brauche man nicht so viele kleine Männer, weil die Spender dem sozialen Vater ja später optisch ähneln sollen.

  Frau Bleichrodt trägt ein schwarzes Kleid und knallroten Lippenstift, als hätte sie sich farblich auf ihr Büro abgestimmt. Sie lächelt viel und hat einen bestimmten Händedruck. Bei der Diplompsychologin finden die Erstgespräche mit den Spendern, aber auch Beratungen für die kinderwilligen Paare statt. Vor der Tür zu ihrem Büro steht eine hüftgroße Storchfigur aus Gips. Ben ist nicht nervös, aber er fühlt sich beobachtet, seit er in der S-Bahn saß. Wahrscheinlich wissen alle in der Klinik, warum er hier ist und was er tun wird. „Das ist ein komisches Gefühl“, sagt er.

  Frau Bleichrodt legt Ben nach einem kurzen Smalltalk die rechtlichen Grundlagen offen: Die Eltern wird er nie kennenlernen, ebenso wenig wird er erfahren, ob je ein Kind aus seinen Spenden entsteht. Und er hat keinen Anspruch auf das Sorgerecht. Aber: Das Kind hat in Deutschland mit achtzehn Jahren das Recht zu erfahren, wer der biologische Vater ist. Vorausgesetzt es weiß, dass es ein Spenderkind ist. Das stört Ben aber nicht weiter. Er hat eine positive Einstellung zum Leben und ist überzeugt, dass die Gene kaum Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Kindes haben. „Und selbst wenn: Ich fände es sogar sehr spannend, eines Tages einen jungen Erwachsenen zu treffen, der mit mir zur Hälfte biologisch verwandt ist. Vielleicht erkennt man etwas von einem selbst in ihm, vielleicht auch gar nichts.“, sagt er. Dann bringt ihn Frau Bleichrodt ein Stockwerk tiefer zu den beiden Biologinnen, die sich um „das Material“ kümmern, wie sie es liebevoll nennen. Wie eine Schatztruhe steht der silberne Stickstofftank, in dem etwa 2000 Samenproben bei dreistelligen Minusgraden lagern, in der Mitte des Raumes. Nach einem Smalltalk drückt eine der Biologinnen, Vera Putterlik, Ben einen durchsichtigen Plastikbecher und eine Tüte in die Hand. Zeit für seine erste Probespende.

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Mit Frau Putterlik fährt er in den menschenleeren Keller. So soll sichergestellt werden, dass auch wirklich Ben spendet und nicht jemand anderes. Denn laut der Biologin wäre es der Super-GAU, wenn das Kind eines Tages rein zufällig auf seine ungewöhnliche Zeugung kommt, weil es zum Beispiel Attribute aufweist, die bei seiner Elternkombination nicht möglich wären. Eine bestimmte Blutgruppe oder Haarfarbe zum Beispiel. Pro Tag werden von Gynäkologen in Deutschland im Schnitt zehn Frauen die Spermien eines fremden Mannes in die Gebärmutter gegeben. Die Nachfrage ist hoch, die geeigneten Spender selten. Denn die Spermaqualität nimmt in Industrieländern seit Jahren rapide ab. In Zahlen ausgedrückt verzeichnen Wissenschaftler eine Abnahme des Spermiengehalts im Ejakulat von über sechzig Prozent binnen der letzten dreißig Jahre. Die WHO korrigiert regelmäßig die Normalwerte für Spermiogramme nach unten. Ob Bens Sperma gut genug ist, stellt sich erst nach monatelangen Laboruntersuchungen heraus. Der kostenlose Gesundheitscheck ist neben dem Geld ein weiterer Grund für junge Männer, die Samenbank aufzusuchen.

Im Bad angekommen zeigt Frau Putterlik Ben ein paar Hilfsmittel. Sie weist auf das kleine Filmangebot hin und öffnet schließlich die Schublade des Handtuchregals. Die ist prall gefüllt mit verschiedenen Pornoheftchen. Sie lächelt. An der Situation ist nichts Verruchtes, nichts Schmutziges. Schnell schließt Frau Putterlik die Schublade wieder. Dann lässt sie Ben alleine. Er komme schon zurecht, ruft er ihr noch betont lässig hinterher. Eine Viertelstunde später kommt er wieder heraus und fährt mit der Tüte in der Hand alleine den Aufzug hoch.
  „Die meisten schauen immer sehr betreten, wenn sie zum ersten Mal ihren Becher zurückbringen. ‚Ist leider nicht mehr geworden sagen sie dann“, erzählt Frau Bleichrodt schmunzelnd. Aber eigentlich wirkt die abgegebene Menge, in Normalfall zwei bis drei Milliliter, nur im Verhältnis zum Becher klein. Dort passen theoretisch 100 Milliliter rein. Ein Bewerber baggerte während des Vorgesprächs ständig die Psychologin an und brachte den Becher halb gefüllt zurück. Er wurde abgelehnt: „Wir wollen ja Männer, die ganz normal sind. Nicht irgendwie verhaltensauffällig.“ Die drei Frauen inspizieren jeden Bewerber sehr genau, von der Sympathie zur Spermabeweglichkeit bis hin zum Erbgut. Schließlich wollen die werdenden Eltern nur die besten Startvoraussetzungen für ihren Nachwuchs: Keine Erbkrankheiten, keine Sehschwächen, keine Allergien.

  Für Ben ist der Aufenthalt in der Klinik an dieser Stelle fast beendet. Weil sein Sperma anonymisiert aufbewahrt wird, darf er sich einen Codenamen ausdenken. Er nennt sich Fox wie Peter Fox, „weil ich ihm ganz ähnlich sehe und seine Musik gut finde.“ Andere Spender heißen Brad oder Schweinsteiger. Bis er sein Ergebnis erhält, vergeht ein halbes Jahr. „Von zehn Bewerbern, die wir zum persönlichen Gespräch einladen, also die uns bereits schriftlich und persönlich überzeugt haben, kommt im Schnitt nur einer als Spender in Frage“, sagt Vera Putterlik. Die meisten reagieren auf eine Absage enttäuscht bis gekränkt und übertragen ihre durchschnittliche Spermaqualität auf ihre Männlichkeit. Dabei sind sie nicht automatisch zeugungsunfähig, nur weil sie als Spender nicht genommen werden. Ben, so zeigen die Untersuchungen, ist kerngesund. Und: Er hat überdurchschnittlich gutes Sperma. Bei vielen lande das Ergebnis sofort auf Facebook, berichten die Biologinnen. Ben bleibt in der Hinsicht bescheiden. Über einen Zeitraum von etwa drei Monaten darf er nun zur Spende kommen. Zehn Spenden sind insgesamt zulässig, um das Risiko für eine zwischenzeitliche Infektion und umstrittene Inzestfolgen gering zu halten. Je vier Tage davor gilt Enthaltsamkeit, um die höchstmögliche Spermienzahl bei der Spende zu gewährleisten.

„Das fällt nicht allen Männern leicht“, lacht die Biologin, „manche sagen kurzfristig ab, weil sie schon anderswo gespendet haben. Dafür haben wir Verständnis." Die meisten Spender sind Singles wie Ben. Ihnen fällt die sogenannte Karenzzeit leichter. Was auch viele Spender vereint: Sie sind Idealisten. Vera Putterlik berichtet von Spendern, die sehr sozial engagiert sind und alles spenden, was man spenden kann: „Blutplasma, Knochenmark, Organe. Und eben auch Samen. Bei uns spenden sie aber besonders gern, weil das Spaß macht. “
  Ben hatte Kunst studiert. Sein Anreiz, sagt er, war nicht das Geld, da man durch Samenspenden ohnehin nicht reich wird. „Mich fasziniert der Lebensentstehungsprozess: Eine einfache Spende kann so tiefgreifende, positive Folgen für andere Menschen haben. Und wieso soll ich das keinem anderen ermöglichen, vor allem wenn es mir selbst so gut geht?“, fragt er. „Manche haben schon mit Ende Zwanzig viele Gebrechen. Mir fehlt nichts. Dieses Glück will ich teilen.“ Samenbanken sind für die meisten unfreiwillig kinderlosen Paare die letzte Anlaufstelle. Nicht, weil sie unbedingt ein eigenes, genetisch verwandtes Kind wollen, sondern weil Adoptionen in Deutschland ziemlich kompliziert sind. Vor allem, wenn es ein kleines Kind sein soll. Zudem ist eine donogene Insemination (DI), so heißt die künstliche Befruchtung, mit rund 600 Euro eine vergleichsweise günstige Methode, schwanger zu werden.

  Auch Ben will später Kinder. Dass diese eine Liebesbeziehung zu Halbgeschwistern aufbauen könnten beunruhigt ihn aber nicht. „Die Wahrscheinlichkeit, von einem Meteoriten erschlagen zu werden, wäre höher“, sagt er und lacht. Jetzt wo er seine erste Samenspende hinter sich hat, findet er, dass es eine absolut natürliche Angelegenheit ist: „Daran ist nichts Abgefahrenes oder Perverses. Es geht darum, Teil einer Sache zu sein“. Auch für die Mitarbeiterinnen sei das die normalste Sache der Welt. „Das Gefühl geben die drei Ladys einem auch.“ Und für ihn ist es Routine: „Ob ich das zu Hause, unter der Dusche, im Bett, vorm Rechner oder hier auf dem Klo mache, macht letztlich keinen Unterschied. Ich sitze ja nicht da und denke ständig an die Konsequenzen. Von daher hat es sich nie wie etwas angefühlt, wofür ich mich schämen müsste. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Dienstleister: Man macht das, gibt das ab und geht wieder heim.“ Und das Geld, gibt er am Ende doch zu, ist ein netter Nebeneffekt.



Text: vanessa-vu - Foto: Torben Schnieber

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