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Nach Pegida

Die Pegida-Bewegung ist tot? Vielleicht. Aber in Dresden spürt man noch immer die Nachwehen. Zum Beispiel an der TU: Wissenschaftler aus dem Ausland fühlen sich in der Stadt nicht mehr sicher. Und wollen gehen
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Einmal, als Amaniel Bus fahren wollte, haben ihn andere Fahrgäste am Einsteigen gehindert. Gar nicht unbedingt aggressiv, aber sie haben eben auch keinen Platz für ihn gemacht. Ein anderes Mal hat ihn eine Gruppe Männer verfolgt und angerempelt. "Es haben aber auch immer Leute etwas dagegen gesagt und mir geholfen", schiebt Amaniel schnell hinterher, und sowieso, vielleicht bilde er sich das auch nur ein. Er versucht, alles, was er erzählt, direkt zu relativieren. Weil er nicht schlecht über die Stadt sprechen möchte, die so lange sein Zuhause war. Aber Dresden ist eben einfach nicht mehr dasselbe für ihn, seit dort Pegida demonstriert. 

Amaniel ist Mitte 30 und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Dresden. Er stammt aus einem afrikanischen Land und lebt schon länger hier. Er möchte anonym bleiben, darum ist Amaniel auch nicht sein richtiger Name. Er will nicht, dass seine Freunde wissen, was er regelmäßig erlebt, damit sie sich keine Sorgen machen. Vor ihnen behauptet er immer, alles sei in Ordnung. Und er will seine Familie schützen, die mit ihm hier lebt.  

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Gehen oder bleiben? Wegen Pegida müssen sich ausländische Mitarbeiter der TU Dresden jetzt diese Frage stellen.

In Dresden gibt es immer noch ein Problem, das man eigentlich schon abgehakt hatte: Ausländer fühlen sich in der Stadt wegen der Pegida-Bewegung nicht mehr wohl. Das Problem ist so groß, dass der Rektor der TU, Hans Müller-Steinhagen, Mitte Mai während einer Pressekonferenz damit an die Öffentlichkeit ging. Mehrere Spitzenforscher hätten gedroht, die Universität wegen Pegida zu verlassen, sagte er. Konkrete Namen nannte er nicht, aber auch aus der Pressestelle der Uni wird bestätigt, dass es unter ausländischen Wissenschaftlern Befürchtungen gibt, in Dresden nicht sicher zu sein. Offiziell sei zwar noch niemand wegen Pegida gegangen – vielleicht habe das aber auch nur niemand öffentlich gemacht. Müller-Steinhagen sagte auch, "die verbale und physische Gewalt gegen ausländische und ausländisch aussehende Studenten " habe zugenommen und dass Uni und Stadt dagegen etwas tun müssen.    

Der Zeitpunkt dieses Eingeständnisses überrascht erst mal, weil Pegida doch schon so gut wir tot schien. Im Januar gingen 25 000 Menschen in Dresden gegen die "Islamisierung des Abendlandes" auf die Straße, heute sind es noch 2000. Der Pegida-Rest ist einer Studie der TU Dresden zufolge eher rechts orientiert und stark systemverdrossen – nach dem Motto "Die da oben hören uns nicht zu". Die Studie sagt allerdings auch: Pegida hat weiterhin Mobilisierungspotenzial, käme nur eine begabtere Persönlichkeit als der bisherige Anführer Lutz Bachmann an ihre Spitze. Und mit diesen potenziellen Pegida-Unterstützern, die man in der Öffentlichkeit und den Medien kaum noch wahrnimmt, haben Menschen wie Amaniel derzeit ein Problem. 

Eine Demonstrantin hat DJ erzählt, dass sie nur gegen den Rundfunkbeitrag auf die Straße geht – nicht gegen Ausländer

Wenn man ausländische Studenten und Wissenschaftler aus Dresden fragt, wie sie sich dort fühlen, beginnt und endet jedes Gespräch mit den positiven Seiten. Ein bisschen wie bei dem an Universitäten oft gelehrten "Sandwich-Feedback", bei dem man erst sagt, was alles toll ist, dann kritisiert, und am Ende noch einmal das Gute betont. Um beim Gegenüber ein gutes Gefühl zu hinterlassen.  

Siavash aus dem Iran erzählt darum zuerst, er habe für seinen PhD in Informatik unbedingt nach Dresden gewollt – "wegen des exzellenten Rufs". Die TU Dresden ist international hoch angesehen, sie gilt als die zweitbeste Technische Universität in Deutschland, nach der TU München. Siavash sagt auch, dass er sich von der Uni sehr unterstützt fühle und in der Stadt viele Freunde habe. Dipjyoti aus Indien, der einem direkt seinen Spitznamen "DJ" anbietet, erzählt von der tollen Arbeitsatmosphäre an der Uni. Seiner WG mit vielen Deutschen und den Ausflügen, die sie zusammen machen. Beide sagen, dass sie Dresden mögen und Deutschland für die Chance, hier forschen zu können, auf jeden Fall etwas zurückgeben möchten. Und dann, nach all dem Positiven, dem vielen Lob, kommt bei beiden das "Aber": 

Aber durch Pegida hat sich eben doch etwas für sie geändert. Sie beide haben sich die Pegida-Demonstrationen aus der Nähe angeschaut. Haben die Plakate gesehen, Geschichten von Freunden gehört, die in der Bahn belästigt wurden. DJ sagt, er habe sich von den Pegida-Leuten abgelehnt gefühlt, auch wenn er ihre Gesänge nicht verstanden habe. Dann relativiert er direkt wieder. Erzählt von einer Demonstrantin, mit der er sich unterhalten hat: "Die war eigentlich nur gegen den Rundfunkbeitrag und hat deshalb demonstriert. So denken sicher viele, nicht alle von denen hassen automatisch Ausländer." Aber manche halt schon. Auch Siavash erzählt, dass er sich mit Demonstranten unterhalten habe: "Die erkennen oft nicht auf den ersten Blick, dass ich Ausländer bin. Deshalb waren sie auch nicht direkt ablehnend und haben mit mir diskutiert, von ihrer Angst um ihren Arbeitsplatz erzählt."  


>>> Was die TU gegen Pegida tut und wieso sich Siavashs und DJs Familien Sorgen machen



Von Menschen, die optisch, zum Beispiel wegen ihrer Hautfarbe, eindeutiger als Ausländer auffallen, habe er hingegen auch bedrückende Geschichten gehört – von rassistischen Beleidigungen, von Frauen, die sexuell belästigt wurden. Siavash und DJ sind deshalb unsicher, wie es nach ihren Abschlüssen weitergehen soll. Sie würden schon in Deutschland arbeiten – aber auch in Dresden? Und was tun sie, wenn Pegida doch wieder erstarkt? "Nur, weil die Leute nicht mehr demonstrieren gehen, heißt das ja nicht, dass ihre Überzeugungen sich geändert haben", sagt DJ.  

Für den Forschungsstandort Dresden wäre es eine Katastrophe, wenn ausländische Mitarbeiter die Uni verlassen. Die Wissenschaft ist mittlerweile international und eine Uni, die da nicht mitzieht, ist schnell raus aus dem Wettbewerb. Die TU veranstaltet deshalb in ihrem Welcome-Center immer wieder Aktionen für die Studenten und Mitarbeiter, um aufzuklären und für eine bessere Stimmung zu sorgen. Es gab offizielle Uni-Statements, in denen dazu aufgerufen wurde, ein Zeichen gegen Pegida zu setzen und die Gegendemonstrationen zu besuchen. Wegen der Sprachbarriere sind sich viele ausländische Wissenschaftler auch unsicher, was Pegida eigentlich genau will, das Welcome-Center hat darum Workshops über Pegida angeboten, auf ausdrücklichen Wunsch von Gastwissenschaftlern und in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Mathematik und Naturwissenschaften. Die Teilnehmer konnten dort auch ihre Erfahrungen mit Rassismus austauschen. DJ findet das gut. Und will auch im Kleinen etwas tun. Er hat sich zum Beispiel angewöhnt, jeden Deutschen anzulächeln. Seine Freunde wollen im Gegenzug jeden Ausländer anlächeln, um zu sagen: "Ihr seid willkommen." 

"Ich liebe Dresden – aber ich will, dass wir sicher sind", sagt Amaniel

Die Familien und Freunde von DJ und Siavash sorgen sich trotzdem um die beiden. Pegida war bei ihnen Zuhause groß in den Medien, seitdem befürchten sie, dass Deutschland ausländerfeindlich ist. "Wenn in Deutschland etwas schlechtes über eine indische Stadt geschrieben wird, denkt ihr ja auch, das beträfe ganz Indien", sagt DJ. Er schreibt immer zurück, dass alles in Ordnung sei und Pegida ja auf dem Rückmarsch. Auch Siavash beruhigt seine Familie. Er wird Dresden nicht wegen Pegida verlassen, er liebt diese Stadt. Aber er sagt auch: "Wenn ausländische Kollegen mir erzählen, dass sie Deutschland wegen Pegida verlassen wollen, dann habe ich dafür schon Verständnis. Gerade, wenn man hier eine Familie gründen will, überlegt man sich schon zweimal, in was für einer Atmosphäre die Kinder aufwachsen sollen."  

Amaniel zum Beispiel hat Familie und macht sich deshalb Sorgen. Er spricht vor seinen Kindern nicht darüber, aber mit seiner Frau schon. Wie wollen sie weitermachen? Ist es ihnen die tolle Stadt Dresden, mit ihrer exzellenten Forschung und der guten Infrastruktur, wert, täglich darüber nachzudenken, ob ihre Kinder unbehelligt zur Schule gehen können? "Das ist eine große, schwierige Entscheidung", sagt Amaniel.  

Dabei hat er Pegida anfangs gar nicht ernst genommen: "Ich dachte, diese Menschen sind halt Patrioten, dass das nicht unbedingt etwas mit mir zu tun hat." Sein Deutsch ist nicht perfekt, darum hat er nicht alle Plakate und Gesänge verstanden, als er 2014 zum ersten Mal Pegida-Demonstranten sah. Aber er hatte danach das Gefühl, dass die Leute ihn mit seiner dunklen Hautfarbe auf einmal auf der Straße anschauten.  

Dann kam im Januar ein Flüchtling aus Eritrea in einem Asylbewerberheim zu Tode - eine Tat ohne ausländerfeindlichen Hintergrund, wie sich später herausstellte. Aber die Ungewissheit dahin war belastend, gleichzeitig war Pegida so stark wie noch nie. Amaniel bat seine Frau, Montagabend keine Einkäufe zu erledigen, er selbst versuchte, vor Demonstrationsbeginn Zuhause zu sein. Und dann gab es da diesen Vorfall vor dem Mediamarkt: Eine Gruppe Männer rempelte Amaniel an. Er blieb ruhig. Sie machten Affenlaute. Er sagte immer noch nichts. Irgendwann schritten Passanten ein. "Wäre das nicht gewesen und wären die Gegendemonstrationen gegen Pegida nicht so groß gewesen – ich weiß nicht, ob ich noch hier wäre", sagt Amaniel.  

Auch, wenn es wieder ruhiger um Pegida geworden ist – die Angst ist Amaniels Familie geblieben. "Ich liebe Dresden – aber ich will, dass wir sicher sind", sagt er wieder. Und am Ende hört man von ihm dann doch, was er die ganze Zeit versucht hat, nicht auszusprechen: Wenn er seinen Doktor fertig hat, wird er gehen. Zurück in sein Heimatland. Aber eines ist ihm klar: "Ich werde Dresden vermissen."

Text: charlotte-haunhorst - Illustration: Katharina Bitzl

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