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"Privat höre ich Stevie Wonder"

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Fabio Cataldi, 31, Künstlername Bass Sultan Hengzt, galt jahrelang als einer der härtesten Rapper Berlins. Diese Zeiten sind vorbei. Gerade ist er mit Sido auf Tour, diese Woche erscheint sein Album "Endlich erwachsen".

jetzt: Normalerweise gehen Musiker mit ihren Alben auf Tournee. Was macht man, wenn man keinen Song öffentlich aufführen darf?

Bass Sultan Hengzt: Eine EP war ja nicht indiziert, vier oder fünf Songs durfte ich also spielen. Aber klar, damit kannst du nicht auf Tour gehen. Ich hab tatsächlich 2010 das letzte Konzert in Deutschland gegeben. Seither hab ich nur in der Schweiz oder in Österreich gespielt, da sind die Alben nicht indiziert. Aber dort habe ich dann auch gemerkt: Die Jugendlichen nehmen sich viel zu sehr zu Herzen, was ich damals gerappt habe!

Was meinst du damit?

Wenn ich nach einem Konzert Autogramme gab, habe ich immer öfter gemerkt, dass manche meiner Fans wirklich denken, dass ich Frauen hasse. Und die fanden mich deshalb gut! Neben den vielen netten Leuten standen da teilweise schlimm gewaltbereite Typen vor mir. Und deren Vorbild war ich!

Hattest du ein schlechtes Gewissen?

Und wie. Diese Typen hatten kein bisschen gepeilt, dass das mein Humor ist. Das war schlimm.

Den Humor haben auch andere nicht verstanden, deine Texte wurden als gewaltverherrlichend eingestuft.

Das klingt seltsam, aber das war Battle-Rap, da war das normal. Und ich habe ja nicht nur prollige Dinge gesagt wie "ich ficke deine Mutter". Nein, ich verliere auch noch gegen sie im Armdrücken! Solche Sprüche waren natürlich lustig gemeint, Battle-Rap ist ja im Grunde ein Spiel, bei dem du einen anderen Rapper möglichst kreativ beleidigst, wir haben uns totgelacht im Studio über die absurdesten Zeilen! Und ich hab schließlich nicht nur so harte Songs gemacht. Bloß reden alle immer über die indizierten.

Die haben deiner Glaubwürdigkeit nicht geschadet, oder?

Klar, damals hab ich mich geil gefühlt, wenn wieder ein Brief von der Bundesprüfstelle kam und ein Song auf dem Index landete. Und die Fans wollten natürlich genau die verbotenen Platten unbedingt haben. Bloß konnte ich so kein Geld mehr mit meiner Musik verdienen.

Schlimm, wenn dein neues Album auch indiziert wird?

Klar, aber das wird es bestimmt nicht. Ich hab aus meinen Fehlern gelernt. Ich bin in den letzten vier Jahren sehr viel reifer geworden, ich habe eine Tochter. Was ich vor zehn Jahren gerappt habe, hat mit dem neuen Album nichts mehr zu tun. Ich mache keine Prollscheiße mehr.

Gleich der zweite Refrain geht so: "Mann, komm fick dich, denn es bringt nichts, all diese Ausdrücke sind nicht witzig. Ich find’s unter aller Sau, komm lass die Mutter da raus." Versteht die Bundesprüfstelle die Ironie?

Das hoffe ich! Ich hab kürzlich bei denen angerufen und die neue Platte angekündigt, die klangen sehr nett.

Es gibt ein Video von dem Anruf: Du sagst, auf dem Album komme zwölf mal "Ficken" und drei mal "Arschloch" vor, ob das denn okay sei.

Ich wollte denen zeigen, dass ich ein netter Typ bin, mit dem man reden kann. Das letzte Mal wollten sie einen meiner Songs indizieren, weil darin ein Chef mit seiner Sekretärin Sex auf dem Schreibtisch hat. Das fand ich kleinlich.

Dein neues Album klingt reif, es ist sehr melodisch und aufwändig instrumental produziert. Deine Battle-Rap-Zeiten sind offenbar tatsächlich vorbei. Nehmen dich die Fans von früher noch ernst?

Es gab am Anfang schon fiesen Gegenwind, weil ich angeblich nicht mehr "real" sei. Aber diejenigen, die immer noch die Musik von vor zehn Jahren von mir erwarten, sind mir egal. Wenn die mir vorwerfen, Pop zu machen, finde ich das geil. Wenn für jemanden allen Ernstes "Pop" eine Beleidigung ist, soll er mich in Ruhe lassen. Gangsta Rap verkauft sich zur Zeit wie blöd. Wenn ich auf der Schiene weiterfahren würde, könnte ich sehr viel Erfolg haben. Aber das wäre nicht authentisch. Ich hab mich eben weiterentwickelt, das verstehe ich unter "real".

Du sagst, du wolltest endlich mal ein "musikalisches" Album machen. Was meinst du damit?

Ich habe eine Platte gemacht, die nicht auf das Genre Hip-Hop begrenzt ist wie früher. Ich höre privat ja gar keinen Hip-Hop – ich liebe Rock, Nirvana, Stevie Wonder. Ich wollte die Songs nicht wie früher in ein paar Stunden im Studio zusammenbasteln, sondern Wochen und Monate daran herumfeilen, mit neuen Produzenten. Das bedeutet für mich Musik machen!

Warum hast du nicht schon früher so gearbeitet?

Aus Gruppenzwang! Meine Freunde waren ja alle auf dem Hip-Hop-Film, da musste ich mitziehen. Wir haben am Computer Beats zusammengesampled, ein paar Streicher auf die Hook gelegt, den Text geschrieben und das war’s. Schon mit einer Gitarre hätte ich mich da lächerlich gemacht! Diesmal haben wir wochenlang Bläser, Geigen und Schlagzeug live eingespielt. Ich singe auf dem Album sogar! Früher hab ich mich nicht mal getraut, zu sagen, dass ich Metallica höre.  

Foto: Adam Klik

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