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Retro für zehn Cent

Sie gehören überall noch zum Stadtbild, wer aber nutzt sie wirklich? Eine Langzeit-Beobachtung am Kaugummiautomaten
simon-hurtz

Ich krame im Portemonnaie, werfe eine Münze in den schmalen Schlitz und drehe den Hartplastikgriff zweimal im Uhrzeigersinn. Lautes Rattern und Scheppern. Ungeduldig öffne ich den klapprigen Deckel vor dem Ausgabeschacht und entnehme eine giftgrüne Kugel. Die wenig vertrauenserweckende Qualität des Inhalts lässt mich erstmal an meiner Idee zweifeln. Aber Kneifen gilt nicht, also Augen zu, Mund auf und rein damit. Sofort fühle ich mich anderthalb Jahrzehnte zurück in meine Kindheit versetzt. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und trotzdem stand direkt vor meiner Haustüre ein roter Kaugummiautomat. Sehe ich heute irgendwo einen dieser Blechkästen, werden sofort Erinnerungen wach. Wie ich mit meinem damals besten Freund überlegte, ob man nicht ein kleines bisschen nachhelfen könnte, um kostenlos an den begehrten Inhalt zu kommen. Wie vorzüglich sich der Süßwarenspender als Kletterhilfe eignete, um an die Obstbäume in Nachbars Garten zu gelangen. Das Komische ist: Diesen Kaugummiautomaten von damals gibt es heute immer noch. Nicht nur vor meiner Haustüre. Wer genau hinsieht, findet die knallroten Kisten an vielen Ecken Münchens.

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onloads[onloads.length] = makeImageLightbox; var myLightbox = null; function makeImageLightbox() { myLightbox = new JetztImageLightbox(); } BildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBild Mit einem Klick auf das Bild vergrößerst du es.(Wenn du auf das Bild klickst, geht die Kaugummiautomaten-Galerie los.) Auf 300 000 bis 800 000 Stück schätzen die zuständigen Unternehmen die Anzahl der verbliebenen Geräte deutschlandweit. Offizielle Statistiken sind Mangelware, niemand außer mir scheint sich so recht dafür zu interessieren. Ich will wissen, ob die bunten 15-Millimeter-Standardkugeln überhaupt noch eine Zukunft haben im Zeitalter von zahnfreundlichen und zuckerfreien Kaugummis? Füttert eigentlich noch irgendjemand die Automaten mit seinem Kleingeld und freut sich über das Knirschen des Zahnrades, das Rollen der Kugel, das Klicken beim Anschlagen an die Klappe? Wer macht das noch? Zwölf Stunden auf Beobachtungsposten sollten hinreichende Antworten auf diese Fragen geben. Frühmorgens an einer Nebenstraßenkreuzung in Obergiesing. Raureif, Atemwölkchen, Vorweihnachtsstimmung. Ich fröstele. Nur wenige Autos sind unterwegs, kaum Passanten. Eine ältere Dame führt ihren Rauhaardackel spazieren, der den Automaten neugierig beschnuppert. Dann kommen endlich die ersten Schulkinder, doch der Automat bleibt unangetastet. Eine Nachzüglerin hastet noch vorbei, schaut hektisch auf ihre Uhr und würdigt den Automaten keines Blickes. In der nächsten halben Stunde tauchen noch zwei Jogger, eine Nordic-Walking-Gruppe und etliche Fahrradfahrer auf, aber der heutige Kaugummiumsatz an diesem Gerät stagniert weiterhin. Um die Ecke kommt ein Mann geschlendert, mittleres Alter, Arbeiterkleidung. Er zückt seinen Geldbeutel – ein Kaugummikäufer? – und zieht sich am wenige Schritte entfernt montierten Zigarettenautomaten eine Packung. Eine Kippe zwischen den Lippen kramt er erneut in seiner Hosentasche und sperrt den kleinen Getränkeladen auf, dessen Eingangstüre direkt zwischen den beiden Automaten liegt. Ich gehe auf ihn zu: „Entschuldigen Sie, kauft hier eigentlich irgendjemand Kaugummis?“ „Fast nie,“ antwortet er. „War früher aber mal anders. Als du noch klein warst, da kamen schon manchmal Kinder. Weiß gar nicht, ob die Blechkiste noch funktioniert. Hat die überhaupt mal jemand geleert?“ Ich erkläre ihm mein Vorhaben, woraufhin er mir zum Standortwechsel rät und noch einen leeren Bierkasten als provisorische Sitzgelegenheit anbietet. Pfandfrei zum Mitnehmen! Mitleid? Dankend lehne ich ab – mir ist auch stehend schon kalt genug – und mache mich auf die Suche nach umsatzträchtigeren Automaten. Kurz nach Einführung der D-Mark hielten die Kaugummiautomaten in Nachkriegsdeutschland Einzug. Seit die amerikanischen GIs ihr Grundnahrungsmittel mit über den Atlantik brachten, hat sich erstaunlich wenig an den Apparaten verändert. Optik und Funktionsweise sind gleich geblieben, der technische Fortschritt eines halben Jahrhunderts ist den heutigen Geräten kaum anzumerken. Anhand der Kaugummiautomaten-Dichte ließe sich vermutlich eine treffliche Sozialstudie der Bundesrepublik erstellen: Je nobler die Umgebung, desto schlechter stehen die Chancen, einen Automaten zu erblicken. Ob Giesing oder Milbertshofen, Westend oder Schlachthofviertel, lange suchen muss man hier nicht. Ich finde vier Geräte, drei davon sind aber lediglich rostige Gerippe mit gesplitterten Glasscheiben, die inhalts- und funktionslos vor sich hinvegetieren, zweckentfremdet als Urinal, Mülleimer oder Litfaßsäule. Ein Einziger scheint intakt und hängt obendrein direkt gegenüber einer Bäckerei, in der ich an einem Bistrotisch Lauerstellung beziehe. Schon nach wenigen Minuten kommen zwei Kinder im Grundschulalter vorbei und füttern den Automaten mit Kleingeld. Nichts passiert, sie drehen energischer am Griff, rütteln heftig am Gerät. Böse Blicke, ein frustrierter Fußtritt. „Scheißteil!“ Die beiden Kinder trollen sich enttäuscht, während ich meine Suche fortsetze. In Schwabing umstehen drei Jugendliche einen etwas abgelegen hängenden Apparat, verziehen sich aber eilig, als ich sie ansprechen will. Geld haben auch sie keines hinterlassen, dafür aber ihre Meinung über Bushido, die jetzt nicht ganz jugendfrei über der Werbung für die „Gourmet Flavoured Sunshine Bubble Gums“ prangt. Einige Straßen weiter beobachte ich ein kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter, die einen Automaten mit großen Augen mustert, von ihrer Mama aber rasch weitergezogen wird. Das wirklich Interessante am Kaugummiautomaten war eigentlich nie die Extraration Zucker im Vorbeigehen. Nein, ich verbinde mit den rostigen roten Kästen etwas ganz Anderes: Lotto für Kinder. Wer sein Sparschwein plünderte, der konnte sich für eine halbe Mark in die verruchte Erwachsenenwelt des Glücksspiels begeben. Fernab der strengen Elternaugen das eigene „Vermögen“ ausgeben, so musste sich Freiheit anfühlen. Wer dreht, gewinnt: Selbst die begehrten Extras der Mickey-Maus-Hefte verblassten angesichts von Hauptgewinnen wie Flummis oder Mini-Taschenmesser. Doch leider waren diese Objekte der Begierde gut versteckt inmitten unzähliger öder Schlüsselanhänger und nutzloser Plastikringe – wer will dem netten Mädchen aus der Parallelklasse denn jeden Tag einen Verlobungsantrag machen? Angeblich noch rund 6 000 Automatenaufsteller teilen heutzutage den Markt unter sich auf, doch ein Großteil der Firmen hat inzwischen umgesattelt und setzt lieber auf Nikotinsucht und Verhütungsbedarf der kaufkräftigeren, erwachsenen Kundschaft. Neugeräte werden schon lange nicht mehr aufgestellt, sondern lediglich die Restbestände verwaltet. Zwar kam nach dem Mauerfall noch einmal Hoffnung auf, denn Ostdeutschland war bis dato kaugummiautomatenfreie Zone und der neue Absatzmarkt ließ die Umsätze steigen, inzwischen ist das Geschäft mit den harten Kugeln aber längst wieder auf dem nicht minder harten Boden der Tatsachen angekommen. Und was mahnende Gesundheitsapolegeten und mutwillige Randalierer nicht vermocht hatten, das erledigten unsere Notenbanken mit links: Spätestens seit der Euro-Einführung hat das große Kaugummiautomatensterben begonnen, denn die kostspielige Umrüstung gab vielen Betreibern den Rest. Aber voreilige Nachrufe wurden auch schon auf Afri-Cola und Ahoi-Brause, Lavalampen und Schallplatten verfasst. Totgesagte leben länger und die Retrowelle hat längst auch auf die Spender der klebrigen Süßwaren übergegriffen. Etliche Fotoausstellungen, schwankend zwischen kokettierender Selbstironie und nostalgischer Wehmut, setzen die Nischenobjekte in Szene. Auch die enthaltenen Gimmicks erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, zum Beispiel als Gegenstand moderner Kunstinstallationen oder finden als Briefmarkenersatz Verwendung bei Sammelfreunden. Eigentlich kein schlechtes Schicksal für einen roten Blechkasten, der für zehn Cent eine Kugel aus Zucker, Dextrose, Glukosesirup, Kaumasse, Geliermittel, Überzugsmittel, Antioxydationsmittel, Maisstärke, Aroma und den Farbstoffen E102, E129, E133, E171 ausspuckt. Langsam wird es dunkel und ich ziehe Bilanz: Habe ich einfach nur einen schlechten Tag erwischt und war immer zur falschen Zeit am falschen Ort? Wirkt sich meine Anwesenheit vielleicht abschreckend auf potenzielle Kaugummikäufer aus? Ein Euro und 70 Cent in zwölf Stunden – zumindest weiß ich jetzt, dass ich in diesem Leben kein Kaugummiautomatenbetreiber mehr werde. Aber halt, wie heißt es doch: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben? Und auch nicht vor dem nächsten Morgen! Denn tags drauf steht da doch ein junges Pärchen vor „meinem“ Automaten und erweckt tatsächlich den Anschein, diesen gleich mit Kleingeld füttern zu wollen. „Was macht ihr da?,“ frage ich: „Wollt ihr Kaugummis kaufen?“ „Nein, ich will meiner Freundin einen Ring schenken, das hab ich ihr versprochen.“ „Genau,“ sagt das Mädchen mit leuchtenden Augen, „wie bei einer Verlobung. Voll süß, oder?“ Irgendwie schon.

Text: simon-hurtz - Fotos: Juri Gottschall

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