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Universität? Unbedingt!

Zwölf Münchner Studenten haben zusammen zwei Bücher herausgegeben, die sich mit der Universität der Zukunft beschäftigen
hannes-kerber

Als ob das Protest wäre. Jeden Mittwochabend, nach dem Ende der Vorlesungen, trifft sich eine Gruppe von Studenten in der Bibliothek an der Ecke Schelling- zur Ludwigstraße, um gemeinsam Texte zu lesen - derzeit Hegels Phänomenologie des Geistes. Die zwölf Studenten haben im November des letzten Jahres zusammengefunden. Während Hunderte Kommilitonen im Kampf gegen die Bologna-Reformen das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität besetzten, zog sich die Gruppe in die Bibliotheken zurück. „Mich haben die Formen des Studentenprotests manchmal befremdet“, sagt Johanna-Charlotte, 24, eine aus der Gruppe, die vom besetzten Hörsaal zurück an die Schreibtische ging. „Ich wollte verstehen, was passiert, bevor ich Forderungen aufstellen konnte.“ Soeben – sechs Monate nach der Räumung des besetzten Audimax durch die Polizei – sind bei dem Züricher Verlag diaphanes zwei Bücher erschienen, die von der Gruppe, zu der Johanna-Charlotte gehört, herausgegeben wurden. In den letzten Monaten haben die zwölf Studenten die ersten beiden Bände der Reihe „Unbedingte Universitäten“ geschaffen: einen Band mit klassischen Aufsätzen zum Konzept von Universität und Bildung, wie es etwa von Theodor W. Adorno, Wilhelm von Humboldt oder dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund in den letzten zweihundert Jahren gedacht wurde, und einen zweiten Band mit aktuellen Essays von Ulrich Beck, Judith Butler, Plínio Prado und anderen Intellektuellen, die auf die Geschehnisse der letzten Monate an den Hochschulen reflektieren. Beide Bücher - das erste trägt den Titel „Was ist Universität? Texte und Positionen zu einer Idee“ und das zweite „Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität“ – sind mehrere hundert Seiten schwer. „Die Besetzung hat viele Fragen aufgeworfen – wir mussten über diese Frage diskutieren und uns klar werden, um was es eigentlich geht“, sagt Johanna-Charlotte, die gerade ihre Magisterarbeit über Jacques Derrida, Franz Kafka und Walter Benjamin schreibt. Die Studenten, die zwischen 23 und 26 Jahre alt sind, haben deshalb Ende November des letzten Jahres zusammen mit zwei Dozenten das offene Seminar gegründet, das sich bis heute mittwochabends trifft. Die erste Lektüre war die nur fünfseitige „Bologna Erklärung“, die im Juni 1999 von den europäischen Bildungsministern verabschiedet wurde. Sie hat einen Reform-Prozess eingeleitet, der innerhalb von zehn Jahren die deutschen Universitäten tiefgreifend verändert hat und gegen den sich der Protest der Studenten im letzten Jahr richtete. Die wichtigsten Änderungen waren die Einführung des Bachelor- und Mastersystems, die Bewertung der studentischen Leistungen durch Credit Points und die Modularisierung der Studiengänge. „Die Lektüre der Bologna-Erklärung hat uns gezeigt, dass nicht die Umsetzung schlecht ist, sondern die Idee, die hinter der Reform steht“, sagt Regina, 25, eine der anderen Herausgeberinnen, die gerade ihren Master in Komparatistik macht. „Das, was Universität einmal war, wurde durch Bologna unmöglich gemacht – die Frage ist nun: Was ist die Universität, die wir wollen?“ Die Frage nach der Zukunft der Universität bewegte sie, Ende November des letzten Jahres das Angebot des Verlages anzunehmen – und unbezahlt in nächtelangen Sitzungen über die Autoren anzuschreiben, Rechte zu sichern, die Auswahl der Texte zu diskutieren, fremdsprachige Beiträge zu übersetzen und Druckfahnen Korrektur zu lesen. Dass es für die Gruppe nicht immer einfach war, Kompromisse zu schließen, sieht man den Büchern an: Der erste Band hat noch ein gemeinsam verfasstes Vorwort – für den zweiten gibt es zehn mit Namen gekennzeichnete Kurzvorworte. „Es war harte Arbeit“, sagt Johanna-Charlotte. „Aber es ist schön, jetzt die Bücher in den Händen zu halten.“

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Die zwölf Studenten sind zu Beginn kaum über die Diskussion der Bedeutung von Bildung, von Wissen und von Exzellenz hinausgelangt. Über die Diskussion von Begriffen also, die von den protestierenden Studenten genauso wie von den europäischen Bildungsministern gebraucht werden, um daraus sich jeweils widersprechende Forderungen abzuleiten. Die Bücher wollen nun, wie die Herausgeber schreiben, das „Rüstzeug, Anregung und Anstoß sein für die zwingende Notwendigkeit der (Selbst-)Positionierung“. Die Zusammenstellung der Positionen soll das Nachdenken über diese Idee ermöglichen, ohne die Idee selbst ausdrücklich darzulegen. Statt konkreter Forderungen im Namen der Herausgeber finden sich deshalb in den Vorworten viele offene Fragen: Worum geht es den Studenten? Wessen Uni? Wie lässt sich der Protest fortführen, nachdem Landtage und Staatskanzleien die Studentenbewegung entpolitisiert haben? Was ist Politik? Der reflektierenden und vorbereitenden Haltung der beiden Bände kann man die Eigentümlichkeit der neuen Form des Protests ablesen. Es geht nicht um Protest durch effektives Vertreten bestimmter Forderungen, sondern um Protest durch Nachdenken über den Protest. „Wir wollen den Widerstand gegen Bologna in den Alltag des Studiums tragen und nicht bloß die Sprache und Gestik unserer Eltern wiederholen“, sagt Johanna-Charlotte. „Achtundsechzig war für uns eine Referenz, aber immer auch ein Problem.“ Der Unterschied zwischen der Studentenbewegung der Sechziger und Siebziger Jahre und der Gruppe der Münchner Studenten schlägt sich deshalb auch in der Sprache nieder: Das berühmte Pamphlet „Schafft die Germanistik ab!“ der Basisgruppe des Walter-Benjamin-Instituts, die sich im Wintersemester 1967/68 am Institut für Germanistik der Goethe-Universität in Frankfurt bildete, antwortete in appellierendem Ton auf die Frage „Was tun?“ Vielleicht ist dieser Text deswegen in den Band der „Unbedingten Universitäten“ nicht aufgenommen worden. 1968 störte die Frankfurter Basisgruppe durch sogenannte Gegenpolemik systematisch Vorlesungen, um gegen die von ihnen diagnostizierte „Anpassungsprozedur“ der Wissenschaft an die „Ideologie einer Gesellschaft der Restauration ohne Revolution“ Widerstand zu leisten. „Vielleicht hätten wir Achtundsechzig dasselbe gemacht wie die Frankfurter Basisgruppe“, sagt Regina. „Aber man kann heute eine gerechtere Gesellschaft und eine bessere Universität nicht mehr auf dieselbe Art fordern wie vor vierzig Jahren.“ Die Gruppe der Münchner Studenten leistet keinen Widerstand in Vorlesungen. Zu zwölft haben sie zwei Bücher gemacht, um den Protest von den besetzten Hörsälen in den Alltag der Studenten zu bringen. Außerdem lesen sie Hegel. Jeden Mittwoch, aus Protest. "Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität" und "Was ist Universität? Texte und Positionen zu einer Idee", herausgegeben in der Reihe „Unbedingte Universitäten“ von einem Kollektiv Münchner Studenten (Johanna-Charlotte Horst, Johannes Kagerer, Regina Karl, Vera Kaulbarsch, Johannes Kleinbeck, Elias Kreuzmair, Anouk Luhn, Adrian Renner, Anna Sailer, Tillmann Severin, Hanna Sohns und Jennifer Sréter). diaphanes (Zürich) 2010. Jeweils 17 Euro 50.

Text: hannes-kerber - Foto: Juri Gottschall

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