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Münchner Jodler wartet Stunden vor der Tür seiner Freundin

Und die Jodel-Community wird zu seinem besten Freund in diesem Beziehungsdrama.
Von Katharina Mau

Ein Typ steht vor dem Haus seiner Freundin. Sie macht ihm nicht auf. Er hat sie aber gehört, weiß, dass sie daheim ist und harrt nun vor ihrem Haus aus. Diese Situation ist eine ziemlich blöde und er ziemlich ratlos, und weil er grade so in der Luft hängt, schreibt er genau das in die App, die für solche Situationen perfekt ist: Jodel. In diesem Moment weiß er noch nicht, dass sich aus diesem kurzen Eintrag innerhalb der folgenden neun Stunden ein Live-Drama entwickeln wird, das sich keine Netflix-Drehbuchschreiber schöner hätten ausdenken können. Und dass er diese sehr bewegenden Stunden mit mehreren Hundert, wenn nicht Tausenden Menschen teilen wird, die seine Geschichte an ihr Smartphone fesselt. 

 

Kurzer Einschub für die, die Jodel nicht kennen (alle anderen den Absatz einfach überspringen): Mit der App kann jeder anonym und ohne Benutzerkonto Beiträge, genannt Jodel, posten. Bedeutet auch: Ob eine Geschichte so stattgefunden hat, kann nicht überprüft werden. Diese Jodel erscheinen im Feed der anderen Nutzer aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Sie können dann hoch- oder runtergevotet werden, außerdem kann man einen Jodel kommentieren. Das haben die Nutzer auch in diesem Fall getan. Sie verfolgten gebannt die Geschichte, gaben in mehr als 2300 Kommentaren Ratschläge und bekundeten ihr Mitleid.

Auf der Facebook-Seite „Best of Jodel München“ hat sich jemand die Mühe gemacht, die Kommentare zu immer noch fast 150 Screenshots zusammenzufassen. Hier die Geschichte im Schnelldurchlauf:

 

Los geht es mit diesem Beitrag:

  • Jodel

Die einhellige Anwort: Warten! Und die Freundin dazu bewegen, die Tür aufzumachen. Zum Beispiel so: „Spiel Pizzabote. Niemand kann Pizza widerstehen.“ Er steht vor ihrer Tür und klingelt im Zwei-Minuten-Takt. Außerdem erhärtet sich ein Verdacht: Der Typ, mit dem sie geschlafen hat, ist noch in der Wohnung.

Die Freundin ruft aus dem Fenster, dass er bitte gehen soll. Er will aber wissen, ob sie ihn wirklich betrogen hat – und mit wem. Immerhin wartet er inzwischen nicht mehr allein. Ein Freund leistet ihm Beistand. Auch der versucht, die Freundin dazu zu bringen, die Tür aufzumachen. Vergeblich. Er vermutet, dass er den Typen, der da in der Wohnung sitzt, persönlich kennt. Sonst könnte der ja einfach herauskommen. Die Jodel-Community schickt aufmunternde Kommentare. Und würde dem armen Wartenden am liebsten sofort tatkräftig zur Seite stehen.

Die Mitfühlenden wollen Bier und Essen vorbeibringen und wie ein Simpsons-Lynchmob gleich die Wohnung der Freundin stürmen. Hier zahlt es sich aus, dass die Beiträge auf Jodel anonym sind: Vor welchem Haus er steht, möchte der Betrogene nicht verraten und die anderen Nutzer können es auch nicht herauskriegen. "OJ" steht übrigens für Original Jodler. Wenn der Verfasser eine Antwort zu seinem eigenen Jodel postet, wird die mit OJ markiert.

Der Betrogene wird immer verzweifelter. Die Ungewissheit nagt an ihm, seine Beziehung dauert immerhin schon vier Jahre, jetzt könnte sie plötzlich auf grausame Art ein Ende finden. Die Geschichte fesselt auch die Jodel-Community. Einer schreibt: "Ich habe einen Arzttermin abgesagt, um nichts zu verpassen." Ein anderer: "Kann bitte bald was passieren? Ich hab um zwei ein Vorstellungsgespräch. Das ist Folter." Weil sie nicht persönlich anrücken können, empfehlen die Jodler, die Übeltäter auszuhungern. Sie könnten der Belagerung doch nicht ewig standhalten.

Dann, nach Stunden, endlich: Ein Typ verlässt die Wohnung. Es ist tatsächlich ein Arbeitskollege des Betrogenen, der dessen Freundin auf einem Sommerfest kennengelernt hat. Besser könnte es in keiner Soap gescripted sein. Spätestens jetzt hat der Betrogene das uneingeschränkte Mitgefühl der Jodler gewonnen, vor allem der weiblichen. Es hagelt Kuss-Smiley, Herzen und eindeutige Angebote.

Was aber lange nicht klar ist: Wie geht's jetzt weiter? Am Abend erklärt sich die Freundin zu einem Gespräch bereit, allerdings nicht sofort. Er fährt erst einmal nach Hause, um sich später mit ihr zu treffen. "Gibts ein Update, nachdem ihr euch getroffen habt? #kannsonstnichtschlafen", fragt jemand.

 

Das Update gibt es sogar während des Gesprächs, die Jodel-Community ist jetzt so etwas wie ein guter Freund, den er live in der Hosentasche dabei hat. "Ich musste jetzt kurz alleine rausgehen, hab das gerade nicht mehr ausgehalten" schreibt er.

Vier Jahre Beziehung enden mit dem klärenden Gespräch und viel Anteilnahme von den Münchner Jodlern. Die haben auch schon Zukunftspläne für den "Original Jodler".

Eine Jodel-Familie also. Naja, nach diesem Drama erscheint einem sogar das nicht mehr ganz unrealistisch. 

 

 

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