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Mädchen, was ist das mit euch und eurem Horoskop?

Lohnt es sich, da einzusteigen?
Von Kolja Haaf und Charlotte Haunhorst
  • Esoterik
    froodmat / photocase.com

Die Jungsfrage:

 

Vor einiger Zeit habe ich aus Gründen der Selbstachtung aufgehört, zu diesen 7€ -Trockenschnitt-Friseuren zu gehen, die fast ausschließlich von Studenten oder anderen knauserigen und stillosen Männern genutzt werden. Und weil das Klientel bei meinen neuen 12€-Friseuren geschlechtermäßig relativ ausgewogen ist, liegen da außer der ADAC-Motorwelt auf dem kleinen Tischchen im Wartebereich jetzt auch immer diese abgegriffenen bunten Wohlfühlmagazine mit weiblichen Vornamen. Ganz selbstverständlich ist hinten drin ein Horoskop. Weil Frauen ja schließlich ihr Horoskop brauchen. Oder wie?

 

Sicher, ihr könnt nichts dafür, dass es diese tratschigen Formate gibt, die suggerieren, dass sich das weibliche Weltbild ausschließlich um Royals, Rezepte für Kürbisauflauf und Alltagsesoterik dreht. Genauso wie wir nichts für „GQ“ können.

 

Und keine Frage - ihr lest diese Magazine nicht und wenn, dann mit einem überheblichen Lächeln, so wie wir eben bei der „GQ“. Trotzdem scheint es da bei euch manchmal ein verstohlenes Interesse an Dingen wie Sternzeichen und Aszendenten (ist das dasselbe?) zu geben.

 

Und auch wenn dieses Interesse deutlich von euch als Albernheit gekennzeichnet wird und ihr euch über die lustig macht, die ernsthaft daran glauben - es scheint euch mehr zu beschäftigen als uns. Wir kennen, wenn’s hoch kommt, vielleicht unser eigenes Sternzeichen und wissen aufgrund eines Hanges zu plumper Schulhofkomik, wer von unseren Freunden „Jungfrau“ ist. Auf euch scheint Astrologie hingegen eine gewisse Faszination auszuüben. Und zwar besonders wenn es um Fragen romantischer Kompatibilität geht. Wer mit wem aszendiert. Ob Zwillinge mit einem Steinbock ein erfülltes Sexleben haben können (was ich ganz intuitiv bejahen würde).

 

Und nur um noch mal, bei aller ungerechten Verallgemeinerungstendenz, eine mögliche Berechtigung dieser Jungsfrage zu prüfen, habe ich bei Google „Horoskop heute“ eingegeben. Erster Treffer: wunderweib.de. Es scheint also zumindest einen vagen Zusammenhang von Geschlecht und Astrologie zu geben.

 

Obwohl ich zugeben muss, selbst auch ein bisschen von der Treffsicherheit meines Horoskops (Wassermann) beeindruckt gewesen zu sein: „Mein guter Rat: Wenn der Neumond im Skorpion steht, dann bildet er ja ein Quadrat zu Ihnen. Deshalb sollten Sie jetzt ganz besonders auf Ihre Gesundheit aufpassen. Achten Sie auf Ihre Ernährung, treiben Sie mehr Sport. Vor allem Bewegung an frischer Luft wäre für Sie wichtig. Die Natur ist Ihre Kraftquelle, die Eindrücke sind wie Balsam für Ihre Seele.“

 

Ich fühlte mich ertappt. Denn meinen Balsam habe ich mir (trotz eines Paares überteuerter neuer Laufschuhe, mit dem sich alles ändern sollte) tatsächlich schon lange nicht mehr abgeholt. Ganz immun gegen personalisierte Schicksalsmystik scheinen wir also auch nicht zu sein.

 

Was ich trotzdem nicht verstehe: Bei all dem wirren Content, den die

Menschheit sich so im Laufe der Zeit aus den Fingern gezogen hat - wieso hat sich gerade die Annahme gehalten, dass ein paar gleichgültige Erdklumpen, die mehr oder weniger in der Nähe der Erde im All herumdümpeln, entscheiden, dass ich mich mehr an

der frischen Luft bewegen soll? Was geht in jemandem vor, der unter sein Tinderprofil „Reisen, gutes Essen, ein bisschen verrückt ;) Waage.“ schreibt? Hat euch als kleines Mädchen eine schrumplige Wahrsagerin beiseite genommen und Klartext geredet? Liegt es an einem postmodernen Sinnesvakuum, das gefüllt werden soll? Oder handelt es sich wie so oft um eine haltlose Unterstellung, die uns Männern gelegen kommt, um uns in unserem Selbstverständnis als Fackelträger der Vernunft zu bestärken?

 

Bitte um Antwort, sobald die Sterne günstig stehen.

Die Mädchenantwort:

  • maedchenfrage

 

Liebe Jungs,

 

natürlich erst mal selber das aktuelle Horoskop auf wunderweib.de gelesen. Musste dafür allerdings sehr viel Nagellack-Werbung wegklicken, was schon mal dafür spricht: Das alles ist eher für Frauen gemacht. Die gute Nachricht: Die Liebe lacht mich an (ich bin Löwe). Die schlechte: Uranus und Mars im Quadrat (wie soll das gehen?) pushen mich, aber manchmal auch zu viel. Dann stolpere ich – oder so ähnlich. Kann natürlich schon stimmen, ich arbeite derzeit viel, da macht man mal Fehler. Und habe ich nicht neulich noch gemeckert, das wird mir gerade alles zu viel? Krass wie ein Horoskop das so vorauss… Wobei - AM MITTWOCH SOLL MICH DIE LIEBE ANLACHEN? Der Mittwoch war der beschissenste Tag der Woche. So ein Quatsch, diese Horoskope.

 

Allein die Tatsache, dass ich trotzdem darüber nachgedacht habe, beweist natürlich, dass ich für Astro-Quark zumindest ein bisschen anfällig bin. Diese Sache mit dem Aszendenten hat irgendwas mit "aufziehenden Grad des Tierkreises" zu tun und man berechnet ihn mithilfe von Geburtsdatum und -uhrzeit. Für diese Information musste ich übrigens auch auf eine Seite namens frauenzimmer gehen. Was er genau bedeutet, habe ich nie verstanden, aber irgendeine Freundin hat das mal für mich ausgerechnet und danach einen sehr widersprüchlichen Charakter in mir festgemacht. Und, Moment mal, den Satz „Du bist aber wirklich kein typischer Löwe“ habe ich auch schon oft gehört - von Frauen! Die älteren Menschen in meinem Umfeld, die gerne bei Kartenlegern im Fernsehen anrufen und so ihre Rente langsam auflösen? Frauen. Die Handleser auf Jahrmärkten? Frauen. Menschen, die an Engel glauben und versuchen mit ihnen zu sprechen? Frauen. Argh. Wo kommt das her? Das weibliche Gehirn ist ja nicht per se esoterischer angelegt als das männliche. Zumindest habe ich dazu keine belastbaren Studien gefunden. Das lässt eigentlich nur zwei Schlussfolgerungen zu:

 

Schlussfolgerung eins: Wir sind halt einfach tiefgehender als ihr. Interessieren uns mehr für den Sinn des Lebens und sind, im Gegensatz zu euren eindimensionalen Hirnen, die nur wahrnehmen was sie sehen, offen für das Übersinnliche. Beobachten die Welt auch außerhalb außgetretener Pfade, ergo: Sind einfach sehr klug.  

 

So einfach ist es dann aber leider doch nicht. Deshalb muss wohl eher Schlussfolgerung zwei her: Ich glaube, unsere Anfälligkeit für Esoterik und Astrologie hat viel mit Erziehung und Sozialisierung zu tun. Das fängt an bei den vor dir angesprochenen Frauenzeitschriften. Aber nicht denen, mit den weiblichen Vornamen sondern denen, die man in der Pubertät gelesen hat. Die Bravo Girl oder Mädchen. Da waren immer Horoskope drin. Und die hat man, wie das ganze Heft, sehr ausführlich gelesen, schließlich hatte man ja gerade einen Großteil seines Taschengeldes darein investiert. Danach dachte ich damals oft „Oha, das passt“.

 

Weil eben jeder dieser pauschalen Sätze auf eine durchschnittliche, unglückliche 13-Jährige passt. In diesem Alter habe ich vermutlich auch in der Anordnung meiner Kartoffeln beim Mittagessen ein kosmisches Zeichen gesehen, die Ich-Bezogenheit war grenzenlos. Natürlich wird man irgendwann älter und legt sich die von dir angesprochene "Ich weiß natürlich, dass Horoskope Quatsch sind"-Haltung zu. Aber ein bisschen was bleibt eben immer hängen. Plus, und das ist beim Thema "Sozialisierung" wohl der entscheidende Punkt: Jede von uns hat eine Mutter und bekommt vielleicht auch selber Kinder.

 

Und das ist eben diese eine Sache, die wir doch nicht ganz rational erklären können. Klar, wie das biologisch und so funktioniert ist mittlerweile gut erforscht. Aber die Tatsache, dass da tatsächlich in uns ein Kind ranwächst, das wir rauspressen und dann atmet es und schreit und ist voll funktionsfähig? Das ist ein krasses Wunder. Und auch Frauen, die nicht glauben dass ihre Menstruation irgendwas mit dem Mond zu tun hat, macht das demütig. Und mit diesem Bewusstsein, dass der eigene Körper zu diesem Wunder zumindest theoretisch fähig ist, wachsen wir auf. Das wird uns immer wieder dargelegt, sei es durch Erzählungen der Mutter, die Schule oder die Medien. Das lässt einen nie ganz los und manchmal, aber auch wirklich nur manchmal, sind wir dann eben auch anfällig für das Übersinnliche. Aber das sind dann wirklich schwache Momente. Um deine Frage also deutlich zu beantworten: Ihr könnt schon gerne in die Horoskop-Sache miteinsteigen. Aber dann bitte nur zur eurer und unserer Unterhaltung.

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