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Mädchen, warum hupt ihr nicht?

Müsst ihr der Welt nicht zeigen, dass ihr Recht habt? Oder wisst ihr nicht, wo die Hupe ist?
Von Jakob Biazza und Charlotte Haunhorst
  • jungsfrage text

Liebe Mädchen,

 

München hat viel von seinem Klischeebild, dort, wo der Wagen herumgewütet hat. Das Villen-Bogenhausen ist nah und der weiße Cayenne fuhr so, wie man sich das eben vorstellt, wenn einer vom Golfplatz wirklich dringend zum Aperitif muss: viel Spur wechseln, viel schneiden – und zumindest auf das (berechtigte) Hupen der anderen mit Hupen reagieren. Mit mächtig Hupen!

In meinem Kopf (ich bin lange nicht näher als 20 Meter an den Wagen rangekommen) sah der Fahrer so aus: kariertes Business-Hemd, bluthochdruckrote Gesichtsfarbe, Siegelring, Ende 40/Anfang 50, männlich. Tatsächlich saß da aber: dunkelblauer Pullover, dezent geschminkt, kein Schmuck, Mitte/Ende 20, weiblich. Hat mich überrascht.

 

Das ist jetzt vielleicht etwas tiefer in der Klischeekiste gewühlt als sonst in der Jungsfrage, aber: Mein Kopf bringt euch und dicke Autos und Aggro-Kleinbürger-GTA nicht komplett gedeckt. Ihr fahrt gefühlt defensiver. Ich glaube, das behaupten auch Statistiken und damit Versicherungstarife. Vor allem aber fahrt ihr – wieder nur meine zu einem Gefühl akkumulierte Empirie – nach außen hin weniger auffällig.

 

Will sagen: Wenn ihr euch mal über andere aufregt, dann etwas introvertierter. Eher innerhalb der eigenen Fahrgastzelle. Und dann vielleicht auch eher quengelig. Mehr so „Menno!“ oder „Ooochh!“ oder „Boaahh!“. Was ihr, eigentlich will ich sagen NIE, aber ich zügle mich auf ein GANZ selten tut: hupen. Und noch viel seltener: so richtig mit Schmackes hupen! Zwölf Sekunden Dauer-Tröten, wild hingekeuchte Schnapphupung oder beim Revanche-Überholen noch mal Nachhupen habe ich, zumindest aus der Nähe, noch nie bei euch erlebt. Das ist an sich natürlich sehr sympathisch. Wer aggressiv hupt, tritt wahrscheinlich auch nach kleinen, flauschigen Haustieren. Aber ihr hupt zum Beispiel auch selten, um Leute zu warnen. Glaube ich.

 

Und jetzt frage ich mich natürlich: Warum? Ist das Nicht-Hupen die Fortsetzung des Nicht-Fluchens mit anderen Mitteln? Das macht ihr ja auch nicht so gern beziehungsweise in aller Regel mindestens nicht so inbrünstig wie wir. Müsst ihr der Welt nicht zeigen, dass ihr Recht habt? Oder stigmatisiert ihr den anderen nicht gerne akustisch? Habt ihr tendenziell schneller oder grundsätzlicher das Gefühl, irgendwie, vielleicht zumindest auch ein bisschen oder sogar ganz grundsätzlich nicht im Recht zu sein, weil zu einer brenzligen Verkehrssituation ja doch auch immer zwei gehören? Fallt ihr ungern auf? Oder wisst ihr einfach nur nicht genau, wo die Hupe ist?

 

Eure Jungs

  • maedchenfrage

Die Mädchenantwort:

 

Liebe Jungs,

 

Was ist das denn bitte für eine undifferenzierte Frage? Was ist da los bei euch? Denn dass man beim Thema "Benutzung der Hupe" Unterscheidungen machen muss, das solltet ihr doch wissen? Nicht? Oha, dann ist das vielleicht das Problem.

 

Es gibt nämlich, zumindest aus meiner Perspektive, berechtigtes Hupen und unberechtigtes. Skizzieren wir mal zwei Beispielsituationen:

 

Situation 1: Ein Radfahrer fährt von einer Nebenstraße vor euch auf die Fahrbahn, ohne zu gucken. Ihr lauft Gefahr, ihn gleich mit eurem Auto umzunieten.  

Situation 2: Ihr überseht selbst einen Radfahrer auf dem Radweg und droht ihn wegen eurer Unaufmerksamkeit umzunieten.

 

Richtig: Erste Situation ist eine Gefahrensituation, da darf man Hupen. Tun wir auch, gerne auch laut und zwölf Sekunden lang und inklusive aller Beschimpfungen, die uns in dem Moment einfallen, die hier aber nicht wiedergegeben werden dürfen.

 

In der zweiten Situation hat man sich allerdings selbst wie ein Trottel verhalten, eine entschuldigende Geste in Richtung des armen Radfahrers wäre das Mindeste. Und jetzt, jetzt kommt der oft beobachtete Unterschied: In 90 Prozent der Fälle hupt ihr erstmal den Radfahrer an. Schuldzuweisung an den anderen („HAT DER KEINE AUGEN IM KOPF???“) als erster Reflex. Das kann man auch mit diversen anderen Beispielen weiterführen. Jemand überholt euch rechts, weil ihr links zu langsam fahrt? HUUUUP! Ihr müsst eine Vollbremsung machen, weil ihr nicht den vorgeschrieben Abstand zum Vordermann eingehalten habt? HUUUUP! Kämen wir nie auf die Idee.

Der Unterschied scheint mir also darin zu liegen, dass wir kurz nachdenken, bevor wir hupen oder andere Zeichen der Entrüstung zeigen. Und klar, manchmal führt das auch dazu, dass wir uns zu spät fürs Hupen entscheiden und es dann doch lieber lassen – würde sonst ja genau so dämlich wirken wie ein verspätetes Lachen auf einen guten Witz. 

 

Vielleicht kann man daraus auch etwas über unser generelles Aggressionsverhalten ableiten. Präventiv mal das Revier markieren, ist nicht so unsers. Dann lieber erst einmal die Situation überprüfen und gezielt zum Gegenschlag ausholen, anstatt sich mit lautstarkem Rumgebrülle lächerlich zu machen.

 

Die Antwort auf deine Frage muss also lauten: Wir wissen sehr wohl, wo die Hupe beim Auto ist. Wir sind nur einfach sehr, sehr viel klüger als ihr im Umgang damit. Das beweist übrigens auch ein Blick in die Straßenverkehrsordnung. Da steht: "Schall- und Leuchtzeichen darf nur geben, wer außerhalb geschlossener Ortschaften überholt (§ 5 Absatz 5) oder wer sich oder andere gefährdet sieht."

 

Hupen, weil jemand nicht schnell genug an der Ampel anfährt oder aus eurer Sicht einfach doof ist, kostet hingegen zehn Euro. Klug von uns, das Geld besser zu investieren. Zum Beispiel in einen Porsche Cayenne.

 

Coverfoto: yvonnes photos / photocase.de

 

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