Partner von

Mädchen, wie schminkt ihr euch?

Wann habt ihr das gelernt? Und wie? Und was sagt das über euch aus?
Von Jakob Biazza und Nadja Schlüter
  • 160708 jungsfrage schminke 01
    Illustration Jessy Asmus

Die Jungsfrage:

 

Liebe Mädchen,

 

wenn wir weggehen, die Frau, die ich gut kenne, und ich, gibt es vorher inzwischen eine Art Ritual. Es ist einem Loriot-Sketch nicht komplett unähnlich und geht ungefähr so: Sie verschwindet irgendwann kurz vor Aufbruch für ein paar Minuten in ihrem Zimmer, ich tue irgendwas anderes. Und wenn sie dann wieder rauskommt, dann staune ich immer einen sehr heimlichen Moment in mich hinein, fühle mich ein bisschen klobig und überlege, ob es was bringt, wenn ich mich noch mal umziehe. Und dieses Gefühl packe ich dann in einen Satz wie "Boah, siehst du toll aus!" und denke, es liegt an ihren Schuhen, oder dem Hemd, oder dem arschcoolen Parka, oder der Frisur oder irgendwas anderem, das sie trägt – oder wie sie das halt alles kombiniert.

Daran liegt es aber offenbar nicht. Zumindest behauptet sie jedes Mal, ich würde "Boah, siehst du toll aus!", immer sagen, wenn sie geschminkt sei. Ich leugne das. Aber ich stehe dabei auf verlorenem Posten. Weil ich nämlich selten sehr genau erkenne, ob sie geschminkt ist. Oder zumindest wie und wo jetzt genau.

 

Ich folgere daraus, dass Schminken eine Kunst ist, bei der Reduktion wichtig ist und Maß. Es muss bestimmt mit dem Typ korrespondieren. Und wahrscheinlich fallen geschminkte Gesichter sowieso nur negativ auf: Wenn was zu viel ist oder zu bunt, oder zu schief oder zu gerade. Wenn es "bitchy" wirkt oder "prollig" (Doch, doch: So sagt ihr dann!). All diese Dinge eben, die als wenig geschmackssicher gelten. Oder vielleicht auch als handwerklich stümperhaft, was aber am Ende des Tages vielleicht auch fast dasselbe meint.

 

Die erste Frage wäre nun: Wie lernt ihr das? Rein technisch? Da geht's doch um Farbtöne und Nuancen. Um winzige Striche und Tupfer. Um feinfühligste Restauration eines großen Gemäldes – und nicht um Schwammtechnik an der Küchenwand. Wer leitet euch da an? Große Schwestern? Experten, die euch dafür schweinsteueren Kajal oder Mascara (ist das dasselbe?) und Lippenstift verhökern wollen? Youtube-Tutorials? Oder lernt ihr's ganz heimlich und allein? Und wenn allein, dann ganz langsam? Erst mal einen kleinen Zeh ins kalte Wasser und dann vorsichtig immer tiefer rein? Oder gleich Arschbombe in den Farbtopf und dann wieder reduzieren?

 

Und erst im zweiten Schritt kommt dann die wahrscheinlich viel wichtigere Frage: Wie entscheidet ihr über das Ob? Denn ob man sich schminkt oder nicht, habe ich zumindest den Eindruck, das ist mindestens wie früher Rap oder Metal, Blur oder Oasis, Hund oder Katze. Wahrscheinlich aber sogar noch grundsätzlicher: wie Bausparer oder Lebemensch. Planen oder treiben lassen. Bund oder Wehrdienstverweigerer. Glossy oder matt. Smokey oder natürlich. Es wirkt wie eine Grundsatzentscheidung, welcher Typ Mensch man ist – wie echt, eitel, authentisch, künstlich. Wofür man steht also. Bestimmt steckt auch ein Quäntchen Feminismus und/oder Selbstbestimmtheit drinnen.

 

Oder interpretiere ich jetzt zu viel in etwas hinein, das ich so oft gar nicht bemerke? Raus mit der Wahrheit! Ob ungeschminkt oder nicht ist mir egal.

  • maedchenfrage

Die Mädchenantwort:

 

Liebe Jungs,

 

nein, Kajal und Mascara sind nicht dasselbe. Mit einem Kajalstift zieht man einen Lidstrich, mit Mascara tuscht man die Wimpern. So viel zum einfachen Teil der Antwort.

 

Der schwierige Teil muss mit einer sehr unbefriedigenden Aussage beginnen: Wer sich wann wie warum und mit wem gemeinsam schminkt, ist sehr, sehr individuell. Und dann habt ihr mit mir als Beantworterin dieser Frage auch noch eine Frau erwischt, die keine besonders geübte Schminkerin ist. Wie immer in dieser Kolumne kann ich also nur versuchen, eine ungefähre Einordnung vorzunehmen, in der sich hoffentlich die eine oder andere wiederfindet, und die euch eine genauere Vorstellung vom Schminken gibt als Püderchen hier und Farbe dort.

 

Der Startpunkt fürs Schminken ist meist irgendwann in der Pubertät, denn ab einem Alter von etwa 13 Jahren ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass sich Mädchen schminken. Es kann aber zwei verschiedene Auslöser haben, weil es in dieser Phase grob eingeteilt zwei verschiedene Mädchen-Typen gibt: die mit strahlender Porzellanhaut und die mit Akne. Ich gehörte zur zweiten Kategorie und bekam von meinen älteren Schwestern (denn sofern man welche hat, sind die häufig die ersten Schminklehrerinnen) ein "antibakterielles Puder" angeraten, um Pickel gleichzeitig abzudecken und zu bekämpfen. Leider entsprach das Puder nicht ganz meinem Teint, was ich vor allem dadurch bemerkte, dass ich an der Schulbushaltestelle für die Flecken in meinem Gesicht gehänselt wurde. Ach, schreckliche Pubertät! Daneben standen dann ganz unbehelligt die Mädchen mit Porzellanhaut, für die Schminken keine Notfallbehandlung für den durchgedrehten Hormonhaushalt war, sondern schon das, was es später mal für die meisten bedeuten sollte: eine Methode, um sich irgendwie "schöner" zu machen.

 

Als Klassenzimmer nach Talg und Vanilledeo rochen

 

"Schöner" ist natürlich relativ und es gab darum damals schon alle Arten des Geschminkt-Seins: leichtes Puder, hässlicher Make-up-Rand, tiefschwarzer Lidstrich oben und unten, Rouge-Apfelbäckchen, mit Wimpernzange und billigem Mascara steil nach oben gebogene Wimpern, süßlicher Lipgloss, dunkler Lippenstift und so weiter. Die Zeit, in der Klassenzimmer nach 45 Minuten immer nach Talg und Vanilledeo rochen, war auch die Zeit, in der in den Gesichtern der Mädchen vieles ausprobiert wurde. Und ich weiß (aus Erzählungen!), dass viele sich günstige Schminksets zulegten, von Tchibo oder DM, in denen es dann zum Beispiel Lidschatten in allen Farben des Regenbogens gab (der bis heute nicht aufgebraucht ist), und damit experimentierten – meistens inklusive diesem einen Nachmittag, an dem man sich mit Freundinnen aus Witz extrem übertrieben schminkt und davon hunderte Fotos macht. Einige ließen sich sogar mal in der Drogerie beraten und/oder schminken. Lehrmeister waren ansonsten (häufiger als Mütter oder ältere Schwestern) Schmink-Tutorials in Mädchenmagazinen und (angeblich) erfahrenere und geübtere Freundinnen. Heute übernehmen diese Aufgabe sehr sicher die diversen Schmink-Videos von diversen geschminkten Mädchen auf Youtube.

 

Irgendwann pendelt sich dann bei jedem eine bestimmte Schminkhaltung ein. Ich kenne sowohl Frauen, die niemals ungeschminkt aus dem Haus gehen würden, als auch solche, die sich überhaupt nie schminken. Irgendwo dazwischen rangieren die Gelegenheits-Schminkerinnen, die sich entweder zu besonderen Anlässen (Party, Hochzeit, Date) die Wimpern tuschen und Lippenstift benutzen, oder einfach, weil sie grade Lust drauf haben oder morgens zu früh aufgewacht sind und darum zusätzliche Zeit haben.

 

Style oder Schutzschild

 

Nun hast du ja gesagt, das Ob und das Wie wirkten auf dich wie Grundsatzentscheidungen. Und ein bisschen stimmt das glaube ich. Ich glaube allerdings auch, dass diese Entscheidung weniger feministisch ist, als man bei diesem Thema meinen könnte. Wir sehen das gar nicht so sehr auf einer höheren Ebene, sondern als etwas sehr Subjektives. Es kommt einfach darauf an, wie man sich wohlfühlt, und was dem eigenen Geschmack entspricht. Wie du schon sagtest: was für ein Typ man sein will. Für viele ist ihr Make-up einfach ein Teil des Styles und des Outfits. Für andere wiederum ist es wie ein kleiner Schutzschild, sie fühlen sich damit gewissermaßen "besser angezogen", selbstbewusster und so weiter. Mir geht es auch besser, wenn ich morgens mit dem Wissen aufstehe, Pickel abdecken zu können (beneidet ihr uns darum eigentlich?). Andersrum kenne ich aber eben auch das Gefühl, mich mit mehr als Puder und Abdeckstift (und in seltenen Fällen Mascara) sehr angemalt zu fühlen und gar nicht mehr wie ich selbst. Es ist also Geschmacks- und Gewohnheitssache – und natürlich Talent- und Übungssache. Denn wenn man von beidem weniger hat als die Frau, die du gut kennst, sieht man eben schnell so aus, als sei man immer noch 13 und mit dem ersten Sekt-Schwips seines Lebens in den Schminkkasten von Tchibo gefallen.

 

Eins sei vielleicht noch gesagt: Weil die Sache mit dem Geschminke eben so individuell ist, steckt vielleicht doch so ein Mini-Emanzipations-Feminismus-Aspekt darin. Und zwar der, dass ihr uns da im besten Falle nicht reinredet. Klar könnt ihr sagen, wenn ihr etwas schön findet oder wenn ihr diesen einen Lippenstift nicht so gerne mögt wie den anderen. Aber ganz grundsätzlich müsst ihr uns einfach machen lassen. Ich erinnere mich daran, wie mir eine Bekannte mal erzählte, ihr Freund beschwere sich immer bei ihr, wenn sie keine Lust habe, sich zu schminken. Das geht dann schon eher in Richtung "Der Typ will ein Püppchen, das neben ihm schick aussieht". Und dagegen sind wir mindestens so allergisch wie manchmal gegen billigen Lidschatten. 

 

 

 

Hier gibt's mehr Fragen aus dem Jungs-Mädchen-Kosmos:

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren