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Mädchen, was löst Trumps Sexismus bei euch aus?

Es sollte in der Debatte nicht nur um Donald und die Wahl gehen. Sondern auch um euch.
Von Quentin Lichtblau und Christina Waechter
  • jungsfrage trump 640x640
    Fotos: AFP

Liebe Mädchen,

 

mit seinen detaillierten Anleitungen zu sexueller Belästigung hat sich Donald Trump hoffentlich endgültig ins Wähler-Aus manövriert. Das ist der positive Teil der Nachrichten der verganenen Tage. Das Video macht es allerdings nicht weniger ätzend und löst bei uns, obwohl wir uns in keinster Weise mit Trump identifizieren, eine tiefe Fremdscham aus.

Was uns Jungs aber auch aufgefallen ist: Trump halten zwar alle von uns für dumm – aber aus verschiedenen Gründen. Ein paar Sätze aus Gesprächen zu Trump: "Wir reden ja auch manchmal so, aber wir sind ja auch kein Präsidentschaftskandidat," Oder: "Ein echter Gigolo ist das eben, wie der Berlusconi. Hat in der Politik nichts verloren."

 

Diese Trump-"Kritik" geht also manchmal am Kern seiner Aussagen (er belästigt Frauen, weil er kann) vollkommen vorbei, reduziert sie auf die Verwendung des Wortes "pussy" oder dass sich derlei Männergebahren oder Begrifflichkeiten für einen Politiker eben nicht gehören.

Überhaupt scheint es in der Debatte oft viel mehr um die Do's und Dont's für Präsidentschaftskandidaten zu gehen, als um die Opfer von Sexismus, also euch. In den USA gibt es deswegen ja inzwischen das Hashtag #notokay, eine Art Pendant zum deutschen #Aufschrei – eine Sammlung von Alltagssexismus aus Frauensicht.

 

Das ist gut und richtig, wir wollen aber heute erst einmal bei dem einen, speziellen Trump-Fall bleiben. Allein das Anschauen dieses Videos müsste euch ja schon unfassbar wütend machen oder euch, im Unterschied zu uns, auch persönlich verletzen. Und vielleicht täte es mal ganz gut, das alles abseits der Alltagssexismen und der Do's-and-Dont's nochmal ungefiltet aus eurer Sicht zu hören. Unsere Frage lautet also: Was empfindet ihr als Frauen, wenn ihr dieses Trump-Video seht?

 

Die Mädchenantwort:

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

Die vorherrschenden Gefühle in den vergangenen Tagen waren (in keiner wertenden Reihenfolge): Schock, Ärger, Unverständnis, Anflüge von Depression, Fassungslosigkeit und so ganz prinzipiell: absolute, überwältigende mentale Niedergeschlagenheit.

 

Warum das Ganze? Weil in diesem Video eine Sicht auf Frauen offenbar wird, die so verletzend, niederträchtig und negativ ist, dass ich mich beschmutzt fühle, seitdem ich es vor fünf Tagen zum ersten Mal gesehen habe.

 

Es ist nicht erst seit dem Video offensichtlich, dass für Donald Trump die Schlüsselqualifikation einer jeden Frau ausschließlich darin besteht, auf ihn attraktiv zu wirken. Über nichts Anderes redet er so gerne wie darüber, wie er irgendwelche Frauen auf einer von ihm genormten Attraktivitäts-Skala bewertet, und was für ihn ein ästhetisches No-Go ist.

 

Wagt eine Frau, ihn zu kritisieren, die auf seiner Attraktivitäts-Skala weiter unten angesiedelt ist, ist sie laut seiner Argumentation zu hässlich, um ihr auch nur zuzuhören – geschweige denn, sie ernstzunehmen. Aber selbst wenn eine höchst attraktive Frau wie die Fox-Reporterin Megyn Kelly ihm widerspricht, wird sie von ihm dämonisiert und er beschimpft sie mit den Worten, Blut käme aus ihren Augen, aus ihrer "whatever", womit er, ja, wirklich: ihre Vagina meint.

 

Trumps Misogynie ist ausführlich dokumentiert, der Obernarzisst kann nämlich an keinem Mikrofon vorbeigehen, ohne seine Weisheiten hineinzuerbrechen. Nach und nach gehen immer mehr Frauen an die Öffentlichkeit, die behaupten, von Donald Trump sexuell belästigt worden zu sein. Seine Ex-Frau Ivana hat sogar unter Eid behauptet, von ihrem Mann vergewaltigt worden zu sein.

 

Und Trump? Sagt entweder gar nichts oder argumentiert, es handle sich um Lügen von hässlichen Frauen, die zu hässlich seien, als dass er sich mit ihnen beschäftigen könne. Wenn das ein erwachsener, 70-jähriger Mann, der Präsident des mächtigsten Landes werden möchte, als valides Argument betrachtet, dann, werde ich ziemlich müde.

 

Aber was mich an dem Video nicht minder fertig macht, ist dieses eilfertige Gegiggel und die ermutigenden Halbsätze, die der Moderator Billy Bush die ganze Zeit über von sich gibt. Wie er sich kaum einkriegt darüber, dass Donald Trump es wagt, auszusprechen, dass er Frauen an der Pussy packt, weil er als Berühmtheit das kann (übrigens beschreibt er da qua Definition sexuellen Missbrauch).

 

Das ist für mich ein mindestens ebenso schlimmes Problem. Denn es zeigt, dass diese Frauenfeindlichkeit offensichtlich doch nicht ausschließlich reserviert ist für 70-jährige Narzissten, die sich für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Sondern dass dieser sogenannte „Locker Room Talk“, zu deutsch „Kabinen-Geschwätz“, von Männern goutiert wird, von denen man Besseres erwartet hätte.

 

Wie soll uns das Argument vom "Locker Room Talk" noch mal genau versöhnen?

 

Überhaupt: Was macht es auch nur einen Deut besser zu versichern, es handle sich bei dieser Unterhaltung um „Kabinen-Geschwätz“? Wie soll es uns beruhigen, zu wissen, dass Männer uns vorne rum mit Nettigkeiten und Lippenbekenntnissen zur Gleichberechtigung und Förderung kommen, nur um dann in trauter Herrenrunde die dreckigsten, degradierendsten, frauenfeindlichsten Witze rauszukramen? In welcher absurden Welt soll uns das bitte versöhnen?

 

Bitte nicht falsch verstehen:

Wir glauben weiterhin fest daran, dass nicht jeder Mann ein Trump oder ein Bush ist. Die meisten Jungs, die wir kennen, sind das Gegenteil von diesen Narzissten.

Und doch deprimiert mich dieses Video über die Maßen. Weil es eine solche Feindseligkeit verströmt, wie ja so gut wie alles, was Trump von sich gibt: die Tatsache, dass er Mexikaner als Vergewaltiger abstempelt und ausweisen will etwa. Dass er ankündigt, ein Einreiseverbot für Muslime zu verhängen. Dass er seine Anhänger gegen schwarze Demonstranten auf seinen Versammlungen aufhetzt und der Mutter eines verstorbenen Kriegshelden vorwirft, sie würde wegen ihres muslimischen Glaubens von ihrem Mann unterdrückt.

 

Ich tröste mich dieser Tage mit einem Argument von John Oliver, der sagt: Wenn man Hillary Clintons Weg zum Weißen Haus als Computerspiel betrachtet, wenn also eine Frau sich aufmacht, den letzten Ort zu erobern, an dem nie zuvor eine Frau herrschte – ja, dann ist es auch kein Wunder, dass ihr Endgegner in diesem Liveaction-Videospiel ein Monster wie Donald Trump ist. Und wenn sie ihn am 8. November dann besiegt hat, dann wird bestimmt alles gut. Hoffentlich.

 

Eure Mädchen

 

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