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Vom Underdog zum Filmemacher

Minibudget, und selbst beim Festival eingereicht: Eigentlich war Gregory Kirchhoffs Werk zum Scheitern verurteilt.
Von Yvonne Franke
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    Foto: Yvonne Frank

Auf dem Balkon im Innenhof eines Hauses, das wirkt wie ein venezianischer Palazzo, aber mitten in Polen steht, tummeln sich aufgeregte junge Menschen. Sie sprechen in verschiedenen Sprachen miteinander, rauchen, trinken Wodkacocktails. Filmkameras beobachten sie dabei.

 

Unter ihnen: Gregory Kirchhoff, äußerlich eine Mischung aus Franz Kafka und Peter Pan. Hager, schwarzäugig, kindlich-weise mit einer Prise Düsternis. Auch er plaudert, lacht, trinkt, dann wieder aber ist er still. Fast wirkt er wie in Trance, ungläubig, als könnte er nicht fassen, dass er jetzt gerade hier ist. Mit seinem Film. Einem Film, den es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Die Umstände, unter denen der damals 21-Jährige seinen ersten Film schrieb und produzierte, waren schwierig. Dass Gregory es überhaupt schaffte ihn fertigzustellen, war zumindest ein gewaltiger Kraftakt. Manche würde es sogar ein kleines Wunder nennen. Und nun das: dieser Balkon, auf dem der junge Mann da steht, ist der Balkon des Festivalcenters am Krakauer Marktplatz. Diese Wodkacocktails kann er nur trinken, weil sein Film eingeladen ist auf das Netia Off Camera Festival, eine Art Berlinale Osteuropas.

 

Neben einem nationalen Wettbewerb, in dem Werke polnischer Filmemacher gegeneinander antreten, wird in Krakau ein mit 100.000 Dollar dotierter Preis an eine internationale Produktion vergeben. Zusätzlich dazu erhält der Gewinner die Chance auf Förderung eines neuen Projekts, unter der Voraussetzung, dass dieses in polnischer Koproduktion entsteht.

 

"Ich habe eigentlich keine Chance, hier zu gewinnen."

 

"Ich habe eigentlich keine Chance, hier zu gewinnen. Das ist ganz klar, aber das ist scheißegal. Ich bin hier," sagt Gregory Kirchhoff. Und so wie er es sagt, klingt es nach mehr als einer bloßen Dabeisein-ist-alles-Floskel. Und schließlich kommt es ja wirklich manchmal vor, dass ein Außenseiter an den Favoriten vorbeizieht und dann die nicht glauben können, was gerade passiert.

 

Gregory Kirchhoffs Debut heißt "Dusky Paradise" und ist hier aus vielerlei Gründen in der Außenseiterposition: Als einziger ist Gregorys Film nicht über den Vorschlag eines Produzenten nominiert worden. Er hat ihn selbst online eingereicht. Außerdem befindet sich im Wettbewerb kein einziger Film, der nicht mindestens das zehnfache Budget zur Verfügung hatte.

 

Gregory hat einen Traum, der fast so alt ist wie er selbst. Das erste Spielzeug, das ihm wirklich etwas bedeutete, war ein geliehenes. Er durfte es zum ersten Mal in Händen halten, als er noch zur Grundschule ging: die Videokamera seines Vaters. In schnellen Actionszenen jagte er seine Geschwister durch den Garten. Wenn sie die Lust daran verloren, wurde er streng. Er hatte das Kommando, und das war ein strenges, denn schon damals zählte für ihn das Ergebnis und jeder Film sollte besser werden als der vorherige. Nicht nur für Gregory selbst oder seine wohlwollenden Eltern. Jeder sollte seine Filme sehen können. Eines Tages.

 

Eine Fünf fürs Kommunizieren mit Schauspielern

 

90.000 Klicks hatte das Video, das er mit 13 bei einem Onlinecontest einreichte. Mehr als alle anderen. An den Inhalt dieses Filmchens erinnert er sich nicht, sagt Gregory. Vielleicht ein gut funktionierender Verdrängungsmechanismus. Sein Video wurde disqualifiziert. Weil er nicht gewusst hatte, dass die Rechte an der Musik, die er gewählt hatte, geschützt sind.

 

Das alles geschah vor seiner Zeit in einem englischen Internat. Vier Jahre verbringt er dort. Zum regulären Lehrplan der Schule gehört auch die Drama Class, in der hauptsächlich Klassiker der englischen Literatur inszeniert werden. Gregory gehört nicht zu den Mäuschen, die ihre Pflicht erfüllend einen Text auswendig lernen und aufsagen. Er erkämpft sich die Hauptrollen und setzt durch, die Stücke selbst inszenieren zu dürfen. Aus dieser Erfahrung speist sich noch heute sein Selbstbewusstsein, sagt er.

 

Er überspringt ein Schuljahr, macht mit 17 seinen Abschluss und beginnt sofort zu studieren. Für ein Jahr der Selbstfindung, ein Gap Year, sieht er keine Veranlassung. Er weiß was er will. Warum also warten?

 

An der Filmschool Hamburg belegt Gregory Regie als Hauptfach und schließt das Studium vier Jahre später erfolgreich ab. "Das ist nicht immer alles so glatt gelaufen, wie es klingt", sagt er. "In einem Seminar, in dem es darum ging, mit Schauspielern zu kommunizieren, habe ich gerade noch eine Fünf bekommen. Die wussten einfach nicht, was ich von Ihnen wollte. Das musste ich noch lernen."

 

Ein Sonderling in einem Kataloghaus

 

Und am besten lernt man nun einmal bei der Arbeit. In Gregorys Kopf kreist schon lange eine Geschichte, die er unbedingt erzählen will. Seine damalige eigene Abneigung gegen soziale Kontakte (inzwischen scheint er sie überwunden zu haben) macht er zur Haupteigenschaft einer Figur namens Jacob. Ein Sonderling, der einsam in einem palastartigen, kühlen Kataloghaus lebt und dieses Leben im Nichtstun und Nichtssagen für perfekt hält. Kirchhoff schreibt feinsinnige Dialoge, erfindet drei Personen und eine Schildkröte namens Hector, erzählt von Liebe und Verlust, immer überzeugt: "Ich werde diesen Film drehen."

 

Wieder einmal beschließt er, keine Zeit zu verschwenden. Zum Beispiel damit, an die Türen vermögender Sponsoren, Fernsehredaktionen und Filmförderer zu klopfen. Und vielleicht wäre es sowieso aussichtslos, jemanden zu finden, der sich traut, eine große Menge Geld in die Filmproduktion eines Anfängers zu stecken.

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    Foto: privat

Ohne jegliche Kontakte in der Branche und ohne Referenzen bleibt nur eine einzige Möglichkeit, dem Projekt zumindest ein Minibudget zu verschaffen: Crowdfunding. 20.000 Euro kommen so zusammen und ein paar Ersparnisse sind auch noch da. Das muss reichen. Ein unvorstellbar niedriges Budget, mit dem ein Filmprojekt praktisch keine Chance hat, ein Erfolg zu werden.

 

Doch mit seinem überzeugenden Drehbuch kann Gregory schnell drei Schauspieler überzeugen, völlig ohne Gage in dieses Abenteuer mit einzusteigen. Die Castings finden via Skype statt. "Ich hatte ja kein Geld, irgendwo hinzufliegen, um mir jemanden anzuschauen." Seinen in London lebenden Hauptdarsteller trifft der Regisseur zum ersten Mal am Set. Er erschrickt darüber, dass der fast zwei Meter groß ist. Er hatte das Kleingedruckte nicht gelesen.

 

"Und dann um drei Uhr morgens bekomme ich endlich etwas Tolles zu sehen."

 

Gedreht wird an Locations, die zwar durch ihre Schönheit bestechen, aber den Filmemacher zum Glück keinen Cent kosten. Gregory wählt das weitläufige Ferienhaus seiner Eltern nicht nur als Kulisse, sondern auch als Unterkunft für das zwölfköpfige Team. Alte Schulfreunde übernehmen Beleuchtung, Maske und Schnitt. In der Euphorie für dieses gemeinsame Projekt verschmelzen alle zwölf schnell zu einer gut funktionierenden Einheit. Eine Einheit aus alten und neuen Freunden, die nicht nur in der Arbeit etwas miteinander anfangen können, sondern am morgen gemeinsam Yogaübungen machen und am Abend zum Essen an einem Tisch sitzen.

 

Dabei entsteht ein Film, der auf jeder Ebene persönlich ist und vielleicht deshalb so berührt. Gregorys Umfeld ist überrascht. Er hat es tatsächlich geschafft. Er hat diesen Film gemacht.

 

Gregory beginnt, ihn auf Festivals einzureichen, auch in Krakau.

Und tatsächlich: "Dusky Paradise" schafft es auf die Short List. Kuba Armata, Filmjournalist und Mitglied des Auswahlgremiums, erinnert sich an den Moment, als er Gregorys Film sah. Er sichtete Hunderte von Filmen, die über die Onlineplattform des Festivals eingereicht worden waren. Nur Gregorys schlägt er für den Wettbewerb vor. "Ich habe viele wirklich sehr schlechte Filme anschauen müssen. Und dann um drei Uhr morgens bekomme ich endlich etwas Tolles zu sehen", sagt er.

 

Menschen erkennen ihn plötzlich auf der Straße

 

Der Abend der Vorführung in Krakau. Gregory ist aufgeregt. Er hat seinen Film zuvor nur ein einziges Mal auf einer Kinoleinwand gesehen, bei der Teampremiere in Hamburg. Es hätte gut sein können, dass dieses erste auch das letzte Mal war.

 

Nach der Erstaufführung kam die Mutter seines Hauptdarstellers Kes Baxter weinend zu ihm und beglückwünschte ihn zu seinem Werk. "Sie hat mir erzählt, sie hätte völlig vergessen, dass das da auf der Leinwand ihr Sohn ist und dass sie so gerührt gewesen sei über Jacob. Über eine Figur, die ich erfunden hatte!"

 

Hier auf dem Festival wird "Dusky Paradise" insgesamt vier Mal in einem großen, immer gut besuchten Saal gespielt. Gregory sitzt in der konzentrierten Stille des Zuschauerraums, bekommt direkte Reaktionen auf jede einzelne Szene: Rührung, Erschrecken, gelöstes Lachen. In den nächsten Tagen erkennen Menschen ihn plötzlich auf der Straße und gratulieren ihm zu seiner Arbeit. Es ist genau so, wie er es sich bereits gewünscht hat, als er noch Videos im Garten seiner Eltern drehte. Gregory ist jetzt schon ein Gewinner. Schon vor der Preisverleihung.

 

Im Publikumsgespräch nach einer der Vorstellungen werden interessierte und fundierte Fragen gestellt. Manchmal zu fundiert für Gregory: Ein Zuschauer vergleicht Gregorys Film mit "Alexis Sorbas", dem Kultklassiker, mit dem Anthony Quinn zur Legende wurde. Ein naheliegender Vergleich, die beiden Storys weisen große Parallelen auf. Kirchhoffs Reaktion: ein großes Fragezeichen. "Entschuldigung, wie heißt der Film? Den müsste ich kennen, oder?" Man vergisst wohl einfach sehr schnell, wie jung dieser begabte Debütant ist.

 

"Ich wusste nicht so richtig, was ich mit meinem Gesicht machen sollte"

 

Gregory muss seinen ersten großen öffentlichen Auftritt absolvieren. Zur Preisverleihung wird er von einer Limousine abgeholt und steigt am roten Teppich aus. Er wirkt relativ entspannt, aber innerlich sieht es anders aus. "Ich wusste nicht so richtig, was ich mit meinem Gesicht machen sollte", sagt er, als er den Gang über den Teppich endlich ohne Zwischenfälle absolviert hat. Die "Mundproblematik" nennt er es, wenn man im Aufblitzen der Kameras weiß, man sollte cool bleiben, aber die Gesichtsmuskeln plötzlich ein nervöses Eigenleben entwickeln.

 

Gregorys Eltern und einer seiner Brüder sind angereist. Sie sehen stolz aus. "Du meine Güte, haben wir immer gedacht, Filme will er machen. Wir werden wahrscheinlich ewig für ihn sorgen müssen", sagt seine Mutter. Dann lacht sie. "Und jetzt schicken sie ihm eine Limousine."

Die Verleihungszeremonie beginnt. Für das Filmteam und Gregorys Familie sind Plätze im mittleren Bereich des Saals reserviert. Er selbst sitzt mit den anderen Nominierten weiter vorn.

 

Die Ausführungen der Moderatoren und Laudatoren werden für diejenigen, die kein polnisch sprechen, über Kopfhörer simultan auf Englisch übersetzt. Der Preis für den besten polnischen Film wird verliehen. Anschließend Preise für polnische Produzenten und Schauspieler. Alles geht Schlag auf Schlag, keine Showeinlagen unterbrechen das Vergeben der surfbrettgroßen Schecks und der bronzenen Filmpreise.

 

"Einiges hat uns gefallen, und anderes hat uns noch besser gefallen."

 

Dann endlich betritt Krzysztof Zanussi die Bühne. Der legendäre polnische Regisseur und Produzent ist Vorsitzender der Jury und wird nun verkünden, welcher internationale Film die 100.000 Dollar mit nach Hause nehmen darf. "Wir haben in der Jury ganz früh den Entschluss gefasst, nur gut über die Filme zu sprechen, die zur Auswahl stehen oder gar nicht. Einiges hat uns gefallen, und anderes hat uns noch besser gefallen", beginnt Zanussi. Und dann verkündet er, was der Jury am besten gefallen hat:

 

"Bodkin Ras", ein halbdokumentarischer Film des niederländischen Regisseurs Kaweh Modiri, der einen fiktiven Charakter in die originalen Biografien der Bewohner einer schottischen Kleinstadt verwebt.

 

"Dusky Paradise" geht leer aus. Trotzdem gibt es Grund zu feiern: Aus Gregory ist ein Filmemacher geworden. Einer, dessen Debütfilm ihn bis hierher gebracht hat und noch weiter tragen wird. Im nächsten Jahr wird im NDR ein Fernsehfilm zu sehen sein. Arbeitstitel: "Ostfriesisch intensiv". Der Regisseur heißt Gregory Kirchhoff.

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