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Ein Supermarkt für Krummes und Abgelaufenes

"The Good Food"-Gründerin Nicole hat uns erklärt, wie das funktionieren soll.
Interview: Charlotte Haunhorst
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    Foto: Katharina Schwartz

Am Samstag wurde in Köln-Ehrenfeld mit "The Good Food" der erste Supermarkt ausschließlich für aussortierte Produkte eröffnet. Gründerin Nicole Klaski und ihr Team hatten zuvor bereits das Konzept an einem Marktstand und in zwei Pop-up-Stores erprobt. Am Telefon erzählt sie, wie genau das mit der "Liebe auf den zweiten Blick" funktioniert:

 

JETZT: Woher bekommt ihr die Lebensmittel, die man bei „The Good Food“ kaufen kann?

Nicole: Wir fahren regelmäßig zu Bauern, bei denen wir „nachernten“ dürfen. Das heißt, der Bauer hat sein Gemüse bereits geerntet, musste allerdings einiges stehen lassen. Weil er bereits wusste, dass er das er auf dem normalen Markt nicht verkauft bekommt. Entweder, weil die Ware zu klein, groß oder krumm ist, oder weil es eine Überproduktion gab. Da hat er zum Beispiel so viele Salatköpfe, dass eh klar ist, dass die nicht alle einen Käufer finden werden, also werden sie gar nicht erst geerntet. Außerdem verkaufen wir Backwaren vom Vortag und abgepackte Waren, bei denen bereits das  Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wurde oder die nur noch eine  kurze Restlaufzeit haben. 

Nun können abgelaufene Produkte natürlich auch verdorben sein. Wie sichert euch ihr da rechtlich ab?

Wir trennen stark zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum. Das Mindesthaltbarkeitsdatum taucht auch auf Produkten auf, die eigentlich sehr alt werden können – zum Beispiel bei Salz, Nudeln und Reis. Da kann man das eher als Empfehlung verstehen. Das Verbrauchsdatum ist wiederum auf Produkten wie Fleisch und Fisch, die führen wir aber gar nicht. Das wäre uns auch zu heikel. Beim Mindesthaltbarkeitsdatum haben wir aber die Pflicht, die Kunden zu informieren, dass die Sachen abgelaufen sind.

 

Wie reagieren die Kunden darauf?

Diese Regelung spielt uns in die Hände. Wir wollen ja die Nachricht rüberbringen, dass abgelaufene Lebensmittel trotzdem noch superlecker sind. Dementsprechend haben wir im Laden und an den Produkten Schilder hängen, auf denen steht: „Abgelaufen aber lecker.“ Ich habe das Gefühl, damit erreichen wir viele Menschen und verändern auch dieses Grundgefühl der Gesellschaft, dass nur neue Sachen gut sind.

  • Nicole Klaski, 34, hat eigentlich Jura studiert. An das Thema "Lebenssmittelverschwendung" kam sie über die Menschenrechte - jeder Mensch hat ein Recht auf eine angemessene Ernährung
    Foto: Martin Herrndorf

Gab es auch schon mal negatives Feedback von Kunden?

Tatsächlich nicht. Die freuen sich eigentlich immer über ihren Einkauf. Aber an den meisten Sachen kann ja auch gar nichts sein. Nur, weil eine Karotte zwei Beine hat, ist sie ja nicht schlecht. Unsere Kunden sollen beim Einkauf aber auch ihre Sinne einsetzen: Riechen, schmecken und fühlen, ob die Sachen noch gut sind. Das funktioniert ganz gut. Wir haben aber auch Kooperationspartner, die ihre Produkte durch ihr eigenes Qualitätsmanagement laufen lassen, bevor sie es uns geben. Da wissen wir dann auch, dass die Sachen einwandfrei sind.

 

"Die Unternehmen produzieren ja selbst äußerst ungern für den Müll"

 

Beliefern die Firmen euch von sich aus oder müsst ihr denen immer hinterherrennen und um Lebensmittel bitten?

Es ist eine Mischung. Viele kontaktieren uns von selbst, da muss ich nichts tun. Weil sie sich freuen, eine Lösung gefunden haben, um ihre Produkte weiterzugeben. Mittlerweile frage ich aber auch Unternehmen an und bekomme dort ebenfalls positive Resonanz. Die Unternehmen produzieren ja selbst äußerst ungern für den Müll. Zum einen, weil sie es schade um ihr Produkt finden, zum anderen aber auch, weil die Entsorgung von Lebensmitteln sie Geld kostet. So entsteht eine Win-Win-Situation  - wir haben tolle Lebensmittel im Laden und die können sich auf die Fahnen schreiben, dass sie etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun und sparen auch noch Entsorgungskosten.   

 

Müsst ihr für manche Produkte auch etwas zahlen?

Nein, wir zahlen nur für die Spedition, wenn die Sachen uns geliefert werden. Bei Bier zahlen wir auch den Pfand. Das ist auch eine Erleichterung für das Unternehmen, die müssten sonst wen anstellen, der die ganzen Flaschen ausschüttet, damit die das Leergut zurückkriegen.

 

Bei euch gilt die Regel, dass man nur für ein Produkt das zahlt, was es einem wert ist. Lohnt sich das für euch finanziell?

Bisher ja. Das liegt daran, dass sehr gemischte Leute bei uns einkaufen. Bei den einen merkt man, dass sie am Monatsende zu knapsen haben und sich dementsprechend freuen, wenn sie jetzt noch günstiges Gemüse bekommen. Dann gibt es aber auch direkt jemanden, der die Idee unterstützen möchte und das Doppelte von dem zahlt, was es im Bioladen kosten würde – weil es ihm das wert ist. Das ist eine schöne Rückmeldung.

 

Könnt ihr euch mit dem Laden ein Gehalt auszahlen?

Nein, noch nicht. Der Laden trägt sich momentan selbst, das war mir auch von Anfang an wichtig, da nicht auf Fremdkapital angewiesen zu sein. Aber Gehälter auszuzahlen trauen wir uns noch nicht. Momentan machen wir das alle ehrenamtlich, ich würde mir aber wünschen, dass wir irgendwann eine richtige Stelle schaffen können. Dafür kann sich unser Team natürlich an unseren Lebensmitteln bedienen, als eine Art Bezahlung.

 

Also hast du noch einen anderen Job?

Ja, ich arbeite noch zehn Stunden die Woche woanders, aber das reicht auch. Ich hinterfrage eh mein gesamtes Konsumverhalten sehr kritisch und habe keine Riesenausgaben für unnötigen Kram, den ich eh nicht brauche.  

 

Wie würdest du reagieren, wenn Leute dein Konzept übernehmen wollen?

Das fände ich super. Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig, dass mehr Menschen sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung auseinandersetzen. Wir bekommen da tatsächlich aber auch schon Anfragen. Manche wollen wissen „Können wir euer Franchise-Konzept haben?“, aber sowas haben wir ja gar nicht. Vielleicht machen wir das bald mal. Auch, um Menschen zu erleichtern, das in ihrer Stadt nachzumachen.

 

Nun ist der Laden ja ein Konzept gegen Lebensmittelverschwendung, trotzdem wird sicher nicht immer alles verkauft werden. Müsst ihr selbst manchmal Sachen wegschmeißen?

Nein, zum Glück nicht. Bei uns arbeitet auch ein Koch, der kocht Reste einfach ein. Gestern bei der Eröffnung gab es auch einen Topf Gemüsesuppe, der bestand aus dem, was die Tage vorher übrig geblieben war. Die Reste davon weckt er uns wiederum ein, es kommt also wirklich nichts weg.

 

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